Dass Etiketten schwindeln, wissen wir nicht erst, seitdem die EU beschlossen hat, "Tofu-Käse" könne Nicht-Veganer auf kulinarische Abwege führen. Wenn all die romantischen Momente und bombastischen Orgasmen wahr würden, die uns noch so abwegige Produktetiketten jeden Tag in Aussicht stellen, wir wären ein Land der Bonobos. Die unverrückbar nüchterne Verbraucherrealität hat uns also Skepsis darüber gelehrt, ob die Zerealien tatsächlich in die Milch gefallen sind und die Kühe zuvor wirklich friedlich auf der Alm gegrast haben. Wir gehen schon lange nicht mehr davon aus, dass das drin ist, was drauf steht.

Simone Rosa Miller lebt als freie Autorin in Berlin. Sie arbeitet als Kulturredakteurin beim Deutschlandradio Kultur, wo sie u. a. die Philosophiesendung "Sein und Streit" moderiert. Sie ist Gastautorin von "10 nach 8". © privat

Vielleicht sollten wir etwas von dieser Skepsis auch in den Raum öffentlicher Rhetorik retten. Insbesondere dann, wenn Leute nicht müde werden, Selbstverständlichkeiten für sich zu reklamieren. Seit ungefähr zwei Jahren ruft in Deutschland mindestens einmal am Tag jemand die "offene Gesellschaft" aus. Wenn die cabin crew im Flugzeug immer wieder durchsagte, dass dieses Flugzeug fliegen könne, würde uns dann nicht ein wenig mulmig werden?

Das Problem ist natürlich nicht die "offene Gesellschaft". Das Problem ist, was in ihrem Namen getan wird, zum Beispiel die Sitten der einen gegen die Sitten der anderen auszuspielen. Der Handschlag allein solle deutsch sein, nicht aber die Hand zum Herzen, wenn es nach dem Innenminister geht. Verschleierung sei nur deutsch genug, wenn das Gesicht frei bleibe.

Nähme sich die "offene Gesellschaft" beim Wort, müsste sie jeder Person die freie Wahl über ihre politischen, religiösen und kulturellen Anschauungen und Ausdrucksformen lassen – solange diese niemand anderen schädigen, jederzeit frei wählbar sind und ablegbar bleiben. Ob eine bestimmte Konvention dann besonders "deutsch" ist oder nicht, wäre nicht Gegenstand der Diskussion um die offene Gesellschaft.

Die Leitkulturdebatte aber versteht sich darauf, die Grundstrukturen unserer Gesellschaft mit Deutschtum anzudicken. Es scheint also nicht darum zu gehen, den Grundsatz der offenen Gesellschaft – dieselben Freiheiten für alle – gegen jene zu verteidigen, die diese tatsächlich angreifen (zum Beispiel Islamisten und Rechtsradikale, die das Patriarchat restaurieren wollen), sondern darum, die deutschen Sitten zur Verkörperungverwirklichter Freiheiten zu erklären – in Thomas de Maizières Worten: "Wir legen Wert auf eini­ge so­zia­le Ge­wohn­hei­ten, nicht weil sie In­halt, son­dern weil sie Aus­druck einer be­stimm­ten Hal­tung sind" – nämlich Ausdruck der offenen, freiheitlichen Gesinnung.

Dabei führt uns bereits eines der frühesten und nach wie vor kraftvollsten Verteidigungsschriften des Liberalismus – John Stuart Mills Über die Freiheit von 1859 – vor, dass individuelle Freiheit gerade gegen die Sitten und Anschauungen der Mehrheit behauptet werden muss. Mill zufolge besteht das Herzstück der liberalen Gesellschaft darin, einen "Schutz gegen die Tyrannei des vorherrschenden Meinens und Empfindens" zu errichten, "gegen die Tendenz der Gesellschaft (...), ihre eigenen Ideen und Praktiken als Lebensregeln denen aufzuerlegen, die eine abweichende Meinung haben". Immer unter der Maßgabe, dass unkonventionelle Ansichten und Gepflogenheiten dem Freiheitsprinzip entsprechen, also niemand anderen schädigen (außer im Zweifelsfall die Betreffenden selbst).

Mills emphatischem Plädoyer für einen Pluralismus der Lebensformen liegt eine wichtige Überzeugung zugrunde, eine, die an Aktualität seither noch hinzugewonnen hat: dass Freiheit unterschiedliche Ausdrucksformen kennt, auch solche, die wir auf Anhieb vielleicht nicht verstehen.

Das heißt nicht, dass wir unterschiedliche Lebensformen – unsere eigene stets inbegriffen – in ihren Widersprüchlichkeiten und Anachronismen nicht kritisieren können und sollen. Diese Überzeugung mahnt uns vielmehr, die eigenen Konventionen nicht zum Konventionalismus werden zu lassen, sie also nicht in paternalistischer Manier zu verallgemeinern. Denn wenn wir unsere eigenen Ansichten und Gepflogenheiten zum Maßstab für andere machen, dann verteidigen wir nicht den Grundsatz geteilter Freiheit, sondern wir verabsolutieren unseren eigenen Geschmack, unsere Sympathien und Antipathien.

Die offene Gesellschaft unter die Maßgabe deutscher Sitte zu stellen, muss sich also zwangsläufig in einen Widerspruch verfangen, weil diese Interpretation missversteht, dass Freiheit und Sitte nicht auf demselben Level rangieren, sondern Freiheit eine Ermöglichungsbedingung unterschiedlicher Lebensformen und Anschauungen ist.