Stationen eines Publizistenlebens: Matthias Matussek, geboren 1954, mit Anfang 20, dann während seiner Zeit als "Spiegel"-Korrespondent in den Neunzigern und schließlich 2008, als sein Buch "Als wir jung und schön waren" erschien [M] ZEIT ONLINE/Foto: privat/ullsteinbild/dpa

Matthias Matussek, 63, ist Journalist und Autor. Für den "Spiegel" war er unter anderem Sonderkorrespondent in Ost-Berlin und Büroleiter in New York, Rio und London, später leitete er das Kulturressort. "Die Welt", zu der er als Kolumnist gewechselt war, verließ er 2015 im Streit wegen einer Äußerung auf Facebook zu den Anschlägen in Paris. Viele seiner heutigen, "libertär-rechten" Standpunkte sind höchst umstritten, etwa zum Islam, zur Homosexualität oder zur rechtsextremistischen Identitären Bewegung.

In den siebziger Jahren war Matussek bekennender Marxist und lebte in einer maoistischen Wohngemeinschaft. Für unseren Themenschwerpunkt über das Jahr 1968 beschreibt er hier seine Wandlung "zum heutigen Matussek". Einige Passagen sind seinem E-Book "Als wir jung und schön waren" entnommen.


Ich wurde gebeten, meine Erfahrungen mit den 68ern und die Wandlung zum heutigen Matussek zu beschreiben. Den Auftrag verstehe ich so: Warum bin ich so uncool geworden? Früher mal links und Flower-Power, jetzt Sympathisant der Sponti-Aktionen der "rechten" (und damit automatisch "rechtsextremen" oder "rechtsradikalen") Identitären. Das würde ich selbst gern wissen!

Die flotte Antwort wäre: Indem ich mir treu geblieben bin, eben antiautoritär!

Die ausführlichere wäre die Beantwortung der Frage: Ob mein Weg von der linken zur "rechten" Opposition folgerichtig ist oder nicht?

Die Vorgeschichte ist schnell erzählt, natürlich war ich benachteiligt, von Geburt an. Ich kam ohne Zähne und fast ohne Haare zur Welt, noch nicht mal sprechen konnte ich. Viel Protestgebrüll unter vier Brüdern später, das sich gehalten hat. Fast zwanghaft im Widerspruch. Christopher Hitchens würde sagen: ein "Contrarian".

Mein Vater sagte mal, schon ziemlich früh, aus mir würde entweder ein Verbrecher oder ein Heiliger werden. Ich habe vergessen, ihn zu fragen, ob beides geht, denn beide Karrieren interessierten mich, schon immer.

Ich begann als Heiliger. Im Jesuiten-Internat ministrierte ich morgens um sechs in der Krypta. Als uns in der Quinta oder Quarta mal Pasolinis Matthäus-Passion vorgeführt wurde, wollte ich für Christus sterben. Als Missionar in Afrika, von Löwen gefressen.

An 1968 bin ich unschuldig. Aber da die Krawallgeschichte bei diesem Datum mittlerweile zur Folklore gehört, der Tanz und der Lärm, will ich sie nicht aussparen. 1968 war ich 14 und wechselte vom Internat in die Welt hinaus, plötzlich segelte ich in diesen endlosen Hippie-Sommer hinein wie ein junger Vogel, hinein in den schönen Irrsinn, voll in der Pubertät, und sehr bald nicht mehr unschuldig, wofür ich noch heute unserem damaligen Au-pair-Mädchen dankbar bin. Und da ich keine Gelegenheit mehr hatte, mich bei ihr zu bedanken, denn von einem Tag auf den anderen stand da ein mir völlig unbekannter, sehr robuster und humorloser weiblicher Schrank bei uns in der Küche herum, tue ich es hiermit.

Mein Vater war CDU-Bürgermeister in Stuttgart, ein tieffrommer und innengelenkter, hochbelesener und strenger Zuchtmeister der alten Schule, Vater von fünf Söhnen. Ja, ab und zu rutschte ihm die Hand aus, und das letzte Mal, als das passierte, als er die Hand erhob, stieß ich ihn zur Seite und rannte fort. Immer weiter. Nach Panama!

Mein erster Kampf gegen das Establishment

Ich hatte genug Geld für eine Kinokarte. Also setzte ich mich ins Bahnhofskino und schaute mir Charlie Chaplins Modern Times dreimal hintereinander an, bis das Kino schloss. Draußen war es kalt. Ich stellte mich in die warme Luft, die aus dem Gitter vor einem Kaufhaus blies, bis mich ein freundlicher Mann, der offenbar zur Wachgesellschaft gehörte, ansprach und in seine Bude zu einer Tasse Tee einlud. Ich konnte bei ihm auf einer Bank schlafen. Als ich davon aufwachte, wie er an meiner Hose herumzerrte, bin ich wieder abgehauen.

Nach Hause? Nie wieder! Schließich fuhr ich zu einem Klassenkameraden, dessen Eltern dann die meinen verständigten, und irgendwann war ich wieder zu Hause, und wir sprachen nicht mehr darüber, aber mein Vater schlug nie wieder! In den Jahren vor seinem Tod, er war so unglaublich milde geworden, hat er sich dafür entschuldigt. Er sagte: "Ich wusste es nicht besser." Oh, wie sehr ich ihn verstehen konnte! Ich werde auf ihn zurückkommen.

Dennoch, damals hatte ich einen ersten Kampf gegen das Establishment für mich entschieden. Dabei legte sich mein Vater ständig selbst mit dem parteipolitischen Establishment an! So verfiel er auf die wahnwitzige Idee, ausgerechnet in Stuttgart, der Stadt von Daimler-Benz, eine autofreie Innenstadt zu fordern. Seine Reden spickte er mit Zitaten von Augustinus bis Lenin, und er war nicht der Typ, der abends mit den Kollegen ein "Viertele schlotzte". Das brach ihm politisch das Genick.

1968! Gemeinsam mit ihm saß ich gebannt vor dem Fernseher und verfolgte, wie die Panzer des Stalinismus den Prager Frühling überrollten, bloß weil die Jugend dort ebenso gern wie ich die Beatles und die Beach Boys hören wollte. Mein Vater wusste alles über den Marxismus und über die russische Revolution und den Gauner Stalin, und gemeinsam waren wir empört.

Sommer der Liebe war zwei Jahre später

Ich las Sartres Büchlein über Marxismus und Existenzialismus, und ein Jahr später batikte ich meine Unterhemden, wie es alle taten, und trug Ketten aus dicken Holzperlen und eine Bongo-Trommel mit mir herum. Nach der Schule saßen wir auf dem kleinen Schlossplatz, warfen Aufputscher, die es rezeptfrei gab und kifften und waren cool und links und Antiestablishment wie alle.

Ich hielt es mit Prinz Leonce aus Büchners überdrehter romantischer Komödie: Ich wünschte, ich könnte mir selbst auf den Kopf schauen. Rausch und Gegenwelten.

Unsere Lehrer hatten zum Teil den Krieg erlebt, unser Griechischlehrer hatte ein Holzbein, das er in fröhlichen Runden gerne mal abnahm. Ich fand ihn toll, aber die meisten hatten Probleme mit mir. Folgerichtig blieb ich sitzen, einfach weil ich zu viel um die Ohren hatte, um mich um Mathe und Physik zu kümmern.

In der Tanzstunde, ja, das gab es damals, boykottierte ich mit meinem Freund das Etikette-Training für die höheren Töchter und las aus Joyce' Ulysses vor, die Beichtszene, und wir lachten uns kaputt, und die Mädchen wurden neugierig und lachten, weil wir lachten, und die Sache war für den verzweifelten Tanzlehrer gelaufen.

