Sie hat ihnen die Türe geöffnet. Sie war dreizehn Jahre alt, als sie den Mördern ihres Vaters die Tür öffnete. Womöglich hat Ascensión Mendieta aus diesem Erlebnis den Antrieb für ihren jahrelangen Kampf geschöpft, der jetzt, am ersten Juliwochenende, mit dem Begräbnis ihres Vaters sein Ende fand.

In Spanien liegen heute noch geschätzt 114.000 Menschen in Massengräbern verscharrt. Bis Ende Mai war der Gewerkschafter Timoteo Mendieta einer von ihnen, nachdem er am 15. November 1939 mit Dutzenden anderen an die Wand des Friedhofs von Guadalajara gestellt worden war. Seine Tochter begann bald nach der politischen Transition Ende der siebziger Jahre, die Klinken der demokratischen Institutionen zu putzen, um ihn suchen und bergen zu lassen – vergeblich.

Hochbetagt schloss sie sich schließlich einer Klage der Vereinigung zur Wiedererlangung der Historischen Erinnerung (Asociación para la Recuperación de la Memoria Histórica, ARMH) in Argentinien an, wo seit 2010 eine strafrechtliche Untersuchung konkreter Menschenrechtsverbrechen des Franco-Regimes nach den Prinzipien der universellen Gerichtsbarkeit läuft.

Verena Boos ist Historikerin und Schriftstellerin. Sie hat die Romane "Blutorangen" und "Kirchberg" (Aufbau-Verlag) verfasst. Derzeit ist sie "Memory Work"-Stipendiatin der Bundesstiftung Aufarbeitung und forscht über Erinnerungskultur und Gedächtnispolitik in Spanien. Sie ist Gastautorin von "10 nach 8". © Joachim Gern

Der spanische Staat leistet hingegen keinerlei strafrechtliche und eine nur unzureichende gesellschaftspolitische Aufarbeitung der Verbrechen Francos, der die politischen Gegner während Krieg (1936-1939) und Diktatur (1939-1975) systematisch terrorisieren und vernichten ließ.

Anders als Exhumierungen, die unter dem Schirm der internationalen Gerichtsbarkeit (z.B. Ex-Jugoslawien) oder als Teil einer institutionalisierten Erinnerungspolitik (z.B. Polen) stattfinden, sind spanische Grabungen bislang eine Bewegung der Zivilgesellschaft und wurden nur für kurze Zeit (2006-2011) und in geringem Umfang subventioniert. Die ARMH arbeitet mit Mitgliedsbeiträgen und Spenden, eine norwegische Gewerkschaft finanziert ihre Aktivitäten wesentlich mit. Weil bisher alle Grabungen private Angelegenheiten waren, ist die richterliche Anordnung im Fall von Timoteo Mendieta für die historische Aufarbeitung in Spanien so wichtig und wird als Meilenstein im Streben um Wahrheit, Wiedergutmachung und Gerechtigkeit betrachtet.

Allein der Friedhof von Guadalajara birgt mehr als 800 Tote in Massengräbern. Dutzende Opfer vom November 1939 liegen in vier Gruben aufgetürmt. Ascensión Mendieta flog an ihrem 88. Geburtstag nach Argentinien, um ihre Aussage zu machen, und im Januar 2016 konnte die Aushebung des Grabes Nummer zwei beginnen. Der Dokumentation zufolge sollte Timoteo Mendieta einer der Untersten sein. Es dauerte fast ein Jahr, bis die DNA-Analysen aus Argentinien kamen: negativ. Ascensión, zu diesem Zeitpunkt fast 90, erinnerte sich in der Enttäuschung plötzlich wieder, dass sie es war, die einst die Tür öffnete.

Sie, eine Tochter, ist in ihrer Rolle als Kämpferin untypisch. Repressionsopfer ihrer Generation tendieren zur Stille, zum Schweigen, und es sind zumeist Enkel und Urenkel, die sich für die Rehabilitation der Vorfahren einsetzen. Im Lauf der Jahre wurde sie zu einer Symbolfigur der Bewegung und erlangte große Bekanntheit. Sie ist telegen, stets modisch gekleidet, eine liebenswürdige und kommunikationsfreudige Person mit wachem Blick. Sie hat im Insistieren einen Umgang mit ihrem Schmerz gefunden, und ihrer humanen Sehnsucht, an der Seite ihres Vaters beerdigt zu werden, können sich selbst die harschesten Exhumierungskritiker kaum widersetzen. Sie erwirkte eine neuerliche Anordnung für das Grab Nummer Eins in Guadalajara.