Zu den Ladenhütern der Kulturkritik gehört die Annahme, dass die moderne Gesellschaft immer subtilere Mittel zur Verfügung stellt, um die Individuen zu kontrollieren, zu manipulieren und den notorischen "Verwertungszusammenhängen" nutzbar zu machen. Die digitalen Technologien kommen dabei meist besonders schlecht weg. Mit ihrer Hilfe, belehren diverse Feuilletons ihre Leser, beeinflusse die Kontroll- und Feedbackgesellschaft nicht nur das Verhältnis der Menschen zu ihrem Körper und ihrer Gesundheit, sondern auch ihre Emotionen und sogar ihr Unbewusstes.

Als Beweis wird auf Jogging-Apps, Aktivitätstracker, Laufuhren und Pulsmesser hingewiesen, die mit Neuro-Enhancement, Gehirndoping und Achtsamkeitscoaching Etappen auf dem Weg in die totale Selbstoptimierung bildeten. Als Gipfel der Selbstoptimiererei werde mittels Bewegungsrezeptoren, Infraschall, interaktiven Betten, Schlafanzugwärme-Management und digitaler Traumsteuerung sogar der menschliche Schlaf der totalen Verwertbarkeit unterworfen.

"Wollen wir das?", fragte schon im Februar vergangenen Jahres die Wirtschaftswoche und stellte damit unter Beweis, dass das Herummäkeln an den Verwertungszusammenhängen am verlässlichsten von deren eigenen Werbeagenturen besorgt wird.

Schlaf als Erlösung

Doch abgesehen davon, dass niemand zur Totalverkabelung bei Waldlauf oder Mittagsschlaf gezwungen wird, ist die Unterstellung, den Menschen werde nun auch ihr eigener Schlaf genommen, besonders unsinnig. Gerade ihr Schlaf hat ihnen nämlich nie gehört. Im Schlaf macht sich, darin ist er dem Sexus, der Krankheit und dem Alter verwandt, die nirgends unmittelbar anzutreffende, aber trotzdem nach wie vor vorhandene erste Natur gegen ihre gesellschaftliche Bezwingung und Umwandlung als Widerstand geltend. Alle Menschen müssen schlafen. Wer es zu lange nicht tut, gefährdet früher oder später seine Gesundheit oder gar sein Leben.

Insofern ist der Schlaf ein Zwang, etwas durch die Individuen nicht restlos Beherrschbares. Andererseits erfahren die Menschen den glücklichen Schlaf als temporäre Erlösung von allem Zwang, die Morgen für Morgen durch die Notwendigkeit rechtzeitigen Aufstehens, pünktlicher Besinnung und passgenauen Funktionierens aufs Neue widerrufen wird. Beide Seiten des Schlafs, sein Zwangs- wie sein Glücksmoment, verweisen auf seine Subjektferne. Im Unterworfensein unter den Schlaf drückt sich ebenso wie in der Hingabe an ihn aus, dass er, selbst dort, wo er herbeigesehnt oder durch Hilfsmittel herbeigezwungen wird,über die Menschen kommt: ein Gegenständliches, Leibhaftes, nicht auflösbar in bloße Subjektivität.

Was als Selbstoptimierung beschrieben wird, ist keine Erfindung des Neoliberalismus, sondern bezeichnet uralte Zivilisationstechniken. Weil Menschen schlafen müssen, um zu leben (die Metapher vom Schlaf als "kleiner Tod" verleugnet das), mussten sie seit jeher Sozialtechniken entwickeln, um den Schlaf herbeizurufen. Weil sie aber, um leben zu können, auch nicht überall und jederzeit schlafen dürfen, mussten sie zugleich nach Wegen suchen, den Schlaf zu kontrollieren und auf die jeweils gültigen Zeitabläufe abzustimmen.

Über Jahrhunderte hinweg wurden zu diesem Zweck ziemlich rabiate Mittel eingesetzt, die sich wohl niemand ernsthaft zurückwünscht. Friedrich Kittler hat einige davon in seinem Buch Dichter, Mutter, Kind in Erinnerung gerufen, in dem er die Geburt der romantischen Lyrik aus der Stimme der Mutter beschreibt. Bis ins 18. Jahrhundert hinein wurden Kinder, damit sie zuverlässig schlafen, mit Morphium stillgestellt oder wie Mumien am ganzen Körper in Tücher eingewickelt. Beim sogenannten Steckwickeln wurden Säuglinge mit Windeln buchstäblich an ihr Bett gefesselt.

Die Welt des Wachens

Erst mit der infolge bürgerlicher Arbeitsteilung zunehmend exklusiven Bedeutung der Mutter-Kind-Beziehung für die Kindererziehung haben sich, wie Kittler zeigt, sanftere Formen von Anästhesie entwickelt, zu denen neben Spielzeug, Bettzipfeln und verwandten "Übergangsobjekten" (D. W. Winnicott) vor allem das Wiegenlied zählte. In seiner Klanglichkeit, seiner Tendenz zur hypnotischen Wiederholung, besonders aber in seiner Bindung an die Mutterstimme bildete es eine Brücke von der Welt des Wachens in die Welt des Schlafens, die schroffere Formen des Übergangs nach und nach überflüssig machte. Kittler zeigt in seiner Studie, wie aus dieser Veränderung der Schlaftechnologien eine neue Vorstellungswelt erwuchs, in der die Mutter stärker als je zuvor mit dem Unbewussten, dem Traum und den Trieben assoziiert wurde.

Ebenfalls im 18. Jahrhundert wurde ein anderer Klang erfunden, der als schrille Gegenstimme zur einlullenden Stimme der Mutter verstanden werden kann: der Wecker.

Die zuvor entwickelten Weckvorrichtungen waren ähnlich brutal gewesen wie die Mittel, um Menschen zum Schlafen zu bringen. Leonardo da Vinci konstruierte im 15. Jahrhundert eine Weckmaschine, bei der durch allmähliche Füllung einer Waagschale mit Wasser zu einem vorab berechneten Zeitpunkt ein Hebel betätigt wurde, der dem Schlafenden die Decke wegzog und ihn so regelrecht aus dem Bett warf. Andere Weckmaschinen weckten die Schlafenden durch Kugeln, die zum vorbestimmten Zeitpunkt krachend in Schalen fielen, oder mittels in Pfeifventile gepresster Luft.