Sie hat es doch getan. Hat einen Entschluss gefasst, der eigentlich ganz normal sein sollte in einer lebendigen Demokratie und dennoch beinahe exotisch geworden ist. Miriam Block ist 27 Jahre alt, studiert Psychologie und findet, die Welt müsse sozial und ökologisch gerechter werden. Hätte man sie noch vor Kurzem gefragt, ob sie das in und mit einer Partei erreichen wolle, dann hätte sie sofort abgewinkt: Nee, echt nicht! Da war sich die Hamburgerin so sicher wie die meisten ihrer Freunde. Die finden das wenig verlockend: viele Abende für Diskussionen, Podien und Sitzungen zu opfern. Auch noch am Wochenende über Infomappen, Anträgen, Protokollen und eigenen Texten zu brüten – und am Ende kommen bei der ganzen, nervenzehrenden Anstrengung womöglich doch nur lahme Kompromisse heraus. Zeitverschwendung für jeden, der wirklich etwas erreichen will!

Und jetzt ist sie doch drin. Miriam Block ist Mitglied einer Partei geworden.

Politisch aktiv war Miriam Block ja schon immer. Als Schülerin organisierte sie bei der Hamburger Menschenkette gegen die Laufzeitverlängerung der Atomkraftwerke den Abschnitt Mönckebergstraße. In der Uni half sie, veganes Mensaessen durchzusetzen, zwei Jahre lang hat das gedauert! Sie arbeitete im Fachschaftsrat mit, initiierte einen "Dies oecologicus" und gründete eine AG, in der Lehrende und Studierende gemeinsam ein Curriculum für "interdisziplinäre Nachhaltigkeitsbildung" entwickeln. Aber Parteien? Selbst die Grünen, die Miriam Block inhaltlich noch am nächsten standen, waren ihr lange zu angepasst. Wenn sogar die ihren Visionen so oft untreu werden, dachte sie, dann ohne mich.

Bei genau diesen Grünen aber will sie sich nun doch über die Uni hinaus an den "großen gesellschaftlichen Aushandlungsprozessen" beteiligen, wie sie das formuliert. Warum sie ihre Meinung geändert hat, darauf kommen wir später zurück. Vielleicht wirken ihre Überlegungen ja überzeugend, gar ansteckend?

Denn gut wär's, so entfremdet wie die meisten Bürger den Parteien mittlerweile sind. Nur eine kleine Minderheit engagiert sich bei der SPD, der CDU, Bündnis 90/Die Grünen oder in einem anderen Lager. An diese Entwicklung haben sich alle irgendwie gewöhnt – obwohl der Schwund umgekehrt auch die Parteien den Bürgern entfremdet. Und obwohl das – hier muss es feierlich werden – eine Säule der Demokratie untergräbt. Schließlich schreibt das Grundgesetz den Parteien eine Schlüsselrolle zu. Sie wirken mit bei der "politischen Willensbildung des Volkes" und ringen als seine gewählten Vertreter in Parlament und Regierung darum, diesen Willen in Gesetze zu fassen. Aber wie lebensnah, wie zukunftstauglich werden Gesetze, wenn sich sozial Schwächere in die Parteien nicht mehr hineintrauen und sich viele Stärkere oft spöttisch von ihnen abwenden? Sodass sich in ihnen ein immer kleinerer Teil des Volkes spiegelt?

Dieser Artikel ist ein Auszug aus dem soeben erschienenen Buch "Was tun: Demokratie versteht sich nicht von selbst", das die ZEIT-Redakteurinnen Christiane Grefe und Susanne Mayer mit ihren Journalisten-Kolleginnen Gabriele von Arnim, Evelyn Roll und Elke Schmitter geschrieben haben. (Verlag Antje Kunstmann, 112 Seiten, 10 Euro) © Verlag Antje Kunstmann

Auch Tanju Yoldasoglu hatte den Gedanken, sich bei der SPD einzuklinken, immer wieder verworfen. Der 25-Jährige arbeitet als Industrieelektroniker in Iserlohn, in einer der traditionellen Stahlveredelungsfirmen. Weil es bei manchen Unternehmen "sehr unfaire Arbeitsbedingungen" gebe, engagiert er sich als Gewerkschaftsmitglied in der betrieblichen Jugendarbeit. Dabei habe er erfahren, wie viele Familien jeden Euro dreimal umdrehen müssen, erzählt Yoldasoglu: "Sogar einzelne IG-Metaller fallen deshalb auf die Populisten rein." Umso mehr freut ihn das Versprechen von Martin Schulz, sich mehr für die "kleinen Leute" einzusetzen: "Ich will selbst mit dafür sorgen, dass er das auch wirklich tut." Anfang April hat Yoldasoglu die Mitgliedserklärung unterschrieben und sich gleich in die Vorbereitungen des Wahlkampfs gestürzt.

16.000 neue SPD-Mitglieder in einem Quartal

Aus den Parteien hört man, dass besonders viele junge Leute wie er infolge der Trump- und Brexit-Schocks eingetreten sind. "Endlich wird in den Ortsvereinen wieder richtig diskutiert!", sagt eine "Mitgliederbeauftragte" der SPD. Dieses Amt wurde eingerichtet, um neuen Genossen am Anfang Orientierung zu bieten und ihnen zum Beispiel die Entscheidung zu erleichtern, in welchen Gremien sie sich engagieren wollen. Auch Grüne und FDP gewinnen Mitglieder, und der neue Superstar der CDU ist 24, weiblich, ein kritischer Geist. Gerade hat diese junge Frau ein Buch geschrieben: "Für die Zukunft seh' ich schwarz". Diana Kinnert in ihren schwarzen Longshirts mit Basecap hält viel von Konservatismus, will aber "kaputt machen, was euch kaputt macht": die organisatorische Erstarrung, zu viel "Satzungsgedöns" und was sonst noch die Kreisverbandsarbeit so zähflüssig macht.

Doch trotz solchem Enthusiasmus kompensiert diese neue, kleine Eintrittswelle bisher nicht einmal ansatzweise den Schwund. Bei der SPD traten im ersten Quartal 2017 rund 16.000 Bürger ein – aber zwischen 1990 und 2014 hatte sich die Mitgliederzahl von fast einer Million auf 460.000 mehr als halbiert. Bei der CDU sank sie im gleichen Zeitraum von knapp 800.000 ebenfalls auf fast die Hälfte. Für viele der aktuellen Partei-Neulinge bleibt es außerdem beim spontanen Mausklick auf dem Eintrittsformular online, ohne dass sie ihre digitalen Echoräume für leibhaftige Gremienarbeit verließen. 

Die große Mehrheit der Bevölkerung beschränkt sich also weiter auf das Kreuzchen bei der Wahl – und kommentiert die Politik darüber hinaus bequem vom Laptop aus, ein bisschen so wie Statler und Waldorf, die beiden Besserwisser aus der Muppet-Show in ihrer Theaterloge. Von dort aus sieht man auf der politischen Bühne kein lebendiges Parteileben, sondern Typen, über die man entspannt ablästern kann: den "Gottkanzler" Schulz und seinen "Sturz", die unabänderliche Kanzlerin Merkel, den smarten Lindner, den Unbedingtwoller Özdemir. Politiker: alles nur Selbstdarsteller, Floskelautomaten, Büttel der Lobbys, Karrieristen!