Facebookposts sind das, womit Stefanie Sargnagel berühmt wurde. Obwohl sich "große deutsche Verlage" längere Texte von ihr wünschen, ist ihr drittes Buch wieder eine Aphorismensammlung geworden. Sein Titel lautet schlichtweg "Statusmeldungen". Zu ihrer zum Markenzeichen gewordenen roten Baskenmütze trägt Sprengnagel, wie sie mit bürgerlichem Namen heißt, ein knielanges schwarzes Kleid mit weißem Kragen. Wir treffen uns in einem Berlin-Mitte-Café, das Strandkörbe für ein gutes Ausstattungselement hält. Um uns herum junge Eltern und späte Erwachsene, die um zwölf die erste Mahlzeit zu sich nehmen. Es ist exakt jenes "Alnatura-Deutschland", vor dessen Aufgeräumtheit der Österreicherin graut.

ZEIT ONLINE: Frau Sargnagel, Ihren jüngsten Statusmeldungen ist zu entnehmen, dass sie neuerdings Spinat dünsten und zur Therapie gehen. Ist das nicht ein Zugeständnis an einen Lifestyle, den Sie eigentlich verachten?


Stefanie Sargnagel: Ich richte mich ja nicht gegen den einen Lifestyle. Das geht gegen Ökohipster genauso wie Kunststudenten, die Arbeiterklasse und mich selbst. Böse meine ich das eh alles nicht, eher als liebevolles Bashing, außer gegenüber den Rechten und anderen Arschlöchern. Aber stimmt schon, ich bin fader geworden. Rückblickend fand ich mein erstes Buch mit Abstand am freshesten. Ich packs einfach nicht mehr, drei Tage fertig zu sein von einem Mal Saufen. Aber keine Sorge, es kommen schon neue Alki-Punks nach. Bei Lesungen sage ich immer: "Ich wollte eh im Bürgertum ankommen." Ich hab nix gegen eine Eigentumswohnung und gute Ernährung. Außerdem war ich noch nie so unkonventionell, wie ich gesehen werde. Manchmal sagen Leute zu mir 'das findest Du sicher total spießig', aber spießig sein bedeutet für mich, intolerant gegenüber anderen Lebensentwürfen zu sein, nicht eine kleine Familie und ein Haus zu haben.

ZEIT ONLINE: Ist das diese Quarterlife Crisis, von der alle reden?

Sargnagel: Mit dem Begriff kann ich wenig anfangen. Die letzte sozial gemischte Gruppe, in der ich war, war die Schule und auch da war ich nicht repräsentativ für meinen Jahrgang, sondern ein Freak. So ist es noch immer, im Sinn von: Ich stehe für keine bestimmte Altersgruppe. Allerdings beobachte ich, dass viele meiner gleichaltrigen Freunde mit Drogen und Trinken aufgehört haben und jetzt Therapie machen. Bis 30 ist das so eine Selbstfindungsphase, dann denkst Du Dir "ja vielleicht sollte ich doch was machen, sonst ist das halt mein Leben." Ich finde es legitim, fader zu werden, solange man sich eine gewisse Grundskepsis behält. Außerdem habe ich das Gefühl, genug ausgegangen zu sein. Obwohl ich so ein bisschen versumpert bin und einen Hang zum Depressiven hatte, bereue ich nichts.

ZEIT ONLINE: Machen Sie noch Ihre Therapie?

Sargnagel: Ja, ich glaube, es ist eine Gesprächstherapie. Eigentlich wollte ich eine Verhaltenstherapie machen, aber die erste Psychiaterin, bei der ich war, hat mich nicht gestört. Ich würde einfach gerne ein bisschen normaler werden. Therapie ist super, kann ich nur empfehlen.

ZEIT ONLINE: An einer Stelle Ihres Buchs heißt es: "Wie kriegt ihr euer Leben auf die Reihe ohne meine Mama?"

Sargnagel: Natürlich ist es nicht leicht, selbstständig zu werden, wenn man immer in allem bestätigt wird. Die Jungen werden später erwachsen, weil sie mehr Möglichkeiten haben und in den meisten Fällen mehr verwöhnt wurden als ihre Eltern. Außerdem ist es eine Frage des Milieus. Manche gehen hackeln, seit sie 16 sind, die können die sich dann mit 20 locker Gedanken um die Familienplanung machen.

ZEIT ONLINE: Woher beziehen Sie Ihre Inspiration, wenn Sie nicht mehr mit Fremden in heruntergekommenen Kneipen hängen?

Sargnagel: Gewisse skurrile Dinge passieren nachts in Lokalen, das sind halt die Abstriche, die man machen muss, wenn man nicht mehr trinkt. Die Ideen gehen mir trotzdem nicht aus. Mich inspiriert Müßiggang, herumspazieren, Schabernack. Nichts tun finde ich immer gut. Und natürlich das Internet. Der Nachteil ist, dass dadurch meine Aufmerksamkeitsspanne sinkt. Selbst wenn mir ein Buch voll taugt, lege ich es nach sechs Seiten weg, weil ich nur kurz was am Handy schaue und dann eine Stunde im Internet bin.

ZEIT ONLINE: Wie verbringen Sie diese Stunde?

Sargnagel: Herumspringen bei Instagram, Facebook, selbst was rausposten, schauen, was kommentiert wurde. Wenn ich aus irgendwelchen Gründen zwei Wochen mal nicht im Internet war, weiß ich oft gar nicht, was ich dann im Internet machen soll. Trotzdem bin ich voll Anti-Internet-Bashing. Schon deshalb, weil sich im Internet alles von selbst archiviert. So unordentlich wie ich bin, würde sich das sonst alles verlieren.

ZEIT ONLINE: Bekannt wurden Sie durch Ihre Facebookposts. Entspricht die Kürze Ihrer Texte einer Generation, der man eine kurze Aufmerksamkeitsspanne nachsagt?

Sargnagel: Mir liegen die kurzen Texte einfach mehr. Sowieso sehe ich mich nicht als so eine Generationenautorin. Entscheidender ist doch das Milieu, aus dem man stammt und in dem man sich bewegt. Ich bin ein linker Künstlertyp und nicht repräsentativ für Karierrefrauen in der Wirtschaft oder Bäckergesellen.