Stationen eines Publizistenlebens: Matthias Matussek, geboren 1954, mit Anfang 20, dann während seiner Zeit als "Spiegel"-Korrespondent in den Neunzigern und schließlich 2008, als sein Buch "Als wir jung und schön waren" erschien [M] ZEIT ONLINE/Foto: privat/ullsteinbild/dpa

Matthias Matussek, 63, ist Journalist und Autor. Für den "Spiegel" war er unter anderem Sonderkorrespondent in Ost-Berlin und Büroleiter in New York, Rio und London, später leitete er das Kulturressort. "Die Welt", zu der er als Kolumnist gewechselt war, verließ er 2015 im Streit wegen einer Äußerung auf Facebook zu den Anschlägen in Paris. Viele seiner heutigen, "libertär-rechten" Standpunkte sind höchst umstritten, etwa zum Islam, zur Homosexualität oder zur rechtsextremistischen Identitären Bewegung.

In den siebziger Jahren war Matussek bekennender Marxist und lebte in einer maoistischen Wohngemeinschaft. Für unseren Themenschwerpunkt über das Jahr 1968 beschreibt er hier seine Wandlung "zum heutigen Matussek". Einige Passagen sind seinem E-Book "Als wir jung und schön waren" entnommen.


Ich wurde gebeten, meine Erfahrungen mit den 68ern und die Wandlung zum heutigen Matussek zu beschreiben. Den Auftrag verstehe ich so: Warum bin ich so uncool geworden? Früher mal links und Flower-Power, jetzt Sympathisant der Sponti-Aktionen der "rechten" (und damit automatisch "rechtsextremen" oder "rechtsradikalen") Identitären. Das würde ich selbst gern wissen!

Die flotte Antwort wäre: Indem ich mir treu geblieben bin, eben antiautoritär!

Die ausführlichere wäre die Beantwortung der Frage: Ob mein Weg von der linken zur "rechten" Opposition folgerichtig ist oder nicht?

Die Vorgeschichte ist schnell erzählt, natürlich war ich benachteiligt, von Geburt an. Ich kam ohne Zähne und fast ohne Haare zur Welt, noch nicht mal sprechen konnte ich. Viel Protestgebrüll unter vier Brüdern später, das sich gehalten hat. Fast zwanghaft im Widerspruch. Christopher Hitchens würde sagen: ein "Contrarian".

Mein Vater sagte mal, schon ziemlich früh, aus mir würde entweder ein Verbrecher oder ein Heiliger werden. Ich habe vergessen, ihn zu fragen, ob beides geht, denn beide Karrieren interessierten mich, schon immer.

Ich begann als Heiliger. Im Jesuiten-Internat ministrierte ich morgens um sechs in der Krypta. Als uns in der Quinta oder Quarta mal Pasolinis Matthäus-Passion vorgeführt wurde, wollte ich für Christus sterben. Als Missionar in Afrika, von Löwen gefressen.

An 1968 bin ich unschuldig. Aber da die Krawallgeschichte bei diesem Datum mittlerweile zur Folklore gehört, der Tanz und der Lärm, will ich sie nicht aussparen. 1968 war ich 14 und wechselte vom Internat in die Welt hinaus, plötzlich segelte ich in diesen endlosen Hippie-Sommer hinein wie ein junger Vogel, hinein in den schönen Irrsinn, voll in der Pubertät, und sehr bald nicht mehr unschuldig, wofür ich noch heute unserem damaligen Au-pair-Mädchen dankbar bin. Und da ich keine Gelegenheit mehr hatte, mich bei ihr zu bedanken, denn von einem Tag auf den anderen stand da ein mir völlig unbekannter, sehr robuster und humorloser weiblicher Schrank bei uns in der Küche herum, tue ich es hiermit.

Mein Vater war CDU-Bürgermeister in Stuttgart, ein tieffrommer und innengelenkter, hochbelesener und strenger Zuchtmeister der alten Schule, Vater von fünf Söhnen. Ja, ab und zu rutschte ihm die Hand aus, und das letzte Mal, als das passierte, als er die Hand erhob, stieß ich ihn zur Seite und rannte fort. Immer weiter. Nach Panama!

Mein erster Kampf gegen das Establishment

Ich hatte genug Geld für eine Kinokarte. Also setzte ich mich ins Bahnhofskino und schaute mir Charlie Chaplins Modern Times dreimal hintereinander an, bis das Kino schloss. Draußen war es kalt. Ich stellte mich in die warme Luft, die aus dem Gitter vor einem Kaufhaus blies, bis mich ein freundlicher Mann, der offenbar zur Wachgesellschaft gehörte, ansprach und in seine Bude zu einer Tasse Tee einlud. Ich konnte bei ihm auf einer Bank schlafen. Als ich davon aufwachte, wie er an meiner Hose herumzerrte, bin ich wieder abgehauen.

Nach Hause? Nie wieder! Schließich fuhr ich zu einem Klassenkameraden, dessen Eltern dann die meinen verständigten, und irgendwann war ich wieder zu Hause, und wir sprachen nicht mehr darüber, aber mein Vater schlug nie wieder! In den Jahren vor seinem Tod, er war so unglaublich milde geworden, hat er sich dafür entschuldigt. Er sagte: "Ich wusste es nicht besser." Oh, wie sehr ich ihn verstehen konnte! Ich werde auf ihn zurückkommen.

Dennoch, damals hatte ich einen ersten Kampf gegen das Establishment für mich entschieden. Dabei legte sich mein Vater ständig selbst mit dem parteipolitischen Establishment an! So verfiel er auf die wahnwitzige Idee, ausgerechnet in Stuttgart, der Stadt von Daimler-Benz, eine autofreie Innenstadt zu fordern. Seine Reden spickte er mit Zitaten von Augustinus bis Lenin, und er war nicht der Typ, der abends mit den Kollegen ein "Viertele schlotzte". Das brach ihm politisch das Genick.

1968! Gemeinsam mit ihm saß ich gebannt vor dem Fernseher und verfolgte, wie die Panzer des Stalinismus den Prager Frühling überrollten, bloß weil die Jugend dort ebenso gern wie ich die Beatles und die Beach Boys hören wollte. Mein Vater wusste alles über den Marxismus und über die russische Revolution und den Gauner Stalin, und gemeinsam waren wir empört.