Vergangene Woche traf es den CDU-Generalsekretär Peter Tauber, diese Woche nach den Ausschreitungen von G20 trifft es Hamburgs Regierenden Bürgermeister Olaf Scholz. Es geht um die Forderung nach dem Rücktritt. Darunter macht man es nämlich nicht mehr. Besondere parteipolitische Zugehörigkeiten spielen dabei genauso wenig eine Rolle wie bestimmte Reizthemen. Es kann den Kabarettisten genauso treffen wie Fußballtrainer. Es kann ein Thema sein, das große Teile der Gesellschaft betrifft, oder sich um einen öffentlichen Disput zwischen zwei Personen handeln. Irgendjemand sagt oder macht etwas, was er hätte anders machen oder sagen sollen, und schon geht es los: Ein Schwarm von öffentlichen Stimmen spannt einen Schirm aus Empörungssummsumm über dem Geächteten aus und lässt erst locker, wenn er beseelt vom eigenen vermeintlichen Heldentum erschöpft oder gelangweilt ist, um sich dann auszuloggen oder weiterzuschwärmen.

Was ist eigentlich los bei uns, dass eine derartige Lust am Erniedrigen, Kleinmachen, Erledigen herrscht? Ist das eigentlich schon pathologisch? Diese Gesellschaft ist extrem groß darin, den Rücktritt zu fordern oder gleich die gute alte Metapher der rollenden Köpfe herbeizusehnen, aber sie ist erstaunlich klein darin, eine Kultur der Opposition zu pflegen, die es schafft, politische Theorien zu entwickeln, Gegenstimmen auf der Basis von Argumenten zu formulieren oder einfach zu sagen: "Meine Haltung ist anders, gehaben Sie sich wohl mein Herr." Stattdessen lautes Rumgebrüll, immer im Takt zum Zeigefinger, der rhythmisch in die Luft sticht. Ganz zu schweigen von den vulgärsprachlichen Girlanden, die das Ganze auch noch schmücken.

Es ist wirklich ein Dilemma. Eigentlich widerstrebt es einem, jemanden in Schutz zu nehmen, der etwas gesagt oder gemacht hat, was man als falsch erachtet, aber die Situation, in der sich die Person findet, ist derart abenteuerlich hysterisch aufgeladen, dass man unweigerlich zu einer Art Antishitstorm-Stelle avancieren will. Einfach nur um ein Gegengewicht zu jenen zu setzen, die statt einer inhaltlichen Auseinandersetzung schon mal die Guillotine ölen.

Die öffentliche Degradierungswollust kann die politische Auseinandersetzung nicht ersetzen. Wenn man ernsthaft findet, dass jemand mit seinem Handeln falsch liegt, dann liegt im darauffolgenden Diskurs die Chance, dass sich in dieser Gesellschaft etwas ändert. Alles andere ist boulevardeske Komödie. Auseinandersetzung heißt natürlich nicht, dass man in einer Atmosphäre der Schilddrüsenunterfunktion reden muss, Auseinandersetzung beinhaltet auch Polemik und Spott. Auseinandersetzung heißt jedoch nicht, den Sprecher oder Handelnden zu delegitimieren. Er darf sprechen. Und er darf sich auch irren. Er darf seine Meinung auch ändern oder darauf beharren. Er darf dafür nicht blamiert werden. Jedenfalls in einer Demokratie.

Und da sind wir bei einem interessanten Punkt. Der Medienwissenschaftler Bernhard Pörksen schrieb bereits vor fünf Jahren zu diesem Phänomen der Meinungsfreiheit, dass es sich um die "digitale Empörungsdemokratie" handele und machte auf die Schnittstelle zwischen Meinung und Ökonomie aufmerksam. Damals ging es noch um die Enthüllung von gefälschten Doktorarbeiten oder Günter Grass’ Israelgedicht. Pörksen hat mit vielem Recht.

"Auf uns hört ja keiner"

Vor der Digitalisierung waren es einige wenige Medienhäuser, die die Skandalisierungsmaschine je nach Betriebsideologie mal mehr, mal weniger dosiert am Laufen hielten. Jetzt, einige Jahre nach Pörksens Essay, verdienen Portale wie Tichys Einblick oder die Achse des Guten mit Meinungmachen richtig echtes Geld. Und sie erziehen ihre User zu einer ganz speziellen Kultur, in der "Wut zum kommunikativen Normfall" wird, wie Pörksen die Gefühlslage nennt.

Es scheint, dass die Frustrationstoleranz in diesem Land gegen null tendiert. Das ist auch der Preis für die Möglichkeit eines jeden Bürgers, nach dem Kauf einer Tube Zahncreme einen Kommentar im Gästebuch der Online-Apotheke hinterlassen zu können. Es gibt wirklich Portale, in denen sich Kundinnen zu Tode aufregen, dass sie den Pumpspender Ihrer Faltencreme vor dem ersten Gebrauch mehrmals drücken mussten, bis der erste Tropfen Flüssigkeit herauskam. Sie fordern, dass das Produkt vom Markt genommen werden soll.

Man erlebt es zunehmend auf Diskussionsveranstaltungen, dass das Publikum nach einer Dreiviertelstunde das Gespräch aufgeregt und lauthals vom Platz aus mitkommentiert oder reinruft, wann denn endlich "das Podium für Fragen geöffnet wird", damit es endlich "zu seinem Recht kommt", was ja nur heißt, Endlosschleifen langweiliger Referate vorzutragen, um sie wahlweise als Call-in im ARD Presseclub loszuwerden oder im Gästebuch von Hart aber Fair zu hinterlassen, immer in der Hoffnung, endlich "mal dran zu sein", denn "auf uns hört ja keiner".

Rolf aus Recklinghausen spielt Robespierre

Jeder zweite Kommentar unter einem Zeitungsartikel lautet: "Setzen, sechs!", und das sagt eigentlich schon alles über die allgemeine Fräulein-Rottenmeierhaftigkeit aus. Die Zivilgesellschaft ist es einfach schon zu lange gewöhnt, im Fernsehen zuzuschauen, wie Kinder in der Ecke stehend zur Abstraferei schmoren müssen, wie halbnackte junge Frauen in Unterwäsche auf ihr Castingurteil warten, ob sie "weiterkommen" oder raus sind, was doch auch eine Art erzwungener Rücktritt ist.

Man beobachtet erstaunt und lernt, dass öffentliche Beschämung Teil der Alltagskultur geworden ist. Es reicht nicht mehr aus, nach einem Lebensmittelskandal einfach mit dem Portemonnaie abzustimmen, nein, aufgeregt wird ein Thread eröffnet, um den Konsumboykott bloß nicht unkommentiert zu lassen. Stell dir vor, es ist Demokratie, aber Rolf aus Recklinghausen spielt Robespierre. Vapiano, dieser Scheißspaghettikonzern, abfackeln die ganze Glutenbude! Riester, an den Füßen festbinden und so weiter. Es ist die Mitlaberlust, die den Mob gebiert. Bislang hat die Gegenrede eines Einzelnen immer mehr bewegt als die laute Vernichtunglust. Und was Reue und Scham betrifft, man kann sie nicht erzwingen.