Tanzschule, was für eine wundervolle Art, Mädchen kennenzulernen. Die allerdings lernte man auch so leicht kennen, denn der "Summer of Love" fand bei uns einfach zwei Jahre später statt, so um 1969, psychedelische Musik waberte von Haight-Ashbury rüber, Woodstock lief, und die Mädchen trugen Miniröcke, und die progressiveren Mütter besorgten ihren Töchtern Antibabypillen, wir waren links, und damals bedeutete das: pure Lust und Regellosigkeit und Freiheit und das gute Gefühl, die Menschheit zu befreien von den Alten, die den Karren offensichtlich in den Dreck gefahren hatten.

Der Kapitalismus war schuld

Also für mich war '68 ff. zunächst Hippie-Kultur, West-Coast-Underground, Lust. Räusche waren so wichtig wie Ideologie, beides versprach das ganz Andere, ja, sie fielen meistens ineinander, und ich hatte tatsächlich einen kaum stillbaren Theoriehunger.

Mit 16 wurde ich Mitglied der Marxistisch-leninistischen Schülerorganisation, ein Anhängsel des KAB/ML. Ich schrieb für das Rote Signal, unser Zentralorgan, agitierte, ich führte Schulungen durch, denn ich hatte Lohn, Preis, Profit und Lohnarbeit und Kapital aus dem Dietz-Verlag gelesen, und mir war klar, dass das Unglück der Entfremdung, der Ausbeutung, der Kriege, all das seine Ursache im System des Kapitalismus hatte.

Etwa um dieselbe Zeit mussten meine Eltern nach Hamburg ziehen, der Direktor des ehrwürdigen Karls-Gymnasiums (Schiller ging dorthin!) bat meinen Vater inständig, mich mitzunehmen, mein Vater bat ihn umgekehrt ebenso inständig, mich zu behalten, ich war völlig seiner Meinung. Wir hatten uns zu dem Zeitpunkt wenig zu sagen.

Ich kam unter in einer maoistischen Lehrer-WG. Transparente malen und so. Vor allem morgens um fünf Uhr, vor Schulbeginn, am Werkstor von Bosch den zur Frühschicht erschienenen müden Malochern Flugblätter in die Hand zu drücken, mit Parolen wie "Für ein fortschrittliches Betriebsverfassungsgesetz", die sie, nach einem Blick auf die Köpfe von Marx, Engels, Lenin, Stalin und Mao Zedong zusammenknüllten und irgendwohin feuerten.

Ich war also nicht mehr Ministrant, sondern Marxist, übrigens gab es auch hier eine Art Bibel wie im Christentum, auch hier eine Entfristung des Heils, die Rettung wurde auf künftige Generationen verschoben, und bis dahin gab es eine (dem Christentum vergleichbare) unendliche Märtyrergeschichte.

Herrliche Tage in der Anarchie

Die Situation im gemütlichen Schwabenland war allerdings weit entfernt davon, revolutionär zu sein. Die Klassengegensätze wollten sich einfach nicht zuspitzen. Es gab die von Ludwig Erhard und Nachfolgern installierte "Konzertierte Aktion", die freundliche Art, den Widerspruch zwischen Kapital und Arbeit zu entschärfen.

Weshalb ich mich mit meinen Freunden und den Galgenvögeln vom kleinen Schlossplatz dafür entschied, Klassenkampf und Revolution zu überspringen und gleich einzumünden in den Kommunismus, in die Utopie der befreiten Gesellschaft, und, wie Marx schrieb: "... heute dies, morgen jenes zu tun, morgens zu jagen, nachmittags zu fischen, abends Viehzucht zu treiben, nach dem Essen zu kritisieren, wie ich gerade Lust habe, ohne je Jäger, Fischer, Hirt oder Kritiker zu werden."

Wir hatten eine eigenwillige Interpretation. Das Jagen bezog sich auf Streifzüge durch die Delikatessläden der Umgebung mit langen Mänteln und aufgeschnittenem Innenfutter, und obwohl im Kommunismus das Geld abgeschafft ist und wir sowieso keines hatten, gelang es uns doch relativ regelmäßig, uns gut zu ernähren. Kurz, wir klauten wie die Raben, und ich bin nicht stolz darauf. Aber schließlich, auch große Verbrecher haben klein angefangen.

Ach, und was das Kritisieren als kritischer Kritiker anging, das war meistens nachts und sehr laut und auch ein Aufstand gegen die Diktatur der Partei, wenn wir Jefferson Airplanes White Rabbit oder Jim Morrisons The End auf unseren Anlagen aufdrehten bis zum Anschlag.

Herrliche Tage der Anarchie

Nach und nach verließen die maoistischen Lehrer das Haus, das jetzt unser Haus war, eine Festung, ein bezauberndes Fachwerkhaus in Hanglage, das früher einmal einen Kindergarten beherbergte. Wir wohnten mietfrei. Wir waren ein sogenanntes Experiment oder Projekt. Herrliche Tage der Anarchie.

Von der Partei war ich ohnehin ausgeschlossen worden. Sie wollte mich als Delegierten zu einer überregionalen Konferenz nach Göttingen schicken, an einem Wochenende, wo doch genau die schulfreien Wochenenden reserviert waren für meine revolutionäre Liebe zu einer Hippieprinzessin. Ich weigerte mich. "Genossen", rief ich zu meiner Verteidigung, "nur ein befriedigter Genosse ist ein guter Genosse". Ich hatte das bei Wilhelm Reich gelesen. Allerdings hatte ich nicht bedacht, dass Wilhelm Reich wegen kleinbürgerlicher Abweichungen aus der III. Internationale ausgeschlossen worden war, also auf dem Index stand. Über den durfte gar nicht diskutiert werden. Ich lernte sehr früh, dass die linke Ideengeschichte voller Verbote war.

Kurz überlegte ich, ob ich mich der IV. Internationale, also den Trotzkisten anschließen sollte. Da stand der Trotz sozusagen schon im Firmenschild. Aber wer weiß, was die sich für die Wochenenden einfallen lassen würden.

Dennoch war ich immer noch links, ich las theoretische Verfeinerungen, las das Monopolkapital von Baran und Sweezy, lernte Begriffe wie "Surplusvernichtung" (die bei Schumpeter als "schöpferische Destruktion" vorkommt), ich wollte die Menschheit retten, auf alle Fälle, aber ich war in erster Linie verliebt, und träumte Heldenträume.

Schwarzer Pulli mit rotem Stern

Irgendwann, als sie in meinem Arm lag, die Hippieprinzessin, so schön und warm mitsamt ihren rotbraunen oder kastanienroten Locken auf meiner Brust, sagte ich: "Natürlich muss ich mich auch darauf gefasst machen, also irgendwann mal auf der Barrikade zu sterben." Das floss so süß ineinander, meine Liebe zu diesem schönsten Mädchen des Universums und mein Heldenmut, der sich in einer vagen Zukunft bewähren würde, und die revolutionäre Entschlusskraft war so enorm, das mir Tränen in die Augen traten. Sie streichelte mich mitfühlend.

Das White Album der Beatles war gerade herausgekommen, es lief der psychedelische Stimmwirrwarr von Revolution Nr.9 und dann Sexy Sadie und Mother Nature's Son, und wir schmiegten uns heftiger aneinander, und die Barrikaden konnten erst mal warten. Ich war mir sicher, dass sie dort sein würde – wo auch immer – wenn ich die tödliche Kugel gefangen hatte und mir den Todesschweiß aus der Stirn wischen würde und ihre Tränen, und meine letzten Worte: "Ich liebe ..." Und der Rest blieb offen ... die Revolution?

Sie hatte mir einen schwarzen Pullover mit rotem Stern gestrickt. Damit hatte sie erst mal ihren Treuebeweis erbracht, obwohl sie die Tochter eines Mercedes-Vorstands war, also des Klassenfeindes, den ich vergeblich für ein "fortschrittliches Betriebsverfassungsgesetz" zu gewinnen versuchte, ihn, den Personalvorstand, und er war eines Abends soweit, mich aus seinem Bungalow zu werfen, wenn nicht die Prinzessin-Mama dazwischengegangen wäre.

