Gute Nachricht vorweg: Die Linke ist Deutschlands einzige Partei, die die Arbeitsmarktreformen unter der Schröder-Regierung bis zum heutigen Tag unermüdlich kritisiert. Seit fast zwei Jahrzehnten tun dies Leute wie Sahra Wagenknecht, Oskar Lafontaine, Gregor Gysi und der andere, mit dem die Wagenknecht gerade in den Wahlkampf zieht. Der Große aus Rostock, der wie Klaus Ernst aussieht, aber mit Brille, Name gerade nicht auf dem Schirm, sorry.

Viele haben es vielleicht schon vergessen, aber das, was wir heute den Niedriglohnsektor nennen und die Ausbeutung der Leiharbeiter, hieß, als dieser Staat von Männern wie Florian Gerster und Peter Hartz regiert wurde: "atmender Arbeitsmarkt".

In der Managerwelt ist das ein alter Hut. Man etikettiert eine negative Nachricht in eine positive um und überbringt sie nach Applaus heischend, als hätte man der Belegschaft gerade einen Blumenstrauß mit Riesenschleife überreicht. Das Absenken der Arbeitslosenhilfe auf Sozialhilfeniveau nannte man: "Das Verstärken der eigenen Bemühungen nach längerer Arbeitslosigkeit." Ganz hübsch, nicht wahr? Verstärken klingt gleich wie Empowerment. So wurde der deutsche Sozialstaat wie eine schlecht laufende Firma behandelt, indem man wundersame Formulierungen dafür erfand, dass die Arbeitslosen- und Sozialhilfe zusammengelegt und gleichzeitig die Bezugsdauer verkürzt wurde. Flexibilität ist auch so eine Erfindung.

Deutsch aus DDR-Beständen?

So gesehen ist es wirklich alles richtig, was Die Linke im Bezug auf die wachsende Armut der arbeitenden Bevölkerung sagt, die nicht in der Lage ist, Zahnersatz zu bezahlen oder ihren Kindern die Fahrschule zu spendieren. Lauter Alltäglichkeiten, die in einer Industrienation eigentlich eine Selbstverständlichkeit sein müssten. Innerhalb von 20 Jahren ist es in Deutschland völlig normal geworden, keinen Arbeitsvertrag mehr zu bekommen. Einen stinknormalen Arbeitsvertrag. Ohne Befristung. Mit Urlaubsanspruch. Ausgleich für Überstunden. Einen ganz normalen Arbeitsvertrag halt.

Und trotzdem ist man von der Partei total genervt! Von ihrem Auftritt, ihrer Sprache, dem ganzen Look. Allein dieses Rot mit den eingesetzten Bauchbinden in Schwarzweiß und der Agitatorensprache. "Erdoğandiktatur", um nur ein Beispiel zu nennen. Wieso kann es nicht "Erdoğans Diktatur" heißen? Warum "Riesterwahnsinn"? Warum soll die Rentenerhöhung für Spitzenverdiener "abgeflacht" werden? Und überhaupt, die Reichen! Och menno. Wer redet denn so? Ist das noch Deutsch aus alten DDR-Beständen?

Allen voran Sahra Wagenknecht, die mit durchgedrücktem Rücken in jeder Talkshow sitzt und egal ob es um Bankenregulierung, Steuersätze oder sonstige Politarchitektur geht, immer erst mal ein "Frau Merkel" abfeuert. Nie ist die Bundesregierung an etwas schuld oder die Koalitionsparteien oder die Union oder die Bundeskanzlerin, sondern immer "Frau Merkel". So kennt man es eigentlich nur von AfD und Pegida.

Und dieser andere, der mit der großen Brille – verflixt, wie heißt er noch –, sein Name klingt so ähnlich wie Dietmar Bär, sagte zur Abstimmung über die Ehe für alle, dass das ein Grund sei zum Feiern, aber die "umfassende" Akzeptanz der Homosexuellen sei noch nicht gegeben und der Kampf für "wirkliche" Gleichstellung müsse weitergeführt werden. Natürlich könnte man die Adjektive auch weglassen, aber das ist es nicht.

Es zieht sich durch den gesamten Auftritt der Wagenknecht und dem Dietmar Beiersdorfer aus Rostock, diese Syntax aus Genöl und Schlaubitum, die einfach keine Lust macht, hinzuhören. Es ist, als würden sie beim Sprechen immer ein lahmes Kriegsbein hinter sich herziehen. Veteranensprache für Genossen, deren Namen hinten auf -kowski enden. Rhetorik wie frisch aus dem VEB Kombinat Volkskörperdeutsch.