Der Keiler steht an der Böschung neben dem Fahrradweg und sieht mich ausdruckslos an. Ich steige vom Rad und starre zurück. Dunkel erinnere ich mich an Warnungen vor aggressiven Wildschweinen, jederzeit bereit, ihre Nachkommen gegen Eindringlinge zu verteidigen.
Aber Moment mal: Wer ist denn hier kurz vor der S-Bahn-Haltestelle Olympiastadion der Eindringling? Ich ja wohl nicht, auch wenn ich gerade erst hierhergezogen bin und nicht weiß, ob man Wildschweinen – wie Haien – nur fest in die Augen schauen muss, damit sie zurückweichen.

Vor den drei großen Aufzügen im Corbusierhaus steht eine Gruppe junger Russen in Jogginganzügen und Badelatschen. Ihre Pitbulls tragen Maulkörbe, ihre Fußnägel lechzen nach einer Pediküre. "Chalo", grüßten sie freundlich. Aufgeregt erzähle ich von meiner Begegnung mit dem Wildschwein. Sie nicken gleichgültig. Wahrscheinlich wissen sie längst, was ich einige Tage später im hauseigenen Waschsalon von einer 92-jährigen Nachbarin erfahre: Tausende Wildschweine bevölkern den nahegelegenen Grunewald, von wo aus sie regelmäßig in Gärten und Friedhöfe einfallen, um nach Blumenzwiebeln und Kompostabfällen zu wühlen. Die Abschussquote sei hoch, dezimiere den Bestand auf Dauer jedoch nur unwesentlich.

Heike-Melba Fendel ist Autorin und Inhaberin der Künstler- und Veranstaltungsagentur Barbarella Entertainment. Sie lebt in Köln und Berlin. Sie ist Mitglied der Redaktion von "10 nach 8". © Hilmar Traeger

Meine entsetzten Freunde werden dennoch nicht müde zu behaupten, ich wohne jetzt ja leider total weitab vom Schuss. Also in sicherem Abstand zu den Stadtvierteln, wo man sich Nacht für Nacht deutlich cooler abschießen kann, als etwa in den gepflegten Gastronomien auf der nahe gelegenen Reichsstraße. Die schließen allerdings, wie die meisten umliegenden Geschäfte, bereits um 18.30 Uhr. Und der Cappuccino in den Cafés besagter Reichsstraße wird auch gerne mal mit Sprühsahne und Schokosirup serviert.

Identitätsstiftende Heimeligkeit

Für die, auch sonst jedem Hipster-Hype verpflichteten, Adepten der Drip-Coffee-Bewegung mindestens ebenso ein No-go wie die Rollatoren- und Butter-Lindner-Filialendichte im Berliner Westend, einem Stadtteil, für den die Bezeichnung "Kiez" niemandem über die Lippen kommt.

Wie beim in Köln üblichen Begriff des "Veedels" soll die Verbundenheit zum heimischen Kiez vor allem für Zugezogene identitätsstiftende Heimeligkeit ausdrücken. Ergänzt wird das durch die exzessive Verwendung des Possessivpronomens, der sich gerne auf Gastronomie und Einzelhandel ausweitet – mein Vietnamese, mein Späti oder mein Veganz-Markt.

Man solle Kinder nicht als Partnerersatz benutzen, raten Pädagogen Alleinerziehenden, die emotionale und soziale Bedürfnisse auf den Nachwuchs projizieren. Verfügten Makler neben provisionsaffinem Geschäftssinn auch über Interesse am Seelenheil ihrer Klienten, so würden sie vor Projektion und Überidentifikation mit Wohnungen und Wohnorten warnen.

Denn der Immobilen-Kaufboom der vergangenen zehn Jahre ist keinesfalls allein den Niedrigzinsen oder der Betongold-Verheißung geschuldet, sondern dem Bedürfnis, den nagenden Zahn unserer Zeit mit eben jenem Betongold zu plombieren. Nicht selten ersetzt die Beziehung zur Wohnung jene zu dem ersehnten oder geliebten, oftmals jedoch der Flüchtigkeit verschriebenen Partner. Sagte man einst, mit diesem Mann oder jener Frau wolle man alt werden, so füllt heute die Traumwohnung die Lücke, die der auf Partnerbörsen marodierende Traummensch hinterlassen hat oder wird. Eine Eigentumswohnung tindert nicht heimlich.

