Die Eskalation von Gewalt während des G20-Gipfels in Hamburg wird aufgearbeitet. Sowohl die Polizeistrategie als auch die zum Teil zynische Planung der Veranstalter stehen unter strenger Beobachtung. Die Polizei muss sich dafür rechtfertigen, einerseits friedliche Demonstrationen allzu sehr eingeschränkt zu haben, andererseits angesichts der Gewalteskalation nicht präsent genug gewesen zu sein. Darin zeigt sich ein Dilemma von Polizeistrategien, auf der einen Seite durchaus wissen zu können, dass und ob Versammlungen in einer bestimmten Situation eskalieren, auf der anderen Seite aber unter Rechtfertigungszwang zu geraten, wenn man allzu frühzeitig eingreift.

In Hamburg scheinen beide Seiten des Dilemmas allzu deutlich geworden zu sein. Vielleicht wurde an manchen Stellen polizeilich zu wenig deeskaliert, während man sich an anderen Stellen eine "militärischere" Form der Abwehr gewünscht hätte. Aber das ist leichter gesagt als für die Entscheider getan.

Die Veranstalter dagegen vergießen Krokodilstränen. Erst kündigen Sprecher der Roten Flora den größten Schwarzen Block aller Zeiten an, danach zeigen sie sich entsetzt über das Ausmaß. Einer der Sprecher hatte an den Gewalttätern vor allem zu kritisieren, dass sie im eigenen Umfeld und nicht in den Stadtvierteln der Reichen und Privilegierten brandschatzen. Auf dieser Basis moralisch empört zu sein, ist widerlich.

Gewalt ist attraktiv

Die Aufmerksamkeitsökonomie will es, dass nicht nur der zum allergrößten Teil friedliche Protest gegen das G20-Treffen aus dem Blick geraten ist, sondern auch der innere Zusammenhang zwischen Protesten und dem Problem, um das es geht. Der Schwarze Block ist keineswegs der illegale Arm des legalen Protestes von Globalisierungsgegnern, aber es besteht durchaus ein innerer Zusammenhang zwischen beiden. Wenn viele Linke derzeit betonen, die Gewalttäter seien keine Linken, sondern nur Kriminelle, kopiert sich hier ein Muster, das wir auch aus anderen Feldern kennen. Wie der islamistische Terror nichts mit dem Islam zu tun haben soll (was zugleich stimmt und nicht stimmt) und rechtsradikale Anschläge auf Asylbewerberheime nichts mit einem in vielen Milieus der Gesellschaft verbreiteten latenten Rassismus (was zugleich stimmt und nicht stimmt), wird auch hier den Gewalttätern letztlich abgesprochen, etwas mit der Sache selbst zu tun zu haben.

Gewalt hat im politischen Feld stets mindestens zwei Funktionen. Nach einer sehr plausiblen These von Jan Philipp Reemtsma sind Adressaten der Gewalt vor allem Dritte. Es geht um vorgeführte Gewalt. Es geht um eine Gewalt, die sich oftmals viel weniger an das konkrete Opfer wendet als an Beobachter, denen vorgeführt werden kann, dass man die Gewaltpotenziale hat. Dabei ist die Frage, ob es nur Gewalt gegen Sachen oder auch unmittelbar gegen Menschen ist, kein wirklich systematischer Unterschied. Es geht vielmehr darum, das Medium der Gewalt vorzeigen und in Form bringen zu können.

Gewalt ist, und das ist ihre zweite Funktion, sehr attraktiv. Unmittelbare körperliche Gewalt entfaltet eine Attraktivität der Tat. Die Attraktion körperlicher Gewalt besteht darin, dass sie die Zeit verkürzt, dass sie unmittelbare Wirkungen zeitigt, dass sie – buchstäblich – kurzen Atem verursacht und keinen langen Atem verlangt. Und sie bringt Wirkungen hervor, die man durch Kommunikation, durch Argumente nicht mehr zurücknehmen kann. Sie entzieht sich der prinzipiellen Ja/Nein-Codierung der Sprache. 

Die Kehrseite der Spaßgesellschaft

Man kann Gewalt nicht widersprechen. Man muss sie nicht auslegen, interpretieren oder deuten. Sie setzt gewissermaßen absolute Markierungen in die Welt. Anders als Kommunikation verdoppelt Gewalt die Welt nicht. Sie drückt die Welt nicht aus. Sie muss sich nicht um ihre angemessene Repräsentation bemühen. Sie bietet nur wenig hermeneutische Probleme. Anders als das Wort steht die Gewalt nicht für etwas anderes, sondern Gewalt ist, was sie tut. Sie setzt unmittelbar Schnitte, Schüsse, Schläge in die Welt. Gewalt simuliert – für einen Moment! – totale Macht, Durchsetzungsfähigkeit und Autonomie. Und sie vermittelt Erfahrungen, heute sagt man: Erlebnisse, gegen die man kognitiv und pädagogisch, also mit Medien der Selbstdistanzierung, wohl kaum ankommt.

Vielleicht ist Gewalt die andere Seite der Spaßgesellschaft, des "Ich will alles, und zwar sofort". Vielleicht auch dieselbe.

Hier besteht die Verbindung zur anderen Seite, zur friedlichen Seite der Proteste gegen den G20-Gipfel. Womöglich, auch wenn das eine starke These ist, hat die zweite Gewaltfunktion, die Vereinfachung der Verhältnisse, einen inneren Zusammenhang mit der Art der Proteste gegen den G20-Gipfel. Gerade unter Linken gibt es das, was man ein Sympathieparadox nennen kann. Es ist eine echte Kommunikationsfalle, denn die Ziele der Linken sind allesamt ebenso sympathisch wie berechtigt: Globale Gerechtigkeit, Kampf gegen Armut und Not, militärische Entspannung, ökologische Heilung, nicht zuletzt die Gleichheitsanerkennung von Ansprüchen für alle. Niemand kann ernsthaft irgendetwas gegen solche Forderungen und Ziele haben.