Chloe Kerman lebt in London, sie ist Mitte 30 und hat eine Karriere als Moderedakteurin bei international renommierten Magazinen hinter sich gelassen, um als Chloe Isidora in den Schamanismus einzutauchen. In ihrem Leben zwischen Modenschauen und Fotoshootings, in dem oberflächliche Bekanntschaften und perfektes Aussehen den Ton angaben, empfand sie eine Sehnsucht nach etwas Größerem.

Chloe gehört einer Bewegung junger Frauen an, die mitten im Leben stehen, aber nach mehr suchen. Sie treffen sich regelmäßig in den Wäldern rund um London. Die Zusammenkünfte der sogenannten Sisterhood werden durch schamanische Praktiken, vedische Meditation, Tanz und Gesang begleitet. Dabei werden Lebensmittel fermentiert, Körbe geflochten, Stoffe gefärbt, Kräutermedizin hergestellt, Gedichte geschrieben, Yoga praktiziert, gemeinsam gekocht und vieles mehr.

"Wir können nicht länger in einer zusammenhanglosen Welt existieren. Unser Überleben hängt davon ab, sich zu erinnern, wer wir sind und woher wir kommen", erklärt Charlotte Hall. Charlotte ist im gleichen Alter wie Chloe, lebt ebenfalls in London und arbeitet als PR-Beraterin in der Modeindustrie. Sie kam schon als Kind mit alternativen Lebensformen in Kontakt, besuchte regelmäßig New-Age-Gemeinschaften auf dem Land, die temporär zusammen lebten, Hütten nach altertümlichen Methoden bauten und ihr Essen am offenen Feuer zubereiteten. Als Teenager wandte sie sich von diesem Lebensstil ab, um wie die anderen zu sein. Erst mit der Schwangerschaft und Geburt ihrer Tochter öffnete sie sich wieder für ein anderes Leben und nimmt seither regelmäßig an Women's Gatherings teil.

Lilli Heinemann, geboren 1985, arbeitet neben ihrem Studium an der Universität der Künste Berlin als freie Autorin. Sie schreibt über Stil und Gesellschaft und ist Gastautorin von "10 nach 8". © Robert Rieger

Eines der gemeinsam ausgeübten Rituale ist der Rite of the Womb. In den Womb Circles leitet Chloe eine Gruppe von Frauen an, durch Meditation eine Verbindung zu ihrer Gebärmutter herzustellen. Chloe erklärt, dass die weibliche Kraft und Weisheit in der Gebärmutter liegt, wir aber verlernt hätten, uns mit ihr zu verbinden. Frauen neigten dazu, Ängste und Schmerzen in ihr festzuhalten. Nach dem Ritus litten sie nicht mehr so stark an Menstruationsschmerzen, seien in der Lage, schwanger zu werden und erführen Freude, Liebe und Kreativität. "Wir werden in eine maskuline Welt geboren, in der es darum geht, Dinge zu erreichen und zielorientiert zu sein", sagt Chloe. Bei der zelebrierten göttlichen Weiblichkeit ginge es hingegen um das Empfangen, darum, es den Dingen zu erlauben, zu einem zu kommen.

Im Zentrum dieser Spiritualität steht auch der Holismus, der besagt, dass ein System als Ganzes funktioniert und nicht aus Einzelteilen zusammengesetzt ist – es geht um die Verbundenheit von allem mit allem. Die Idee des Holismus ist nicht neu: Sie war ein wesentlicher Grundzug der auf James Lovelocks Hypothesen aufbauenden Gaia-Bewegung der 60er Jahre und der New-Age-Bewegung der 70er Jahre. Die Gaia-Hypothese besagt, dass die Erde und ihre Biosphäre wie ein Lebewesen betrachtet werden kann und die Erdoberfläche ein dynamisches System bildet, in dem Lebewesen untereinander und mit ihrer Umwelt eng vernetzt und abhängig voneinander sind. Chloe glaubt, dass die Illusion, abgetrennt zu sein, oft das ist, was Menschen unglücklich macht. Es gehe darum, sich nicht von der Natur abzugrenzen, sondern zu verstehen, dass wir ein wesentlicher Teil von ihr sind.

Da die Bewegung im digitalen Zeitalter stattfindet und durch Bilder ländlicher Naturidyllen und schöner Frauen auf Instagram dokumentiert wird, ist sie auch für diejenigen Frauen interessant, die sich bisher nicht für Spiritualität begeistern konnten. Und sie findet immer mehr Anhängerinnen. Der Religionshistoriker Hartmut Zinser vom Institut für Religionswissenschaft an der FU Berlin bestätigt: "Es gibt ein Bedürfnis nach etwas, das das Alltagsleben überschreitet, insbesondere dann, wenn sich die Menschen in diesem enttäuscht sehen." Er erklärt, dass nach dem drastischen Rückgang der kirchlichen Religiosität in den 60er Jahren ein Markt der Religionen entstanden sei, auf dem Esoterik einen großen Platz eingenommen habe. Das Bedürfnis nach Transzendenz sei eine Kritik am Mangel im alltäglichen Leben, und Hedonismus stelle keinen Ausweg da.