Meine Prinzessin hatte mir sogar meine 50-seitige Hausarbeit über Karl Kraus abgetippt, den ich ebenfalls bewunderte. Sie liebte mich, zumindest für eine weitere Unendlichkeit von vier Monaten, bis sie mich verließ und mit einer anderen Frau zusammenzog. Neben dem Hauptwiderspruch zwischen Kapital und Arbeit gab es zahlreiche Nebenwidersprüche, die nicht zu unterschätzen waren.

Missionarisch wie mein Vater

"Die Blumen waren zertrampelt": Matussek mit 21 Jahren © privat

Noch 1970 also bestand der Protest aus Lust und Pop, ich flog über jedes Kuckucksnest, fühlte mich wohl und im Recht und allen bourgeoisen Regeln überlegen, und es war eine Sache der Ehre, die Konzerte der Stones und der Who und Pink Floyds umsonst, also mit gefälschten Eintrittskarten, zu erleben. Dennoch, ich agitierte unverdrossen, missionarisch wie mein Vater, eine Sache, die ich offenbar beibehalten habe.

"Leute", sagte ich, als wir mal wieder LSD geworfen hatten, "die Sache ist soooo klar", und begann zu erklären, aber die anderen wollten nur erleben, wie sich das Licht in seidigen farbigen Perlenschnüren auf sie zubewegte und Fleetwood Macs Bare Trees so unendlich sanft in die Ohren tropfte und Larry Coryell mit seinen sanftjazzigen Gitarrenläufen.

Ich war immer neugierig auf die andere Seite, ich brannte darauf, sie kennenzulernen, die Immanenz langweilte mich, vielleicht war es ja möglich, schon vor dem Tod den Himmel zu erleben. Die schöne Madonna übrigens hatte ich von zu Hause mitgenommen. Sie hing neben dem bärtigen Marx. Alle hatten dieses Poster. In Peter Schneiders Lenz gibt es diese wunderschöne Anfangsszene, als Lenz sein Marx-Poster auf den Kopf hängt "um das Gehirn abtropfen zu lassen".

Wir ließen mächtig abtropfen in unserer Festung, unter uns Sitzenbleibern, Ausreißern ein schwuler Buchhändler, der über einen enormen Zitatenschatz verfügte und ziemlich durchgeknallt war, und eines Nachts die schwarze Katze, die uns zugelaufen war, er nannte sie Bucharin, in einem Schauprozess schuldig sprach.

Nicht nur Katzen liefen uns zu, auch die höheren Töchter der Umgebung, bei uns war immer Party, und das Haus ächzte und wimmerte in unserer jugendlichen Zerstörungswut, denn irgendwann drehte man uns den Strom ab und wir waren gezwungen, für die Musik den Sicherungskasten zu manipulieren, und im Übrigen Geländer und Verschalungen und Ähnliches zu verfeuern, und dann, eines Wintermorgens, rückten die Bagger der Stadtverwaltung an, während wir uns noch von der Nacht zuvor mühsam erholten.

RAF war schnell durch für mich

Ich habe der Sache in einer Kurzgeschichte unter dem Titel Bucharins Ende ein dramatischeres Ende gegeben: "Wir hatten das Nötigste in Sicherheit gebracht. Nun standen wir da und schauten zu, wie die Festung abbrannte. Irgendein Idiot hatte wohl vergessen, die Ofentür zu schließen."

Ab und zu sprang ein Balken und dann sprühte Funkenregen in den Himmel, und es stank nach Plastik, weil sich das Feuer über eine vergessene Plattensammlung hermachte. Das Feuer hatte tausend wütende Gesichter und tausend Zungen und es fraß sich durch die hölzernen Eingeweide der Festung, die überhaupt keine war, sondern sofort nachgab. Sie fiel zusammen wie ein Kartenhaus und dann stob sie mit dem Funkenregen in die Höhe, wie ein Luftschloss wirbelte sie über die Tannenspitzen davon in die Winternacht, eine glühende Halluzination, und wahrscheinlich, dachte ich in dem Moment, war sie nie was anderes gewesen, als das: eine Halluzination."

Es gab ein neues Haus, eine neue Kommune, erneut mietfrei, das Bürgertum damals in Stuttgart war "fortschrittlich", war tolerant. Wir sahen Alis Sieg über George Foreman am Fernseher wie um ein Lagerfeuer geschart, das Gute hatte gewonnen, obwohl ja eigentlich Foreman schwarze Unterschicht war und Ali Mittelstand mit Finanziers im Rücken, aber er hatte mit seiner Kriegsdienstverweigerung dem Establishment den Finger gezeigt. Und er war schön und ein Poet.

Diesmal tauchte ein heroinsüchtiger, desertierter GI bei uns unter, der keine Lust auf Vietnam hatte, ein paar wirre 16-jährige RAF-Sympathisanten nisteten sich ein, die Sache war schnell durch für mich, und ich entschloss mich, mit der Kerngruppe in einem VW-Bus nach Indien zu fahren, das Bewusstsein zu erweitern.

Zwei Monate im indischen Gefängnis

In Teheran, der Schah war noch an der Macht, gerieten wir in unserem VW-Bus, in dem wir schliefen, in einen schweigenden Marsch von Schiiten, die sich den Rücken geißelten. Wir wachten von dem "klatsch-klatsch" auf und lugten durch die Vorhänge nach draußen und beschlossen, gaaanz still zu sein, wir standen mitten in diesem Strom von blutigen Menschenleibern. In Lahore, Pakistan, kamen wir auf die sehr kapitalistische Idee, ein Kilogramm Haschisch für ganze 20 Dollar zu kaufen, um es in Goa (Indien) für sagenhafte 400 Dollar zu verkaufen.

Da die Sonne senkrecht stand über dem asphaltierten Niemandsstreifen zwischen der pakistanischen und der indischen Grenzbaracke, rund 500 Meter Fußweg, fing das Zeug, das ich zu Schuheinlagen zurechtgeschnitten hatte, an zu mampfen und zu riechen, weshalb die Dame am indischen Zoll – blauer Sari, drittes Auge auf der Stirn – mich sofort rauswinkte. In Ketten wurde ich ins Central Jail of Amritsar verbracht, wo ich zwei Monate brummte.

Ich hatte zwei Bücher dabei: Simmel Es muss nicht immer Kaviar sein und Marcuses Der eindimensionale Mensch, dazu hatte ich mir schnell noch einen Batzen aus der sichergestellten Schmuggelware in den Hosenbund gesteckt. So hatten wir im Knast genug zu rauchen, und weil der Fraß unerträglich war, las ich den übrigen (Franzosen, Schweden, Italiener, einer aus San Francisco) die Rezepte aus Simmels Buch vor.

Dutschkes Versprecher

Irgendwann rochen die Sikh-Wärter wohl was, und ich wurde, nachdem ich mit einer Bastklatsche ins Genick geschlagen wurde bis der Hals anschwoll und die Luft knapp wurde, zwei Tage lang in Eisen gelegt. Marcuses Buch, diesen verführerischen, von kalifornischer Hippie-Sonne durchstrahlten Leitfaden zum zivilen Ungehorsam, studierte ich still, mit dem eisernen Entschluss, nie ein eindimensionaler Mensch zu werden. Wie sang John Lennon in Revolution: "You say you want a revolution... you better free your mind instead." Interessant in dem Zusammenhang der Versprecher Rudi Dutschkes nach dem Mordanschlag auf ihn, als er wieder reden lernen musste. Er verwandelte die berühmte Marx-Formel, dass es nicht genüge, die Welt zu interpretieren, sondern man müsse sie auch verändern. Dutschke sagte, "es genügt nicht, die Welt zu interpretieren, sondern man muss sich auch ändern".

