Piep, piep. Eine WhatsApp-Nachricht auf meinem Mobiltelefon. Die Familiengruppe. Jede syrische Familie hat jetzt eine Gruppe bei WhatsApp. Die Gruppe ersetzt das, was wir verloren haben, nämlich das wirkliche Leben, das Wohnzimmer, in dem wir alle immer zusammensaßen, Zeit miteinander verbrachten und uns erzählten, was wir den Tag über gemacht hatten.

Jetzt fasst jedes Familienmitglied zusammen, was es gerade so tut und was es vorhat, unabhängig vom jeweiligen Aufenthaltsort. In ein paar geschriebenen Nachrichten, Sprachmitteilungen, Fotos und Kurzvideos wird so ziemlich alles geteilt: das Mittagessen, ein neues Paar Socken, komplizierter Papierkram und der Blick aus dem Fenster. 

Die Eltern schicken meistens Bilder von Blumen oder Kerzen mit Sätzen, in denen sie einen guten Morgen oder einen schönen Abend wünschen. Sie schicken auch sehr ausschweifende, irgendwo kopierte, langweilige Geschichten über Moral, Weisheit und die Lektionen des Lebens. Diese Nachrichten liest niemand. Sie wissen das, aber sie schicken sie trotzdem.

Dima al-Bitar Kalaji ist eine freie syrische Journalistin, die seit 2013 in Berlin lebt. Sie arbeitet für Radio SouriaLi und schreibt ein Blog über Schwangerschaft für arabische Frauen in Berlin. Sie ist Gastautorin von "10 nach 8". © privat

Meine Mutter schickt mir überdies Nachrichten, in denen sie mich daran erinnert, häufiger Wasser zu trinken, weil ich das immer vergesse.

Piep, piep. Eine WhatsApp-Nachricht auf meinem Mobiltelefon. Die Familiengruppe. Mutter hat ein Bild geschickt. Ich sehe mir das Bild eine Weile an, ich kenne es sehr gut, es wurde mit meiner Kamera aufgenommen. Ich habe den Bildausschnitt ausgewählt und den Timer gestartet. Ich rannte und habe rechtzeitig vor dem Klick mein unbeholfenes Fotolachen aufgesetzt. Das Foto entstand im Sudan, wo ich meine Familie traf, um neun Monate nach der Geburt meiner Tochter allen das erste Enkelkind der Familie vorzustellen. Der Sudan war das einzige Land, in dem wir uns mit unseren nutzlosen syrischen Reisedokumenten treffen konnten.

Rechts im Bild sitzt mein Vater, hellbraune Haut, grüne Augen. Er hat schwarzes Haar, während sein zarter Bart fast weiß ist. Er beugt seinen Körper zur Kamera, legt die Ellenbogen auf den Armlehnen des Stuhls ab und hält die verschränkten Hände vor der Brust. In seinem blauen Hemd und einer Jeans lacht er nicht und schaut direkt in die Linse: ernst, konzentriert und unerschütterlich. Die Haltung meines Vaters auf dem Bild gleicht seiner Haltung im Leben. Er neigt sich dir entgegen, aber er verschränkt stets seine Arme, um einen Abstand zu wahren, dich fernzuhalten oder vielleicht auch, um sich fernzuhalten.

Links auf dem Bild steht ein kleines Sofa, auf dem alle anderen dicht an dicht sitzen, so eng, dass wir kaum noch in unseren individuellen Details zu erkennen sind. Mein Ehemann sitzt meinem Vater am nächsten. Ihre Knie sind nebeneinander. Ich sitze zwischen meinem Mann und meiner Mutter, danach kommt meine Schwester, sie sitzt der Kamera am nächsten. Meine Tochter sitzt auf meinem Schoß und starrt ihre Tante an.