Zwei junge, abgemagerte Frauen laufen über einen Krankenhausflur. Ihre Gesichter sind nicht zu erkennen; eigentlich sind es nur Silhouetten, die mit ihrem Hintergrund zu verschwimmen scheinen. Zu verschwinden oder schwerelos zu sein, das sind reale Wünsche magersüchtiger Frauen. Daher bin ich schon nach der ersten Szene des Netflix-Films To the Bone erleichtert: Hier scheint jemand über diese komplizierte Krankheit Bescheid zu wissen. Und tatsächlich: Sowohl die Hauptdarstellerin Lily Collins als auch die Regisseurin Marti Noxon litten in der Vergangenheit an Essstörungen

Doch noch vor der Ausstrahlung sorgte To the Bone für Proteste. Kritiker, darunter auch Ärzte und Therapeuten, meldeten sich zu Wort und äußerten – allein anhand des Trailers – Bedenken: der Film "banalisiere" und "verherrliche" Magersucht. Die Therapie werde außerdem viel zu simpel und als "bereichernde Erfahrung" dargestellt. Eine Online-Petition fordert von Netflix sogar, den Film gar nicht erst zu zeigen. Denn die Verantwortlichen könnten "jahrelange Therapieergebnisse zunichtemachen".

Ich kann nichts Banales an diesem Film finden.  

To the Bone erzählt von der 20-jährigen Ellen (Lily Collins), die seit vielen Jahren an Magersucht erkrankt ist. Jeder Therapieversuch ist bislang gescheitert. Auf Drängen ihrer Familie nimmt sie schließlich einen Platz in einer Therapiegruppe an, die von dem unkonventionellen Arzt Dr. William Beckham (Keanu Reeves) geleitet wird.

Ellen wirkt, als lebe sie nicht mehr in dieser Welt, als sei sie bereits verschwunden und wandle nur noch als Schatten ihrer selbst durch das Leben. Ihr komplettes Sein ist von der Magersucht beherrscht. Wie viele Essgestörte strebt auch Ellen nach Autonomie – und hat sich gleichzeitig in die völlige Abhängigkeit einer Krankheit begeben, die nicht selten zum Tod führt. Schätzungsweise zehn Prozent der Erkrankten sterben. Langzeituntersuchungen haben gezeigt, dass sogar bis zu 20 Prozent der Magersucht erliegen. Und auch über Ellen schwebt der Tod wie ein grauer Schleier. Er ist eine ständige Gefahr, deren Anwesenheit alle um sie herum permanent spüren. "Sie stirbt direkt vor unseren Augen", sagt Ellens Stiefmutter während einer Familientherapiesitzung.

Nein, ich kann nichts Banales an diesem Film finden.

Nora Burgard-Arp arbeitet als freie Journalistin und Autorin in Hamburg. 2014 hat sie das Wissenschaftsportal "Anorexie – Heute sind doch alle magersüchtig" gegründet. 2015 war sie damit für den Grimme Online Award nominiert. Sie ist Gastautorin von "10nach8". © Marcel Kamps

Wissenschaftler forschen seit Jahrzehnten an den Gründen für die Anorexia nervosa – und trotzdem sind zahlreiche Fragen immer noch unbeantwortet. Eines steht jedoch fest: Es gibt nie nur den einen Grund für eine Essstörung. Viele verschiedene Faktoren, beispielsweise persönliche Traumata oder Verletzungen, schwierige Familienverhältnisse und bestimmte Charaktereigenschaften wie Perfektionismus oder Kontrollzwang, müssen zusammentreffen, um eine derart komplexe Krankheit auszulösen. Sonst wäre schließlich jedes Scheidungskind oder jede Frau, die sich nach einer schlanken Figur sehnt, magersüchtig.

Es ist niemals so simpel

Im Film lässt die Suche nach den Gründen für Ellens Krankheit ihre Familie verzweifeln. Ellen wohnt mit ihrer Halbschwester bei ihrer Stiefmutter, der Vater ist abwesend und Ellens Mutter lebt seit Neuestem mit einer Frau zusammen. Hier wird der Zuschauer zunächst bewusst auf eine ganz konkrete Fährte gelockt: Ja, Ellens Familienverhältnisse sind schwierig und ganz offensichtlich leidet sie massiv darunter. Ihre Stiefmutter spricht im Erstgespräch mit Dr. William Beckham das aus, was offensichtlich scheint: "Das Outing ihrer Mutter muss doch etwas damit zu tun haben." Aber der Arzt unterbricht sie sofort: "Es ist niemals so simpel."

Die konflikthafte Familiensituation ist eben nicht der alleinige Grund für Ellens Krankheit. Sie selbst spricht vor allem über ihr Gefühl, sich völlig allein und ausgeliefert zu fühlen und über die Schwierigkeit, in einer Gesellschaft voller Alltagssexismus – "Titti-Grapschen", wie sie es nennt – zur Frau zu werden. Zahlreiche andere Gründe, die Magersucht auslösen oder verstärken können, wie eine Bindungsstörung oder Pro-Ana-Plattformen werden ebenfalls, stellenweise fast beiläufig, eingestreut. Genau dadurch zeigt To the Bone, was in der Darstellung dieser Krankheit so oft fehlt: Komplexität und Vielschichtigkeit. Der Film wirft an vielen Stellen mehr Fragen auf, als er beantwortet – und ist genau deswegen realistisch.