Wir waren neben dem Trakt mit den Todeszellen untergebracht, einer stand da auf der anderen Seite der Mauer, offenbar auf einem Stuhl, ich holte mir auch einen, wir konnten uns mit den Fingern berühren, er saß dort, weil er an einem Terroranschlag auf Indira Ghandi beteiligt war. Er hieß Gupta, kannte Gedichte von Tagore, gebildeter Typ. Und tröstete ausgerechnet mich verwirrtes Wohlstandskind.

Eines Morgens fehlte die Hand. Keine Antwort auf meine Rufe. Ich fragte den Wärter, was mit ihm passiert sei – er sagte, Gupta sei die Nacht zuvor gehenkt worden.

Abgeräumt vom Punk

Zwei Wochen später gab es einen öffentlichen Ringkampf im Knast, ich ging frühzeitig wieder zurück in unsere Ausländerzelle und wurde, ohne es zunächst zu registrieren, verfolgt von zwei dunklen kurzhaarigen Typen, die mich dann an eine Innenmauer pressten, um mich zu vergewaltigen – im letzten Moment fuhr Peter dazwischen, ein langhaariger blonder friesischer Zwei-Meter-Riese, der mit mir zusammen eingefahren war. (Er starb drei Jahre später an einer Überdosis Heroin.) Wieder draußen übernachteten wir auf dem Dach des Golden Temple in Amritsar, wir hatten Opium genommen und waren geradezu kosmisch versöhnt, wir schwammen im Sternenhimmel über uns und erlebten einen Vorgeschmack aufs Paradies.

Ich zog nach Berlin, wie alle meine Freunde. Der breiige Orchesterpop von Yes und die Songwriter-Harmlosigkeit von Billy Joel waren durch Glam-Rock abgelöst worden, und wenig später räumte der Punk Flower-Power-Idioten wie mich umstandslos ab. Irokesenhaare, Pickel im Gesicht, Sicherheitsnadeln und verrotzte Lederjacken, ich konnte nichts damit anfangen. Ach ja, und die Mädchen trugen Wickelröcke bis auf den Boden, und alle lasen Svende Merian.

Ich hatte meine Punk-Phase bereits im Fachwerkhaus 1970 hinter mich gebracht, als ich die maoistischen Lehrer mit MC5s Kick out the Jams vertrieben hatte. Jetzt wollte ich nur noch meine Ruhe, und mein Studium so schnell wie möglich hinter mich bringen und nahm keine Notiz von David Bowie, der in Schöneberg in diesem Café gegenüber des Kino Notausgangs mit Leuten wie Salomé oder Rainer Fetting abhing.

Selbstaufklärung der Aufklärung war gefordert

Ich war links, aber heimatlos, der deutsche Herbst war kalt und hart in Berlin, ich war schwer depressiv, isoliert, völlig vereinsamt. Die RAF-Morde, die Herointoten. Ja, ich absolvierte den obligatorischen zweisemestrigen Marx-Kapital-Kurs an der Berliner FU, aber daneben belegte ich bei den Literaturwissenschaftlern auch Adornos Ästhetische Theorie und alles, was mich interessierte, die Surrealisten und Winsor McCays Little-Nemo-Abenteuer und ging zu einem Kenner der Schwarzen Romantik in einen Kurs, in dem wir uns Selbstfabriziertes vorlasen.

Hässliche Zeit, bleierne Zeit diese siebziger Jahre. Ich war ein unverstandenes Genie und Dandy mit Locken, ich schrieb Gedichte, und trug einen engen schwarzen Strickpulli mit weißem Schal, leicht androgyn das Ganze, aber das war David Bowie auch.

Für mich war Adorno/Horkheimers Dialektik der Aufklärung eine Offenbarung. Sie bot mir nun die einleuchtendste Systemkritik in einer faszinierenden Mischung aus Marxismus und Mythologie, Anthropologie und Kulturkritik. In meinem Exemplar war fast jede Zeile unterstrichen. Selbstaufklärung der Aufklärung, das war nun gefordert.

Bolzenschleifen mit Rilke

Klar war ich links, aber wenn die Chaoten die Emmerich-Vorlesung über Kafka platzen ließen, um uns für den Befreiungskampf in Mosambik zu interessieren, in schlechtem Deutsch mit vielen Ausrufezeichen, jeder Satz ein Schuss ins Blaue, war ich angeödet.

Eine völlig verblödete, geheimnislose Haltung zur Welt sprach sich da aus, ich dagegen liebte das Geheimnis, die Kunst, die Nachtseite, ich kannte Ginsbergs Howl auswendig und las Burroughs' Naked Lunch und de Quinceys Opiumesser, ich mochte The Dark Side of the Moon.

Mir sagte der messianische Revolutionsbegriff Walter Benjamins zu, der die Rettung der Toten miteinschließt, auch die nachdenkliche Tiefenwendung von Max Horkheimer am Ende seines Lebens, hin zu seinen jüdischen Wurzeln, da entdeckte ich vertraute Schwingungen, das alles ließ die platten Revolutionsidioten weit hinter sich.

Nachts, allein in einer riesigen Werkshalle, ein Studentenjob, schliff ich Bolzen zurecht, eine automatische Angelegenheit, und um nicht zu verblöden, lernte ich Rilkes Sonette an Orpheus auswendig und schrie die ölige stampfende Maschine an: "Da stieg ein Baum, O reine Übersteigung, O Orpheus singt! O hoher Baum im Ohr! Und alles schwieg, doch selbst in der Verschweigung, ging neuer Anfang, Wink und Wandlung vor! ..."

Die Nationalhymne als Provokation

Ich warf meinen letzten Trip 1974, als Nico von Velvet Underground, Eno und John Cale beim Metamusik-Festival in der Berliner Nationalgalerie auftraten. Kein schöner Trip, nicht diese sanfte Lichtflut, die sich in Perlenschnüren auflöst. Berlin bot eine nie abreißende Kette von hochsubventionierten Festivals. Man saß auf Kissen auf dem Boden, Nico hatte eine Art Akkordeon mit Blasebalg dabei, und sie sang die deutsche Nationalhymne, hinein in einen anschwellenden Chor aus Buh-Rufen.

Das war damals die größte Provokation, die sich vorstellen ließ: die Nationalhymne. Es gehörte zum guten Ton, ja zur Selbstverständlichkeit unter Intellektuellen, Deutschland zu hassen, und amerikanische Avantgarde-Künstler fanden diesen merkwürdigen Selbsthass interessant und spielten damit.

Das war ein ganz schlechter Start für diesen Trip. Ich lief hinaus in die Nacht und fühlte mich wie ausgespuckt, lief die zwei oder drei Kreuzberger Kneipen an, die in der Nähe lagen, auf der Suche nach Freunden, nach menschlichen Gesichtern, aber ich fand keine, ich flipperte ein wenig, aber die Krokodile auf dem Flipper-Untergrund bewegten sich und schnappten nach der Kugel, ich stand in Flammen, lief wieder nach draußen und lief über den Mond, über eine verkarstete, leere Einöde im Weltall – einsamer habe ich mich nie gefühlt.
Mein persönliches Ende von Flower-Power.
Die Blumen waren zertrampelt.
Die "One-World"-Blütenträume ausgeträumt.

Blumenkohl-Kommunion

"Ich warf meinen letzten Trip 1974": Matussek Mitte der Siebziger. © privat

Ich trieb immer weiter zur Mauer hin, fröstelnd, hinter dem Schlesischen Tor war eine Gegend mit verlassenen Fabrikhallen, ich sah Gestalten um ein Feuer sitzen und ich setzte mich dazu. Es waren Penner, die hier wohnten, und die sich Blumenkohl, den sie aus dem Abfallcontainer eines Gemüsemarktes organisiert hatten, in einem Kessel kochten. Verwitterte, rohe Gesichter, Männergesichter voller Dreck und Narben, mit Kinderaugen, manche stumpf, manche furchtsam.

