"Omnis determinatio est negatio" lautet eine Formel nach Spinoza, die fast schon wie eine Binsenweisheit klingt: Jede Festlegung ist notwendig eine Verneinung von etwas anderem. Schwarz ist schwarz, weil es nicht weiß ist; eine Blume ist eine Blume, weil sie kein Baum, kein Strauch, kein Gras ist und auch "Ich" kann nur feststellen, was ich bin, indem ich erst einmal bestimme, was ich nicht bin. Sehr verkürzt bedeutet das: Identität bedarf der Negation. Dieses Diktum gilt als logisch notwendige Annahme, und eine Zeit lang traf man bei jeder nur erdenklichen Lektüre auf diese Denkfigur, nicht nur in philosophischen Texten. Der Historiker Reinhart Koselleck etwa benutzt sie genauso für die Erklärung geschichtlicher Entwicklung, die nur über Spannungen und das Wechselspiel von Innen- und Außenräumen ablaufe, wie der Soziologe Niklas Luhmann für die Beobachtung der Ausdifferenzierung moderner Gesellschaften. Luhmanns Systemtheorie beruht auf der Idee, dass Einheiten sich durch Abgrenzung von anderen bilden.

Nun ist es vielleicht nur ein subjektiver Eindruck, aber mir scheint, dass die Denkfigur der Negation in jüngeren Theorieentwürfen viel seltener zum Einsatz kommt als noch zu Hochzeiten der postmodernen Theorie, die sich ja Differenz oder Différance sehr dick auf die Fahnen geschrieben hatte. Es ist, als sei dieses doch immerhin logische Prinzip nicht mehr so recht plausibel oder tauge nicht als Modell, um zu beschreiben, wie es sich mit den Dingen verhält oder verhalten sollte. "Jede Festlegung von etwas ist Verneinung von etwas anderem" – das klingt irgendwie zu brutal.

Alles auf Inklusion

Andrea Roedig, geboren in Düsseldorf, lebt als freie Publizistin in Wien und ist Mit-Herausgeberin der Literatur- und Essayzeitschrift "Wespennest". Von 2001 bis 2006 leitete sie in Berlin die Kulturredaktion der Wochenzeitung "Freitag". 2015 erschien ihr Buch "Bestandsaufnahme Kopfarbeit" (zusammen mit Sandra Lehmann) im Klever-Verlag. Sie ist Gastautorin von "10 nach 8". © Alexandra Grill

Dass die Formel von der Negation heute nicht mehr so selbstverständlich klingt, mag ein Zufall von Theoriemoden sein, könnte aber auch mit einer politischen Vorstellung von Inklusion zu tun haben, die seit den 1990er Jahren stark an Plausibilität gewonnen hat. Chantal Mouffe bemerkt in Über das Politische, dass in der modernen Linken, etwa bei New Labour, das Konzept der Klasse ersetzt worden sei durch das Begriffspaar Inklusion/Exklusion. Denkerisch ist das immer noch ein Gegensatz und nah an Spinozas Formel, aber tatsächlich ist das Begriffspaar politisch und vor allem ethisch von dem Impuls geleitet, Inklusion als Ziel zu denken.

Man frage sich nur selbst und wird feststellen: Alles, was auf der Seite der Inklusion steht – diversity, Gleichstellung, Teilhabe, Zugehörigkeit –, ist mit einem großen Plus versehen, und das zu Recht. Mit einem Minus belegt sind dagegen Homogenität, Diskriminierung, Ausschluss, Identifikation/Festlegung (die zum Ausschluss führen kann), Normalisierung. Es geht gar nicht anders, als so zu denken, nicht nur in linken Kontexten. Inklusion ist zu einer Sache der Menschlichkeit geworden, die sukzessive über Antidiskriminierungsgesetze, Mainstreaming-Politik, Regelungen zur Barrierefreiheit etc. auch einen rechtlichen und institutionellen Ausdruck gefunden hat. Ob bewusst oder unbewusst gewählt in Abgrenzung zur systemtheoretischen Formel vom "Unterschied, der einen Unterschied macht", heißt etwa der Slogan der Inklusionspädagogik: "Anderssein macht keinen Unterschied."

Ohnmacht der Gekränkten

Inwiefern hat diese Denkweise mit den wundersamen Kämpfen und Krämpfen zu tun, die sich in den vergangenen Jahren um die Kategorien gender und race entwickelt haben? Das kürzlich erschienene Buch Beißreflexe schildert eindrücklich und aus linker Perspektive die Absurdität der Debatten im deutschen Kontext. Es wurde viel geschrieben über vermeintliche Auswüchse der political correctness, über Triggerwarnungen für Uniseminare, über unangemessen hohes Erregungspotenzial bei Sprachkonventionen, Mikroaggressionen und den Vorwurf der "kulturellen Aneignung", wenn Weiße Rastalocken tragen.