Dreimal umgezogen ist einmal abgebrannt?

Kein Wunder also, dass der Deutsche im statistischen Mittel nur alle sieben Jahre umzieht. Sich im verflixten siebten Jahr vom Heim zu trennen, ist dabei nur im besten Fall dem Liebes-, Vermögens- oder Nachwuchsglück geschuldet, sondern eher der Entmietung, Entpartnerung oder Entlassung. Und so zieht man, unter Schmerzen aus dem Ich-Paradies vertrieben, ins neue, möglichst in unmittelbarer Nachbarschaft gelegene Viertel.

Derlei identitäre Verortung kommt natürlich nicht ohne Abgrenzung aus. In finsteren Albträumen der Bewohner des Kölner Belgischen Viertels etwa käme ein Umzug auf die als "schäl Sick" geschmähte rechte Rheinseite der Stadt fast dem in die no go area namens Düsseldorf gleich. Und die Vorliebe der Wildschweinhorden für die Ausläufer des Westends teilt jenseits von Charlottenburg keine Sau: "Olympiastadion, nee, das könnte ich nicht!" Schade eigentlich. Es ist nämlich ziemlich interessant, in diesem bunten 500-Parteien-Haus mit dem kleinen Laden in der Lobby zu leben, der seine Kunden als "liebe Corbusianer" adressiert, der breiten Fensterbank, auf der Bewohner schöne, aber nicht mehr benötigte Dinge für beherzt zugreifende Nachbarn ausbreiten und den Einladungen in die Musterwohnung zu Kaffee und Erdbeerkuchen. Und von den großzügigen Balkonen aus lässt sich der Spielverlauf der Hertha-Heimspiele ebenso nachverfolgen wie die Konzerte mehr oder weniger geschätzter Bands.

Die Qual des Umziehens

Lauter neue Erfahrungen also für mich in dieser 11. Wohnung in meinem 18. Berlinjahr. Ich möchte sie ebenso wenig missen wie den Opernarien schmetternden Nachbarn in Schöneberg, den achtzehnmonatigen "Schlussverkauf" bei Mieder-Renate in Tempelhof oder die Sonnenuntergänge über dem Alexanderplatz: Ehemalige Wohnorte verkapseln Erlebnisse zu intensiv wirkenden Erinnerungen.

Frei nach Picabia ließe sich sagen, dass die Stadt rund ist, damit die Menschen die Wohnung wechseln können. Wer jetzt über die Qual des Umzuges selbst stöhnt – von wegen dreimal umgezogen ist einmal abgebrannt –, der sei gefragt, wie viel Fron er sich sonst so in seinem ganz normalen Alltag gönnt: von endlosen am Stepper verbrachten Stunden über das tägliche Herumgeschippere des Nachwuchses in entlegene Schauplätze von Distinktions-Aktivitäten, bis hin zu all jenen an Booten, Böden oder Bartresen vollzogenen Kraftakten, die man gemeinhin Hobbys nennt.

Peinlicher Gassenhauer

Dabei hat regelmäßiges Umziehen durchaus angenehme Seiten. Es dünnt beispielsweise ganz nebenbei den angehäuften Besitz aus und macht Keller zu ungenutzten Räumen, gemäß dem Motto: Will ich das schleppen oder kann das weg? Apropos schleppen: Umzugstage sind eine genderdebattenfreie Zone – die Jungs schleppen, bohren und wuchten, die Mädels wickeln ein, packen aus und dekorieren herum – MINT-Kampagne my ass.

Manchmal stelle ich mir vor, wie schön es wäre, jede der 500 Wohnungen einmal zu betreten, unterschiedliche Einrichtungen und Ausblicke zu inspizieren und ein wenig mit den Corbusianern zu plaudern. Aber ich fürchte, dazu wird meine Zeit im Westend nicht reichen. Letzte Woche erst habe ich mit dem Fahrrad nachts auf dem Heimweg eine falsche Abzweigung genommen und fand mich in Jungfernheide wieder. Einem Ort, den ich bislang einzig aus einem bereits in meiner Kindheit ziemlich peinlichen Gassenhauer von Insterburg & Co kannte: "Ich liebte eine Mädchen in Jungfernheide/wir liebten uns täglich alle beide…"

Sah irgendwie ziemlich einladend aus, diese Jungfernheide...