Ich verspürte unglaubliche Zuneigung zu diesen verletzten, ausgepowerten, ausgemusterten Menschenresten, die so viel lebendiger waren als alles, was ich in dieser Nacht erlebt hatte, auf jeden Fall menschlicher als die Kunst-Schickeria und die blasierten Nickelbrillen des Metamusik-Festivals.

Es war etwas sehr Katholisches, der Blumenkohl, den wir da aufteilten, das war eine Art Kommunion, ich sah Christus-Gesichter.

Nach der Zwischenprüfung (heute Bachelor) besuchte ich die Münchner Journalistenschule. München war im Vergleich zu Berlin ein Sanatorium voller zufriedener Menschen ohne alle Aggressionen. Statt Drogen zu nehmen, soff man dort, meine Funktion im Praktikum bei der Boulevardzeitung tz bestand darin, morgens eine Zweiliterflasche Grüner Veltliner auf den Tisch der Lokalredaktion zu stellen.

Da ich immer übertreiben muss, soff ich weiter und weiter, zog zurück nach Berlin und soff mich nach einem Selbstmordversuch in die Irrenanstalt.

Als ich dort aufwachte, war da – mein Vater. Er besuchte mich, es war kurz vor Ostern, er war voller Liebe und ohne alle Vorwürfe, und er weckte in mir erneut den Glauben meiner Kindheit, den Glauben an eine Auferstehung, auch an meine eigene. Es war, wie Bloch am Ende seines Prinzip Hoffnung schreibt, ein Nachhausekommen, eben diese Hoffnung, dass in der Welt etwas entsteht, "was in unser aller Kindheit scheint und worin noch keiner von uns war: Heimat".

In der Kunst schon nicht mehr links

In den kommenden Jahrzehnten würde ich kein Glas, keine Drogen mehr anrühren. Besonders für junge Gemüter ist das Gift!
Mittlerweile, ich war 24, begann ich als Journalist zu arbeiten, im Berliner Abend, der Boulevard-Zeitung des Tagesspiegel, eine Mittagszeitung für studentische Spätaufsteher, Bleisatz, unter dem hinreißenden unvergesslichen Claudio Isani, mit dem ich Antiquariate durchstöberte, "hier, Cortazar, musst du lesen", ein Feuilletonist, der tanzte in seinen Literaturkritiken, überbordend fröhlich, vor allem morgens um sechs in der "Gasse" der Bleisetzer, wenn es darum ging, Überschriften zu erfinden. Leider starb er früh, erfuhr ich später von seiner Frau, mit gerade 60.

War ich noch links in jenen Tagen? Sicher nicht, wenn es um Kunst ging. Ich liebte das Theater von Peter Stein, nachdem er sich von seinen Agitprop-Unternehmungen zurückgezogen hatte. Peter Steins magische Inszenierung der Sommergäste spielten wir privat nach. Ich war Vlas, den Michael König hinreißend als zynischen Clown gab, "stets Verlass auf Vlas!".

Dann die großen Botho-Strauß-Komödien über die linke Vernissage-Gesellschaft und ihre Störenfriede, die verkanteten Seelen, quer zum Betrieb, die Edith Clever, Libgart Schwarz, Jutta Lampe, was für Wundererscheinungen in Groß und Klein, Bekannte Gesichter, gemischte Gefühle, Trilogie des Wiedersehens und als Nachläufer Kalldewey, Farce.

Damals hörte ich die berühmte Rundfunk-Debatte zwischen Gottfried Benn und Johannes R. Becher von 1930. Becher forderte politische Tendenzdichtung zur "Befreiung der Menschheit". Ich war auf Benns Seite. Der antwortete dem dichtenden Klassenkämpfer, dass er eine Weltvernunft nicht zu entdecken vermöge. "Eine der glücklichsten Eigenschaften der Menschheit ist ihr schlechtes Gedächtnis, das höchstens ein, zwei Generationen zurückreicht. Daher ihr Optimismus, ihr ruchloser Optimismus, um ein Wort Nietzsches zu gebrauchen." Mit denselben ideologischen Argumenten, so hielt er Becher entgegen, der beim klassenkämpferischen Zeitgeist untergehakt war, hätte auch Dschinghis Khan in China einrücken können. Nein, Weltvernunft in der Geschichte mochte Benn nicht entdecken. "Die Unteren wollten immer hoch, und die Oberen nicht herunter. Schaurige Welt, kapitalistische Welt, seit Ägypten den Weihrauchhandel monopolisierte und babylonische Bankiers die Geldgeschäfte begannen."

Moralisierende Imperative

Fatalistisch, aber es sprach mir aus der Seele, damals, denn den Glauben an eine linke Utopie hatte ich verloren und jede noch so ferne Sympathie dafür angesichts der moralischen Bruchlandung der RAF-Mörder, und hatte damit einen ersten Mosaikstein zum "heutigen Matussek" gesetzt.

Im Tip, dem Berliner Stadtmagazin, stieß ich auf Jörg Fauser, den wohl coolsten Krimiautor, der nebenbei ein begnadeter Essayist (Orwell, Huxley) und Songschreiber (Der Spieler für Achim Reichel) war. Er fand das Regietheater zum Kotzen und all den übrigen subventionierten Avantgarde-Käse, den das Berliner Kulturleben im Überfluss produzierte. Der Katholik Graham Greene war ein Gott für ihn. Von den Grün-Alternativen meinte er, dass sie die wehleidige Krätze sind, dass sie unkultiviert und egoistisch und dumm sind, dass man sie bekämpfen muss, wo es nur geht.

Bekämpfen aber wollte ich sie gar nicht, manches erschien mir naiv-schön, ein Freund aus der Journalistenschule war deren Sprecher, plötzlich mit langem Popen-Bart, aber mir gingen die moralisierenden Imperative auf die Nerven. Ja, inzwischen hatte ich aufgehört, ein zuverlässiger, ein selbstverständlicher Bündnispartner der Linken zu sein.

Mit Ginsberg, Faithfull und Biafra in die Prärie

Herrschaftskritik jederzeit, nun allerdings hatte die Herrschaft gewechselt, denn nun hatte der linke Diskurs übernommen.
Wie faszinierend dagegen das dunkle Erlebnis Faust des Regiemystikers Klaus-Michael Grüber in der Volksbühne, mit dem alten Bernhard Minetti in fleckiger gelber Werther-Weste nahezu im Solo. Mit ihm war ich befreundet, ich schaute Länderspiele mit ihm zusammen. Kurt Hübner ließ mich heimlich in die Piscator-Loge während der Proben, nach meiner Kritik rief mich die Stern-Chefredaktion an, sie wollte mich abwerben, sie musste sich nicht sehr anstrengen, ich wollte zu den Profis in die Bundesliga.

Natürlich war der Stern links, weil es einfach das herrschende Milieu war. "Wir haben abgetrieben", war eine der berühmtesten Titelgeschichten. Rechts war uncool. Allerdings war rechts manchmal auch extra-cool: Ein paar Monate nach meinem Beginn dort stolperte die gesamte Hierarchie über die gefälschten Hitler-Tagebücher, die fasziniert vom Vorstand angekauft worden waren, die Redaktion streikte und probte den Aufstand, aber letztlich, wie nach jedem Aufstand, wurden nur die Pfründe neu verteilt.

Ich liebte Außenseiter, offenbar weil ich mich in ihnen spiegelte. Ich porträtierte einen Mann, der im Müll lebt. Ich stöberte den Dichter Robert Lowry in einer Irrenanstalt auf. Ich porträtierte den großen Trinker Charles Bukowsky, den großen Junkie William R. Burroughs mit seiner Waffensammlung.

