Ein 50-jähriger Mann wird durch eine Operation versehentlich so schwer am Penis verletzt, dass er fortan nur noch unter starken Schmerzen in seine Partnerin eindringen kann. Vor Gericht kürzen ihm die Richterinnen jedoch seinen Entschädigungsanspruch. Er sei doch schon 50, da könne jetzt auch mal Schluss sein mit dem Sex, urteilen sie. Außerdem habe er doch bereits zwei Kinder gezeugt.

Klingt wie eine Geschichte aus einer matriarchalischen Dystopie? Ist aber tatsächlich so passiert, in Portugal. Mit dem einzigen Unterschied, dass nicht ein Mann verletzt wurde, sondern eine Frau, und dass nicht weibliche Juristen das Urteil gesprochen haben, sondern männliche Richter. Schon ist es keine Dystopie mehr, sondern Gegenwart, deren Absurdität möglicherweise erst durch den Rollentausch deutlich wird. Vielen Frauen wird noch immer das Recht auf eine selbstbestimmte Sexualität abgesprochen, ob in jungen Jahren oder in fortgeschrittenem Alter. Folgte man der Logik des Urteils, hätten Frauen kein Recht, Lust zu empfinden.

Man kann den Richtern selbstverständlich kaum unterstellen, dass sie der durch die Operation geschädigten Frau Schmerzen beim Sex wünschten. Aber der gedankliche Nährboden, auf dem sie ihr Urteil gefällt haben, ist einer, auf dem weibliche Erregung ganz bestimmt nicht gedeiht. Ihr sexuelles Verlangen muss die Frau mit einem Preis, den Schmerzen, bezahlen. Und den sehen die Richter offenbar als nicht so hoch an.

Wie kann das sein? Schmerz ertragen zu lernen gilt nicht nur in vom Katholizismus geprägten Gegenden noch immer als weibliche Tugend. Wenn Vergnügen für die Frau kein Thema ist, wenn sie nicht nach individualistischer Lustverwirklichung strebt, so die kulturelle Fama, stehe sie zudem mehr für soziale Aufgaben zur Verfügung. Sie kann beispielsweise ganz in ihrer Mutterrolle aufgehen. Und vermutlich wird sie nicht fremdgehen, ihrem Mann also treu bleiben.

Es sind letztlich dieselben Gründe, die auch dem unmenschlichen Brauch der Genitalverstümmelung zugrunde liegen, bei der Mädchen die äußeren Geschlechtsorgane abgeschnitten werden. Auch die ist in Europa strikt verboten, geschieht aber dennoch selbst hier. Insofern hat der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte gut daran getan, Portugal jetzt daran zu erinnern, dass ein unversehrter Genitalbereich auch für Frauen über 50 noch selbstverständlicher Teil ihrer zu schützenden Persönlichkeit ist.