Strahlend blau mit goldenen Sternen entfaltet sich die Europaflagge, die ich mir von einem Nachbarn ausgeliehen habe. Ich versuche zu lächeln. Ein Freund soll mich für Kampagne fotografieren, die ich ins Leben gerufen habe und die einen europäischen Feiertag fordert. Doch dieses vertraute Symbol – Schmuck der Bürokratie, Zierde der Einheit – wirkt auf mich so unpersönlich, so leer, und ich frage mich: Kann ich das wirklich?

Trotz meiner Beschäftigung mit der EU und trotz meines Engagements für sie verunsichert mich ihre Flagge zutiefst. Am liebsten wäre mir, das Ding würde verschwinden. Ich will mich nicht wie eine Politikerin danebenstellen und für Fotos posieren. Zu sehr ist dieses Stück Stoff mit Assoziationen aufgeladen – besseren und schlechteren –, die ich nicht beeinflussen kann. Die befremdliche Nähe zur Flagge bestärkt mich in meinem Gefühl, dass wir ein neues, dynamisches EU-Symbol brauchen. Eines, das den Begriff von Einheit in Europa erweitert und Gemeinschaft anschaulich macht.

Die Kamera klickt, und ich bekomme doch noch ein Lächeln hin: Ich stelle mir ein großes gemeinsames Fest Ende Mai vor, bei dem wir Europäer – also alle, die in der EU leben – einander und unsere Union feiern. Manche Menschen bleiben zu Hause in ihren Straßen, andere nutzen die europaweit kostenlosen öffentlichen Verkehrsmittel, überall aber gibt es kulturelle und politische Veranstaltungen rund um das Thema EU. Auf diese Weise verkörpern wir alle zusammen Frieden und Vielfalt, Freiheit und Wohlstand, Offenheit und Solidarität, kurz: die Ideale der EU. Ohne eine solche offizielle Feier wird unsere Gemeinschaft viel zu einseitig von der Wirtschaft definiert. Ein europäischer Feiertag eröffnet uns einen Raum für unsere Bürgergemeinschaft. Er befördert eine europäische Zivilgesellschaft, die das Potenzial hat, nicht nur uns alle, sondern auch die EU zu verändern und damit unsere Demokratie zu verbessern.

Priya Basil ist eine britisch-indische Schriftstellerin. Sie ist in Kenia aufgewachsen, studierte in Großbritannien und lebt heute in Deutschland. Sie veröffentlichte zwei Romane und eine Erzählung sowie verschiedene Essays und Artikel. 2010 war sie Mitgründerin von "Authors for Peace" und engagiert sich heute unter anderem in der "Wir machen das"-Initiative. Sie ist Gastautorin von "10 nach 8". © privat

Welches andere bereits vorhandene Symbol, frage ich mich, steht unmittelbar, greifbar und umfassend für die Union? Nur Euromünzen und -scheine. Sich damit fotografieren zu lassen, wäre noch schlimmer, denke ich, als die Kamera surrend heranzoomt. Bei dem Gedanken daran, ausgerechnet mit Geld für mehr Einheit zu werben, verziehe ich fast das Gesicht. Wobei – Moment mal! –, genau das hat die EU seit ihrer Gründung doch immer wieder gemacht. Entstanden aus der Prämisse, dass engere Wirtschaftsbeziehungen zwischen den Nationen einen Krieg zwischen ihnen unwahrscheinlicher machen würde, hat es die EU niemals wirklich geschafft, mehr als eine ökonomische Gemeinschaft zu werden. Sicher, es gibt einen gemeinsamen rechtlichen und bis zu einem gewissen Maße auch gesellschaftlichen Rahmen, beide aber sind im Vergleich zu den Handelsstrukturen zweitrangig. Sicher, es gibt noch andere Symbole der Gemeinschaft außer der Flagge und dem Euro, darunter das Motto "In Vielfalt geeint" und die Hymne Ode an die Freude – das alles jedoch ist reine Schönfärberei des Binnenmarkts, der auch weiterhin die wahre Daseinsberechtigung der EU und die treibende Kraft hinter all ihren politischen Entscheidungen darstellt.

Gilt die Wirtschaft als vorherrschendes Leitprinzip, werden auch Menschen früher oder später wie Waren behandelt. Das zeigt sich derzeit an den verhaltenen Garantien Großbritanniens für EU-Bürger auf britischem Boden. Anstatt die Individualrechte zu betonen und zu schützen, setzt die Regierung unter Theresa May sie als Pfand in den Brexit-Verhandlungen ein: Bürger sind nur in dem Maße wertvoll, in dem sie zum ökonomischen Vorteil gereichen. Die EU dagegen zeigt eine lobenswert prinzipientreue Haltung in dieser Sache, doch wenn sich am Aufbau der Union nichts ändert, riskiert auch sie, die Gesellschaft der Wirtschaft dauerhaft unterzuordnen.

Bis zu einem gewissen Maß hat es sich bislang ausgezahlt, für die Stabilität in Europa auf wirtschaftliche Verbindungen zu setzen. 70 Jahre Frieden sind durchaus beachtlich. Und jetzt ist das Durcheinander der Brexit-Verhandlungen eine heilsame Lehre dafür, wie verflochten die Staatengemeinschaft inzwischen ist, und wie schwierig es ist, sie zu verlassen. Aber der Brexit warnt auch davor, dass ökonomische Bindungen nicht ausreichen, dass Menschen eine andere, persönlichere und emotionalere Beziehung zum Projekt der EU brauchen. Aus diesem Grund schlage ich einen europäischen Feiertag vor. Einen Tag, um unsere "geeinte Vielfalt" in allen Mitgliedsstaaten auf eine nie dagewesene Weise zu demonstrieren: gleichzeitig, öffentlich und offen für alle.