Emmanuel Macron macht alle verrückt. "Das Bild eines Bebens ist zu schwach, um zu beschreiben, was da im Augenblick passiert in Frankreich", schrieb neulich der Spiegel. Bonaparte, de Gaulle, Louis XIV: Seit seinem Wahlsieg Anfang Mai ist den Beobachtern kein Vergleich zu hoch, um den jüngsten Präsidenten, den die Republik je gesehen hat, historisch einzuordnen. Dabei hat der Mann aus Amiens weder das Land befreit (de Gaulle), noch einen Bürgerkrieg beendet (Bonaparte). Er hat lediglich eine Partei gegründet und zwei Wahlen gewonnen, wobei man für die historischen Akte hinzufügen sollte, dass ihm die Zerstrittenheit und Inkompetenz seiner Konkurrenten, die Besonderheiten des französischen Mehrheitswahlrechts und eine gewaltige Unterstützergilde aus der Medien- und Wirtschaftselite des Landes enormen Beistand geleistet haben.

Bis auf Weiteres besteht Macrons größte Leistung darin, ein Bild zu sein, ein perfektes Versprechen, das sich endlos in die mediale Zirkulation einspeisen und mit Projektionen aufladen lässt. Wahrscheinlich rührt die Berückung und irgendwie auch Orientierungslosigkeit der Franzosen genau daher: Erstmals im hypermedialen Zeitalter haben sie es mit einem Präsidenten zu tun, der die Klaviatur dieser Medialität völlig beherrschen und ausschöpfen will. Sarkozy und Hollande waren Kinder des Fernsehens gewesen.

Ihre Präsenz hatte etwas Kurzatmiges und Improvisiertes, sie war eine Kamerapräsenz, gemacht für den Moment. An guten (oder wenn man will: besonders schlechten) Tagen konnten ihre Pressekonferenzen ins Slapstickhafte gleiten. Mit der Mischung aus autoritärer Scherzboldigkeit und eitler Selbstironie, die sie beide mit ganz unterschiedlichem Temperament an den Tag legten, konnten Sarkozy und Hollande einen Presseraum oder auch ein Fernsehstudio dominieren. Auf Dauer, und besonders unter der Dauerbeobachtung, der sich kein Politiker entziehen kann, konnten sie sich und ihrem Amt damit nur schaden.

Eine straff geführte Maschine

Ganz anders Macron, der sich im Vergleich zu seinen Vorgängern wie ein kontrollbesessener Instagramer ausnimmt. Seine auffälligste Aktion im Amt war ein perfekt kalibrierter Tweet: "Make our planet great again", mitsamt Videobotschaft auf Englisch. In Anne Fuldas gerade erschienener Biografie kann man nachlesen, dass Macron sich erst vor drei Jahren, als er Wirtschaftsminister wurde, bei Twitter und Facebook anmeldete, und dass er das Internet selbst kaum nutzt.

Man sieht: Medienkompetenz hat viel mit strukturellem Begreifen und wenig mit jahrelanger Übung zu tun. Macrons Wahlkampf war in einem Maße choreografiert, wie Frankreich es noch nicht gesehen hat. Völlig undenkbar, dass ihm, wie es etwa Le Pen im finalen TV-Duell gegen ihn passierte, die emotionale oder sogar rationale Kontrolle über sein eigenes Auftreten entgleitet. Und als Marine Le Pen im letzten Moment eine Gerüchtekampagne wegen angeblicher Konten auf den Bahamas beginnen wollte, da hatten Macrons Digitalberater die notwendigen Statements, die alles frühzeitig abfangen sollten, längst geschrieben.

Eine der ersten protokollarischen Änderungen, die der Präsident seiner Regierung auferlegte, betraf den Umgang mit der Presse: weniger Termine, weniger Fragemöglichkeiten für die Journalisten, kein spontaner Stimmenfang mehr nach Regierungsberatungen. Macron will größere Distanz herstellen zwischen den Regierenden und den Medien, er besteht auf kommunikativer Geschlossenheit, er will das Störpotenzial der Berichterstattung von vornherein eindämmen.

Die gesamte symbolische Wucht

Das erste Gesetzesprojekt, das er seinen Justizminister auf den Weg bringen ließ, zielt auf die "Moralisierung und Transparenz des politischen Lebens": Interessenkonflikte oder Bevorteilungen des eigenen Clans, wie sie François Fillon zum Verhängnis wurden, sollen ausgeschlossen werden, Abgeordnete verlieren ihren rechtlichen Sonderstatus, die Parteienfinanzierung wird neu geregelt. Mit dieser Mischung aus Kontrolle und Transparenz erinnert Macron durchaus an einen CEO, der sein Land oder zumindest seinen politischen Apparat zu einer straff geführten, die Außenwiderstände minimierenden Maschine machen will.

Was seine eigene Darstellung betrifft, legt Macron Wert auf starke Bilder und wenige, dafür geradezu poetisch aufgeladene Statements. Auch das unterscheidet ihn von seinen Vorgängern: Er hält sich im Alltagsgeschäft zurück, hat  aber keine Scheu, im offenen Streitwagen über die Champs-Élysées zu fahren oder Putin in Versailles zu empfangen, um mal kurz klarzustellen, wer den größeren Palast besitzt. Pomp und Bombast werden dosiert, aber eingesetzt. Schon jetzt ist klar, dass Macron keineswegs den skandinavisch-sozialdemokratischen Zeitgeist nach Frankreich holen wird. Im Gegenteil scheint er der erste Präsident seit Mitterrand zu sein, der den Drang und wohl auch die historische Intuition besitzt, die gesamte symbolische Wucht der französischen Republik für seine Zwecke einzusetzen.

Wegen dieses symbolischen Feuerwerks – die eigentliche Politik hat ja kaum angefangen – scheint plötzlich auch nicht mehr ganz klar, wofür Macron politisch steht. Ist er immer noch der Start-up-Manager seines eigenen Wahlkampfs, der mit freiwilligen helpers, flachen Hierarchien und ganz viel Teamgeist die französische Gesellschaft disrupten will? Oder hat er sich innerhalb von zwei Monaten in einen neuen de Gaulle verwandelt, in einen "jupiterhaften" Staatsmann, wie er es selbst einmal formulierte, der Frankreich allein durch seine Erhabenheit größer, eigenständiger, erfolgreicher und vor allem geschlossener wirken lässt, als es das in Wahrheit ist? Steht Macron für den "schlanken" Staat seiner Arbeitsmarktreformen, die er noch diesen Sommer per Dekret durchpeitschen will, oder doch für eine lenkende, schützende Version, die eigentlich Frankreichs Hausmarke ist?