Schon völlig trunken von den vielen letzten Vorstellungen, die ich in den vergangenen Wochen an der Volksbühne erlebte, sah ich an meinem vorletzten Abend Bert Neumann. Das Licht war schon ausgegangen, als er sich als Letzter durch die Reihe 13 in die Mitte schob, wo der Platz 1 links auf den Platz 1 rechts trifft, eine Kuriosität der Volksbühnenbestuhlung. Eine Strähne des zurückgekämmten Haares fiel ihm ins Gesicht und bei jedem, der ihm Platz machte, bedankte er sich, ehe er in der Masse verschwand.

Ich wusste natürlich, dass er es nicht sein konnte. In diesem Monat ist er, für dessen Charakterisierung die Worte Ausstatter oder Bühnenbildner viel zu wenig waren, zwei Jahre tot. Sein letztes grandioses Bühnenbild wurde ohne ihn gebaut – die Asphaltschräge, die auf der Bühne endete und die Schauspieler näher an die Zuschauer band, die kyrillische Colareklame und das schwarze Lametta an den Wänden, das aussah wie Magnetband – vielleicht ist es ja auch bespieltes Material, das abzuspielen nur niemand ausprobiert hat. Bert Neumann hat das Ende seines Theaters nicht mehr erlebt. Die allabendlichen emotionalen Überforderungen, bis auch das letzte Stück abgespielt war. Das monatelang ausverkaufte Theater. Kurz vor seinem Tod hatte er angekündigt, lieber ein Tattoostudio zu eröffnen, als für den neuen Intendanten Chris Dercon zu arbeiten. Ich hätte mir von ihm ein Tattoo stechen lassen: "Die Katze Erinnerung".

Mein Leben an der Volksbühne begann 1983 mit Macbeth von Heiner Müller. Corinna Harfouch als schwangere Lady Macbeth. Mir, die ich ein Jahr in einem Provinztheater als Ankleiderin gearbeitet hatte, war plötzlich klar, was Theater sein konnte. Nie wieder habe ich einen besseren Macbeth gesehen. Nach Heiner Müller kam eine große gepflegte Langeweile an der Volksbühne, ich wechselte als Zuschauerin ins Deutsche Theater und als Kinogängerin ins Babylon. Den ersten Castorf sah ich in Frankfurt/Oder am Kleisttheater, das es schon lange nicht mehr gibt.

In der Volksbühne trafen wir uns am 3. Dezember 1989, um die Gründung eines Unabhängigen Frauenverbandes zu beschließen. Wir waren eintausend Frauen, und zum ersten Mal stand ich dort auf der Bühne und sah, wie gigantisch groß sie war. "Man muss einen Wurf zur Welt entäußern, nur dann hat man auf der Riesenbühne eine Chance", hat Frank Castorf vergangene Woche in einem Fernsehfeature gesagt.

Anfang der neunziger Jahre saß ich mit dem Schriftsteller Michael Peschke im Parteiarchiv an der Prenzlauer Allee, in dem heute der exklusive Jetsetclub Soho residiert. Endlich konnten wir alle Akten bestellen, die uns schon immer interessiert hatten. Von der Kantine im obersten Stock konnte man direkt auf die Volksbühne sehen und Micha erzählte von seinen Recherchen über den Kommunisten Otto Katz, dessen Asche nach den großen Schauprozessen in der CSSR und seiner Verurteilung zum Tode dem Straßenbelag untergemischt worden war. Die Recherchen waren kompliziert, weil Katz viele Namen und Identitäten hatte. Peschke machte das im Auftrag der Volksbühne. Das Material wurde 1993 von Frank Castorf für die berühmte Aufführung von Clockwork Orange verwurstet. Die Inszenierung war großartig, aber Katz war durch den Fleischwolf gedreht. Peschke verließ das Theater. Es gelang ihm nie, das Buch über Otto Katz fertigzustellen. Er starb ähnlich früh wie Bert Neumann.

Annett Gröschner lebt als Schriftstellerin und Publizistin in Berlin. Sie schreibt Romane, Erzählungen, Essays, Theaterstücke, Radiofeatures und Reportagen. Sie ist Mitglied der Redaktion von "10 nach 8". © privat

Es waren die Jahre der Räuber und der Weber, von Marthalers Murx den Europäer, von Kriegenburg und Schlingensief, der Praterspektakel, der Rosenkriege und Kresnik, von Anna Viebrock und Penelope Wehrli, von Hübchen, Meyerfeldt, Angerer, Rois und Schütz, der Obdachlosen und der Behinderten. Mit René Polleschs Diskurstheater trat die Souffleuse ins Rampenlicht. Es war Theater als Produktion von Wirklichkeit, wie der Chefdramaturg Carl Hegemann damals verkündete. Und immer die Möglichkeit einer anderen Republik als der realen im Kopf, in der wir gestrandet waren, einer aus dem Geiste derer, die in der Kantine und hinter der Bühne die große Demonstration am 4. November 1989 ausgekungelt und erkämpft hatten. Auch wenn das immer länger her war. Es war klug und großartig, überdreht und bösartig. Manchmal empörend. Nichts für Theaterkonsumenten. Das Haus wurde zum Magneten, auch für mich.