Mit den "Gib Gas, ich will Spaß"-Achtziger-Jahre-Tempo-Journalisten, die später eine Zeit lang Schlüsselpositionen in den Feuilletons besetzten, konnte ich nichts anfangen. Ich fand sie zu überzeugungslos, zu oberflächenglatt, zu designverliebt. Stattdessen traf ich 20 Jahre nach dem "Summer of Love" mit Allen Ginsberg und Marianne Faithfull und Keith Haring und Yello Biafra in Kansas zusammen – wir ballerten in die Prärie.

Lenin im Müll, Madonna an der Wand

Waren sie links? Es interessierte sie nicht besonders, sie waren Underground, sie lebten ihre Art von Widerstand, wobei Burroughs wie alle anderen der Reagan-Regierung in Washington nur das Allerböseste zutraute. Und mir waren sie wegen ihres Widerstandes sympathisch.

Meine Marx- und Leninposter waren längst im Müll, aber die Madonna hing an der Wand, anmutig und schön, und sie zertrat mit zartem Fuß das Böse, das sich unter ihr in Form der Schlange um die Weltkugel legte. Und allmählich kam der Zweifel, nicht nur, ob ich es schaffen würde, den Kapitalismus zu besiegen, sondern ob ich es überhaupt wollte.

Kurz darauf der Spiegel. Einer der ersten Texte dort war gleichzeitig einer meiner letzten, die ich auf Schreibmaschine verfasste, und dazu einer der ganz seltenen, die ich (fast) ohne jede Korrektur herunter- und heraustippte. Es war ein Porträt über Edith Clever und Hans-Jürgen Syberberg, die Kleists Penthesilea auf die Bühne brachten. Zwei Solitäre. Ein Feuer-Erlebnis, und ich schrieb über den Umgang mit den beiden und über das innere Erlebnis, die Sätze waren fertig im Kopf, ich schrieb nur ab.

Zwei Jahre später erlebte ich, nach dem Mauerfall 1989, den Zusammenbruch der linken Theorie, allgemeiner: den Offenbarungseid eines Systems, das aus Lügen gezimmert war und einbrach wie eine morsche Theaterkulisse. Da war ich wohl, nach politischer Arithmetik, rechts, ein weiterer Mosaikstein zum "Matussek von heute", denn ich fuhr durchs Land und unterhielt mich mit den Opfern. Einquartiert war ich im Ostberliner Palasthotel.

Leere linke Phrasen

Tatsächlich ein Kuddelmuddel aus Täter- und Opferbiografien, lauter Flickversuche. Das System der bösen alten verbohrten Männer hatte unendliche Verheerungen, unendliches Leid angerichtet. Vor allem: durch die Lüge in der Sprache. Es gab diese zwei Bereiche, in der Öffentlichkeit hielt man sich an die geforderten Sprachregelungen, in der Küche dagegen wurde Wahrheit geredet. Der Psychiater Maaß sprach vom "Gefühlsstau", der entsteht, wenn eine politisch "falsche" Äußerung zur sozialen Ächtung, zu Berufsverbot und eventuell Gefängnis führt.

Kennen wir das nicht heute wieder, in den Beschwörungen vom "Kampf gegen rechts" und dem "Antifaschismus" als Zivilreligion und "One World" (also Die Internationale, die es selbstverständlich nur als Phrase gab) und "Uns werden Menschen geschenkt"?

Der Krebs der Lüge fraß sich durch alles, all diese Phrasen von "Völkerfreundschaft" und "Solidarität" und "Besserer Zukunft" bis hin zur herrlich skurrilen unbeholfenen Autobahnwerbung "Küken aus Segrehna – gesund, vital, leistungsstark" oder "Electroimpex aus Bulgarien – ein verlässlicher Handelspartner". Aber es waren die moralischen Phrasen, die mich empörten, weil sie die schiere Unmoral, die Zuchthäuser, die nackte und brutale Herrschaft über Andersdenkende versäuselten.

Das Recht des Einzelnen auf Dissidententum

Selbstmordstatistiken wurden nicht veröffentlicht, denn der sozialistische Mensch ist ein glücklicher Mensch, ich schrieb ein Buch über diese Zeit (Palasthotel) und eines über Biografien, die im Selbstmord endeten (Das Selbstmordtabu). Eines muss man ihm lassen, schrieb Alexander Osang damals in der Berliner Zeitung, Matusseks Reportagen seien brillant und böse, "aber immer auf Seiten der Opfer".

Mein Thema war Herrschaftskritik, mein Plädoyer war das Recht des Einzelnen auf Dissidententum. Figuren auf der Klippe. Das ist für mich, liebe Freunde und Matussek-Verächter, immer das Spannendste gewesen und geblieben.

Die für mich zweifellos wichtigste Begegnung aber war die mit einer jungen Slawistikstudentin, die gerade aus der Moskauer Lomonossow-Universität zurückgekehrt war, da war ich weder links noch rechts, sondern verliebt und heiratete sie. Überfallartig, bevor sie groß nachdenken konnte, Harassment alter Schule! Im vergangenen Jahr feierten wir Silberne Hochzeit.

Als in Hoyerswerda 1991 Steine gegen Vietnamesen und Mosambikaner geworfen wurden, war ich als erster zur Stelle und fuhr mit verängstigten Vietnamesen in einem Bus mit gesplitterten Scheiben durch die Nacht, und ich schrieb eine Spiegel-Titelgeschichte über das Progrom an denjenigen, die im Rahmen der "Internationalen Völkersolidarität" hier untergebracht waren, ohne je wirklichen Kontakt zu haben mit "denen, die schon länger dort lebten".

Ich schrieb aber auch über die ratlosen, dumpfen Täter in ihren freudlosen Silos, viele junge darunter, die an den Wänden ihrer Kinderzimmer schwarze Popidole wie Michael Jackson hängen hatten und keine Sprache für ihre Widersprüche, also auf ihre Art Opfer.

Die Macht des öffentlich erlaubten Diskurses

Kurz darauf zog ich mit meiner jungen schönen Frau nach New York, als Korrespondent, nur raus aus dem deutsch-deutschen Schlamassel, unser Sohn wurde dort geboren, und er ist sehr stolz auf einen amerikanischen Pass. Wie sehr ich dieses Land liebte! Über die dort an den Unis gerade ausbrechende Political Correctness schrieb ich Anfang der Neunziger mit einer Verwunderung wie über Marsmenschen. Ein Junge in Cornell hatte beim Tanzen in der Mensa übermütig ein Mädchen geküsst, ohne sie zuvor förmlich um Erlaubnis zu fragen, er wurde wegen "sexual harassment" zu einer öffentlichen Selbstkritik in der Campus-Zeitung verdonnert, sowie zu einer sechswöchigen Sexualtherapie, sein Verbleib an der Uni war ein Gnadenakt, für den er sich im Gespräch mit mir auf seiner Bude eingeschüchtert und nahezu schlotternd vor Angst bedankte. Nach meiner Erfahrung mit DDR-Opfern hatte ich die Macht des öffentlich erlaubten Diskurses nicht wieder in dieser puren Tyrannei erlebt.

Wie hatte ich eingangs gesagt: Ich bin herrschaftswidrig aus Reflex, und die feministischen Hexenjagden auf dem Campus waren eine fürchterliche Form von Herrschaft. Daneben, selbstverständlich, Reportagen kreuz und quer durchs Land, unter anderem, sympathisierend, über ein junges politisches Genie namens Bill Clinton, und als Fleetwood Mac seine Inthronisierung zum Präsidenten begleiteten, waren für einen Moment die Sixties zurück. Auch danach, während des Lewinsky-Skandals, sorgte er für vergnügliche Geschichten.

Ich schrieb über Lobbyisten, über Filmstars und über Obdachlose, über Randfiguren, mit denen ich im Washington-Fort-Shelter Nächte verbrachte, verwirrte GI-Veteranen im New Yorker Tunnelsystem, aber auch über die Partys des neuen Rat Packs Brett Easton Elis, McInerny und Tama Janowitz, die ich mit Harold Brodkey besuchte. Das Schöne am Journalistenberuf ist dieses Wandern durch sämtliche Milieus. War ich links oder rechts? Ich war Journalist mit Hunger auf Geschichten.