Auch Wohlmeinende gewinnen den Eindruck, dass in den Elfenbeintürmen der Unis und in den Subkulturen, im genderqueer theoriegeladenen politischen Diskurs irgend etwas aus dem Ruder läuft: Da wird eine Sängerin angegangen, weil ihr Lied If I had a dick Transpersonen kränke, ein Mitglied aus der Unifachschaft entlassen, weil es in einem "weißen Schutzraum" die Intervention einer "cis-positionierten person of color" nicht akzeptieren wollte. In dem hervorragend einfühlsamen Text Semantical Healing spricht Georg Seeßlen von einer "Kultur der Kränkung", deren Moralismus eigentlich nichts anderes sei als Ausdruck politischer Ohnmacht: "Gesellschaften, die keinen politischen Plan haben, sind vom Prinzip der Kränkung besessen", schreibt er. Je weniger man im Großen bewirken könne, je deutlicher man ausgeschlossen sei von realer Macht, desto empfindlicher werde man im Kleinen.

Im Spannungsfeld von Identität und Inklusion

Da ist er wieder, der Ausschluss. Er war zu allen Zeiten da. Auffällig ist aber, dass das Begehren, das so heftig mit dem moralischen Anspruch auf Inklusion und Nichtdiskriminierung auftritt, seinerseits diskriminiert; dass es selbst rigide und autoritär ausschließend verfährt und unter dem Dogma, Identitäten keinesfalls starr und normativ festlegen zu wollen, einen endlosen Eiertanz um Identitätsdefinitionen vollführt: Bin ich cis-positionierte PoC (person of color) oder TransInterGnC (gender non-conforming)? 110.000 Zeichen etwa umfasst eine Diskussion auf der Internetplattform FetLife darüber, was das Konzept "weibliche Sozialisation" bedeute und ob sich eine als "genderqueer transfeminin" bezeichnende Person davon ausgeschlossen fühlen muss. Einerseits herrscht also möglichst viel Diffusion, man ist genderfluid, pansexuell und in jedem Fall nonbinary. Andererseits gilt klare Eindeutigkeit bei der Bewertung, was transphob, polyfeindlich, queer-exkludierend oder kolonialrassistisch sei. Bezüglich der politischen Wahrheit und der jeweils geforderten Sprachkonventionen bleibt alles Ja oder Nein, Schwarz oder Weiß, man hält Unschärfe nicht aus in diesem Klima ambivalenzunfreundlicher Double Binds.

Die Motivlage ist komplex und die Diskursauswüchse der Szene sind logisch nicht zu erklären, eher psychologisch, wie einige Artikel in Beißreflexe das tun, und psychopolitisch: Fundamentalistische Glaubenskriege gab es in allen Politgruppen zu allen Zeiten, das ist nichts Neues. Das Spezifikum der gegenwärtigen Diskussionen um gender und race ist aber, dass hier das Inklusionsparadigma eine unheilsame Allianz mit Identitätspolitik eingegangen ist – was überdies den Unterschied zu den rechten "Identitären" ausmacht. Die haben eine klare Vision der Grenze und kein Problem mit dem Ausschluss.

Die Linke aber will das eine nicht und das andere doch und verdrängt, dass Identität und Inklusion zwar nicht unvereinbar sind, aber eben doch in einer gewissen Spannung zueinanderstehen. In einer Diskussion über einen feministisch pornografischen Film, der sich über Männer lustig machte, hörte ich einmal die in scharfem Ton hervorgebrachte Kritik: Das sei diskriminierend und nicht feministisch, denn Feminismus bedeute, "niemanden auszuschließen". Bitte, wie soll das gehen?

Queeres Denken macht sich etwas vor, wenn es glaubt, ohne Binarität, ohne Gegensatz, ohne Festlegung und zum Teil auch Diskriminierung (discriminare = trennen, absondern, auslesen) auskommen zu können, ohne die Zumutung der Negation. "Jede gesellschaftliche Ordnung ist politischer Natur und basiert auf einer Form von Ausgrenzung", schreibt Chantal Mouffe. Das klingt zu sehr nach Carl Schmitt. Aber der Notwendigkeit, "etwas zu sein und etwas anderes nicht", muss jede*r sich früher oder später aussetzen. Mir jedenfalls will es nicht gelingen, anders zu denken.