I

Einmal habe ich mit den Eltern von Frank Castorf lauwarmen Weißwein getrunken, weil ich gerade eine Biografie ihres Sohnes schrieb. Werner Castorf holte uns im Auto vom S-Bahnhof ab, die Fotografin Lucy und mich, und fuhr uns auf die Datsche. Er war in der DDR Rallyemeister gewesen, das bekamen wir jetzt zu spüren. Selten war mir im Auto so übel.

Wir durften aus den Familienalben abfotografieren oder herausreißen, was wir wollten. Wir erfuhren haarsträubende Familiengeschichten, ohne jede Geheimhaltungsverpflichtung. Als wir dachten, das Gespräch sei zu Ende, ging es noch endlos weiter. Dann kam der Weißwein auf den Tisch. Das waren schon viele Grundmotive der großen Castorf-Inszenierungen: Überlänge. Hoher Druck, unter Beweis zu stellen, dass man noch immer zu schnell Autofahren kann. Ein Hang zum Exhibitionismus. Großer Durst und wenig bürgerliche Trinkkultur.

Später brachte Frank Castorf mich in die legendäre Familienwohnung am Prenzlauer Berg, wo er aufgewachsen war. Er warf mir ein paar Seesäcke mit unsortierten privaten Unterlagen hin, Liebesbriefe, Stasiakten. Ich sortierte noch in der Wohnung aus, warf den Schlüssel in den Briefkasten und schleifte zwei große Säcke in ein Taxi. Ich durfte damit machen, was ich wollte. Er wusste, dass ich mich geweigert hatte, eine autorisierte Biografie zu schreiben. In seiner Wohnung in Mitte zeigte er mir nach einem endlosen Gespräch und viel lauwarmem Weißwein beim Abschied Fußspuren außen an seiner Wohnungstür. Hier hätten sich Frauen Eintritt verschaffen wollen, mit Gewalt.

Das Buch erschien und wurde von einer Theaterzeitschrift aus dem Westen zum "Theaterbuch des Jahres" gewählt. Kaufen wollte es keiner. Das Westpublikum der Volksbühne war nicht buchaffin. Und anzunehmen, Castorfs Ostpublikum würde über seinen Fränkie etwas von einem Wessi lesen wollen, dazu noch in einem Buch aus einem von Wessis aufgekauften DDR-Traditionsverlag, war wirklich naiv gewesen.

II

Vor zehn Jahren, als mein Vater im Sterben lag, hat Frank Castorf mir meine jetzige Freundin vorgestellt. Und außerdem hat er mich gefragt, ob ich bei ihm an der Volksbühne arbeiten wolle. Ich habe zugesagt. Ich bin noch nie irgendwo so schnell und so krachend gescheitert.

Der Intendant saß ganz unten im dunkelsten Schacht einer tiefen, weit verzweigten Schaffenskrise. Ich könne machen was ich wolle, hatte er gesagt, er werde alles stützen. Es hörte nur leider niemand auf ihn. Sobald ich das Gebäude zum ersten Mal betreten hatte, war ich kaltgestellt. Frank war da, aber auch nicht da, er wütete und seine wütende Abwesenheit ließ die Wände wackeln. Es gab Angestellte des Theaters, die jeden Tag auf dem Weg zur Arbeit heulten. In der Kantine war man nach fünf Sekunden besoffen, einfach vom Bier- und Schnapsdunst, der in der Luft hing. Gerüchte wucherten wie Schimmelpilze, sie erzählten von schockierenden Exzessen, die angeblich kein Spiel mehr waren. Ich war noch nie an einem so finsteren Ort gewesen. Bert Neumann und Frank Castorf studierten Stalin-Biografien, ich saß in einem düsteren Innenhof vor Glasbausteinen und rauchte Zigarillos. Nach ein paar Wochen war ich überzeugt, dass tief unter diesem Hof der Gott Baal selbst hauste, dem Haus alle Energie absog und daraus seine Droge für perverse Orgien kochte.