Missionar der Männerbewegung

Zurück in Deutschland wurde ein weiterer Teil des "Matussek von heute" sichtbar, denn ich schrieb über Väter, die hungerstreikten, weil sie nach der Scheidung von ihren Frauen erfolgreich gehindert wurden, mit ihren Kindern Umgang zu haben, und auf ihre Rolle als Zahlväter reduziert wurden. Ich schrieb über die Zerstörung von Familien aufgrund eines falschen Anreizsystems, das genau dazu ermunterte.

Und ich wusste aus eigener Erfahrung, wie wichtig Väter für ihre Kinder, besonders ihre Söhne, sind. Tatsächlich war mein Vater, nachdem ich wieder bei Sinnen war, einer der wichtigsten und geliebtesten Menschen und Ratgeber bis zu seinem Tode, er war: Vater. Ich schrieb ihm in meiner Novelle Die Apokalypse nach Richard einen Liebesbrief hinterher.

Mein Titel Die vaterlose Gesellschaft war eine wütende Polemik gegen die Frauenallmacht in Behörden, Gerichten, Ämtern, in der Berater- und Scheidungsindustrie, und eine Warnung davor, Väter nach einer Scheidung auszugrenzen. Ich zog mit meinem gleichnamigen Buch als "Missionar der Männerbewegung" (Stuttgarter Zeitung) durch die Lande, und bekam von der Zeitschrift Emma das Etikett "Pascha des Monats". Nun war ich der Frauenfeind. Wo es mir doch lediglich um Gerechtigkeit für Männer ging und die Rettung der von den 68ern verteufelten Familie.

Kürzlich traf ich Alice Schwarzer beim Börne-Preis in der Paulskirche. "Wer hätte gedacht", rief sie, "dass ich mal mit Ihnen Seite an Seite kämpfen würde", wobei sie Bezug nahm auf meine islamkritischen Artikel, die selbstverständlich die Gleichberechtigung der Frauen und andere demokratische Errungenschaften einklagten. "Sie sind einfach endlich meiner Meinung", antwortete ich.

Verführbar durch Unterlegene

Anschließend ging es wieder raus, nach Rio, von wo aus ich über Lateinamerika berichtete, unter anderem über Kuba und die Dissidenten, und Ortega und seine Sandinisten in Nicaragua, aber beides vermochte meine Begeisterung für den Sozialismus nicht neu zu entzünden.

Allerdings das Movimento Sem Terra, die Bewegung der Landlosen, begleitete ich ebenso sympathisierend, wie ich den Wahlsieg des einfachen Metallers Lula in der Präsidentschaftswahl bejubelte, obwohl ich mit seinem Vorgänger Henrique Cardoso hervorragend klarkam.

Wenn ich verführbar bin, dann durch Unterlegene. Instinktiv halte ich zu Außenseitern, zu Chancenlosen und Geächteten. Lula und seine linke Bagage sind mittlerweile wegen Korruption angeklagt, worüber ich letzthin (jetzt für die Weltwoche) ebenso berichtete.
Kurz: Ich bin derselbe geblieben, nur meine Meinung über die Protagonisten hat sich geändert, was daran liegt, dass sie sich geändert haben. So ist das im Meinungsgeschäft, das eben ein Tagesgeschäft ist.

Nach einer weiteren Auslandsstation in London kehrte ich zurück nach Deutschland und brannte den zweiten noch größeren Mosaikstein zum "Matussek von heute". Denn meine Auslandsaufenthalte hatten mir vor allem eines gezeigt: wie neurotisch die Deutschen mit ihrem Selbstgefühl als Nation umgingen.

In New York mit all meinen jüdischen Freunden (die Schriftsteller Wally Shawn, Deborah Eisenberg, Harold Brodkey) schüttelte man genauso den Kopf darüber wie in Brasilien (der Pianovirtuose Joao Carlos Martins, Kolumnisten wie Romano de Sant’ Anna), und ganz besonders in London (John le Carré, Kollegen wie Bill Crashaw). Dort in London gab es einen Komiker, der sich "Hans" nannte, und dessen Act daraus bestand, durch die Straßen zu laufen und sich für die deutschen Verbrechen zu entschuldigen.

Ich bin meiner Zeit voraus

Mein fröhlich-patriotisches Buch Wir Deutschen – warum die anderen uns gern haben können brannte einen großen Mosaikstein zum "Matussek von heute", dem rechten Nationalisten, der mit den intelligenteren Identitären sympathisiert. Wie sagte Peter Sloterdijk jüngst? "Keine Nation hat die moralische Verpflichtung zum Selbstmord", wer hätte gedacht, dass es sich für manche auf diese Frage zuspitzen würde.

Mein Buch erschien zur Zeit des Sommermärchens 2006 und wurde zum Bestseller in diesen schwarz-rot-goldenen Fahnenmeeren der Fanmeilen. Und das sehr zum Missvergnügen meiner auf deutschen Selbsthass getrimmten Kollegen in der Nach-Augstein-Ära im Spiegel, auch verschiedener anderer Kollegen, heftig, heftig, ja, und ausgerechnet mit Roland Tichy musste ich mich im Presseclub darüber anlegen, heute schreibe ich für ihn, und zwar gern, meine Lehre: Ich bin meiner Zeit voraus, ich muss nur warten, bis andere nachziehen.

Neben Titelgeschichten über Lady Di, Hesse, Heine, Mozart, die 68er, Romy Schneider, ausgedehnten Reportagereisen mit Mark Twain den Mississippi hinab oder durch die deutsche Ratlosigkeit kreuz und quer durchs Land, schrieb ich auch über Bischof Dyba, die "Axt Gottes" in Fulda und seinen Widerstand gegen die Abtreibungshelfer in der katholischen Bischofskonferenz. Das ging damals noch im Spiegel.

Mein Verein wurde angegriffen

Ich durfte im Spiegel sympathisierend Abschied nehmen vom mittlerweile heiliggesprochenen Johannes Paul II., dem Löwen aus Polen, und seinen Nachfolger bejubeln, den deutschen Papst Benedikt XVI. Am Anfang geradezu verzückt gefeiert ("Wir sind Papst") und nach seiner islamkritischen Regensburger Rede verachtet, mit, wie er selbst es sagte, "springbereiter Feindseligkeit" von seinen deutschen Landsleuten – besonders von denen in der Presse – verfolgt.

Mit den Missbrauchsskandalen brach sich dann ein offenbar lang angestauter Hass auf die katholische Kirche Bahn. Jeder Depp durfte auf ihr herumtrampeln. Und ich schrieb ein neues, ein sehr persönliches Buch über meinen Glauben, Das katholische Abenteuer, erschienen als Spiegel-Imprint der dva, das war damals dort noch erwünscht, und ein riesengroßer Mosaikstein zum "Matussek von heute".

"Man muss als Katholik heutzutage im Zickzack über den öffentlichen Markt laufen, denn es wird scharf geschossen", schrieb ich. Warum ich das Buch überhaupt verfasste? "Weil mein Verein angegriffen wird", und zwar mit den absurdesten Argumenten, und dazu zählte ich nicht die berechtigte Empörung über Missbrauchsfälle.

Also war ich mittlerweile ein Frauenfeind, Nationalist, Dunkelkatholik, mit einem Wort uncool – und alles, weil ich mir in meinem Widerspruchsgeist treu geblieben war.

