Es heißt, dass in Sachsen die schönsten Mädchen wachsen. Ob dem so ist, lässt sich empirisch vermutlich nicht nachweisen; wir dürfen die Behauptung für ein Gerücht halten, das von sächsischen Mädchen gestreut wurde. Sollte es aber tatsächlich so sein, hat der liebe Gott, oder vielmehr die Dialektevolution dafür gesorgt, dass die schönsten Mädchen die furchtbarste Mundart pflegen. Das nennt man dann ausgleichende Gerechtigkeit. Der sächsische Dialekt wird regelmäßig zum unbeliebtesten in Deutschland gewählt. Ein nichtsächsischer Freund bezeichnete ihn kürzlich als bestes Verhütungsmittel. Ich möchte da einwenden, dass schwäbisch ooch ni krade säxy ist. 

Ob es die Vertauschung von B und P, G und K-Lauten ist, die anderen so missfällt, lässt sich hier nicht aufklären. In jedem Fall korrespondiert die dialektale Fremdheit mit der menschlichen Fremdheit: Man versteht uns Sachsen einfach nicht. 

Marlen Hobrack studiert im Masterstudiengang Kultur- und Medienwissenschaften, nachdem sie zuvor einige Jahre in einer Unternehmensberatung gearbeitet hat. Derzeit schreibt sie an einem Social-Media-Roman. Sie lebt mit ihrem Sohn in Dresden und ist Gastautorin bei "10 nach 8". © privat

Ich als Sächsin spreche meistens Hochdeutsch – ein Kinderspiel, weil das Deutsch dort, wo ich herkomme, aus Bautzen, dialektal so rein ist wie Hannoveranisch. Wenn ich also einen klaren Satz herausbekomme, der obendrein ohne das Wort "Volksverräter" auskommt, loben mich nichtsächsische Menschen gern mit den Worten: "Aus Sachsen? Das hört man ja gar nicht!" Das ist in etwa so, wie wenn jemand mit dunkler Hautfarbe, der hierzulande geboren wurde, für sein gutes Deutsch gelobt wird. Freilich in deutlich artikulierten, in etwas herablassendem Tonfall vorgetragenen Worten. Guter Fremder!

Eine Zeit lang durfte ich immer dann für Zeitungen schreiben, wenn es etwas über Dresden oder Bautzen zu berichten gab. Wenn die Sachsen sich öffentlich beispielsweise wieder besonders dumpf und ignorant gebärdeten. Solche Texte sind Qual und Freude zugleich: Wir Sachsen haben es ja nicht anders verdient, als uns schimpfen und schelten zu lassen, dafür, dass wir Pegida so schamlos haben gewähren lassen, für die Vorfälle in Freital und anderswo.

Nennen Sie mich eine Masochistin, aber ich habe mir mehr als einmal den Kopf darüber zermartert, was mit uns denn nicht stimmt, dann zum Beispiel, wenn eine Horde von unterbeschäftigten Best Agern die Einweihung von Kunstwerken im öffentlichen Raum mit Hasstiraden auf Politiker niederbrüllt. Wenn die so geschmähten Politiker (in sächsischer Hasssprache kurz: das "Pack") trotzdem versuchen, mit den schmähenden Bürgern ein bereinigendes Gespräch zu führen, wird dasselbe meist abgebrochen, denn "ihr hört doch sowieso nicht zu".

In Sachsen sieht sich Niklas Luhmanns Satz, wonach Kommunikation unwahrscheinlich ist, tagtäglich bestätigt. Als kommunikativ Benachteiligte stehen wir Sachsen ziemlich oft am öffentlichen Pranger. In der Folge fühlen wir uns nicht nur missverstanden, sondern auch geschmäht. So innig ist das Verhältnis der Sachsen zum Sich-beleidigt-Fühlen, dass die TU Dresden eigens einen interdisziplinären Sonderforschungsbereich zum Schmähen und Geschmähtwerden eingerichtet hat. Der SFB Invektivität (stellen Sie sich das Wort mal mit sächsischem Dialekt intoniert vor!) beforscht natürlich nicht die sächsische Seele und ihre sadomasochistische Schmähbereitschaft, sondern die Rolle des Schmähens und Beleidigens in Gesellschaft, Kultur und Politik quer durch die Epochen.