Willkommenskultur erinnert an Hippie-Verwirrtheit

Anfang 2012 diskutierte Deutschland über den Zustand der Kirche, wie hier bei "Anne Will". Kurz zuvor hatte Matussek sein Buch "Das katholische Abenteuer" veröffentlicht. © Karlheinz Schindler/dpa

Ich verabschiedete mich vom Spiegel nach 26 Jahren und wechselte zur Welt, wo ich im Grunde schon nach 14 Tagen erledigt war, weil ich in einem Kommentar zu einer Talkshow über Sexualerziehung an den Schulen eine katholische Position bezogen, ein katholisches Familienbild verteidigt hatte. Im Laufe der Diskussion wurde dieses Familienbild als homosexuellenfeindlich bezeichnet. Da platzte mir der Kragen.

Tatsächlich aber war diese Kolumne nur ein interessanter Test, wie ernst es dieser Zeitung mit der Meinungsfreiheit war. Meine kleine Internetglosse, die den lustigen Titel "Ich bin wohl homophob und das ist auch gut so" trug, eine Form von Polemik, die Rod Liddle vom grandiosen britischen Spectator brillant vorzuführen pflegt, was beweist, dass die Briten eben doch mehr Humor haben als wir, wurde gleich von vier verbiesterten Artikeln (unter anderem von Claudia Roth und dem stellvertretenden Chefredakteur, der sich doch "Debatten" von mir gewünscht hatte) schäumend in die Tonne getreten. Meine Online-Kolumne, die doch die von mir erwarteten Rekorde an Klicks im Netz erbrachte, wurde wie mit einem Voodoo-Zauber buchstäblich ausgeräuchert. Eine Abmahnung kassierte ich ebenfalls.

Mit Merkels Flüchtlingspolitik war ich nicht einverstanden, ich hielt ihre Alleinentscheidung zur Grenzöffnung am Parlament vorbei für diktatorial, und die Verzückungen der "Willkommenskultur" erinnerten mich stark an die Hippie-Verwirrtheiten meiner Jugend.
Mir kommt es so vor, als ob bei den Deutschen etwas nicht stimmt im Gefühlshaushalt: Sie sind politisch gern außer sich, wenn sie vernünftig sein sollten, und sie sind absolut vernagelt, wenn ein wenig Verrücktheit, also Offenheit für den Glauben und Wunder, am Platze wäre. Wie wäre es mit katholischer Menschenklugheit, wie sie von Thomas von Aquin gerade zur Flüchtlingskrise zu lernen wäre: "Gerechtigkeit ohne Barmherzigkeit ist Grausamkeit; Barmherzigkeit ohne Gerechtigkeit ist die Mutter der Auflösung."

Abgang bei der "Welt"

Als das fürchterliche Bataclan-Massaker in Paris geschah (ich hatte gerade einen Besuch mit Winfried Kretschmann bei verzweifelten Landräten und in Flüchtlingsheimen hinter mir), setzte ich mehrere Posts auf Facebook ab. Sarkastische, weil ich neben dem Schrecken voller Wut war: "Bin gespannt, wie lang es dauert, dass Maas sich besorgt zeigt darüber, dass das alles Wasser auf die Mühlen der Rechten ist." Oder: "Das hat natürlich alles nichts mit dem Islam zu tun." Unter anderem das: "Nun wird frischer Wind in die Debatte kommen über mehrere Hunderttausende unregistrierter junger muslimischer Männer im Lande." Ich erntete dafür eine öffentliche Kündigungsdrohung des Chefredakteurs auf Facebook ("durchgeknallt", "man wird sich intern damit beschäftigen"). Später sollte sich herausstellen, dass einige der Täter tatsächlich die Fluchtrouten über Deutschland genutzt haben.

Als ich in der darauffolgenden Konferenz dazu Stellung nehmen wollte, ich kam zu spät, wie leider oft, wurde ich zu meiner Überraschung gar nicht erst eingelassen. Vor der Konferenztür kam es zu einem erregten Wortwechsel mit dem damaligen Stellvertreter, in dem ich lauthals das "durchgeknallt" des abwesenden Chefredakteurs und seines Vizes und des ebenfalls abwesenden Kai Diekmanns (der mir höhnisch "ekelhaft" hinterhergetwittert hatte) von mir wies, und rief, jeden einzelnen beim Namen nennend: "Ihr seid durchgeknallt."

Eine halbe Stunde später war ich fristlos gekündigt. Ein Kollege soll geäußert haben, "der Matussek hat sich gerade mit einem Sprengstoffgürtel in die Luft gejagt". Schade, ich hatte gern für die Welt am Sonntag gearbeitet und ein paar nette Leute kennengelernt.

Geächtet allerdings war ich schon vorher, durch das Buch Gefährliche Bürger von zwei Autoren, die mich und andere als solche bezeichneten, weil ich rechtsradikal sei, subversive Netzwerke knüpfen würde und vorhätte, die demokratische Ordnung zu "unterwühlen". Eine der Autorinnen setzte in der FAS nach und nannte als Grund für eine Ächtung, dass ich die Kanzlerin kritisiert habe. Geächtet wurde ich ebenfalls in der Schaubühnenproduktion Fear, in der unter anderem insinuiert wurde, dass es in Ordnung sei, Zombies wie Bettina Röhl und Beatrix von Storch "zwischen die Augen zu schießen". Mein Porträt wurde zwischen denen von NPD-Kandidaten auf die Bühne projiziert. Bei Rechtsverdacht gilt ganz offenbar "Feuer frei".

Gegen publizistische Sprachregelungen

Tatsächlich befürchte ich, dass wir ausgerechnet in jener Arena, in der das freie Wort wichtiger ist als nie zuvor, nämlich im Journalismus, in ein Klima der Verdächtigungen und Sprachregelungen abgleiten, zu dem George Orwell, der Autor von 1984 meinte: "Wenn Freiheit überhaupt einen Sinn haben soll, dann ist es die, den Leuten zu sagen, was sie nicht hören wollen." Was mich persönlich und meinen Kollegenkreis angeht, kann ich nur, ohne Wehleidigkeit, aber mit einem gewissen Erstaunen Ludwig Börne recht geben, der bereits im Vormärz feststellte: "Drückender als die Zensur der Regierung ist die Diktatur der öffentlichen Meinung."

Seitdem arbeite ich für die Weltwoche, schrieb ich eine Titelgeschichte für den Focus über Luther, schreibe ich für Tichys Einblick. Und ich arbeite an einem Buch, das im nächsten März herauskommen wird und sich mit einem Kollegen beschäftigt, der, nach Ernst Bloch, "zu den gescheitesten Männern, die je gelebt haben" gehörte: dem großen Gilbert K. Chesterton, dem katholischen Konvertiten und, das vor allem, Kollegen, nämlich Journalisten. Chesterton, zu dem ein Heiligsprechungsverfahren läuft, hat ja nicht nur Pater Brown erfunden, sondern in annähernd 6.000 Essays gegen seine Zeit angeschrieben, unter anderem gegen seinen Freund und Gegner George Bernhard Shaw, den Eugenik-Befürworter und Sozialisten – die öffentlichen rhetorischen Gefechte, die sich die beiden in Oxford und in London lieferten, waren große Spektakel und lieferten den Beweis, wie man auch über Gräben hinweg im Gespräch, in der Debatte bleiben kann.

Kurz vor seinem Tod schrieb Chesterton eine fulminante Biografie über seinen Freund, und Shaw sagte: "Man muss mit ihm streiten, um ihn zu bewundern, und ich bin fast stolzer darauf, ihn zum Gegner gehabt zu haben als zum Freund." Einer der Gründe zum Streit war ganz sicher Chestertons orthodoxer Katholizismus. "Zu den Vorzügen der katholischen Kirche" (wie sie damals war) zählte Chesterton insbesondere, "dass sie die einzige Sache ist, die einen von der erniedrigenden Sklaverei befreit, ein Kind seiner Zeit zu sein."

Ein Unzeitgemäßer, den besonders unsere Kirche neu lesen sollte.
Ein Widerständler nach meinem Geschmack.