Ich kann mich genau an diesen einen Moment erinnern. Als ich im Sommer vor vier Jahren mit dem Fahrrad um den Grillplatz auf dem Tempelhofer Feld fuhr. Einmal, zweimal, noch ein letztes Mal. Ich tat unbeteiligt, damit niemand auf mich aufmerksam wurde, und versuchte gleichzeitig, ihre Gesichter zu erkennen. Ich hatte Angst. Ich war kurz davor, umzudrehen und nach Hause zu fahren. Aber ein Gefühl sagte mir: Spring über deinen Schatten. Und ich sprang.

Ein paar Monate zuvor war ich in meinem Job auf Teilzeit gegangen. Ich wollte andere Wege gehen, mich neu entdecken, politischer werden. Ich hatte von diesem Festival im Internet gelesen. Ein queer-feministisches Event, das kollektiv organisiert wurde und Mitveranstalterinnen suchte. Und nun sollte ich mich vorstellen.

Caroline Kraft war die vergangenen zehn Jahre in der Verlagsbranche tätig – in London, Frankfurt und Berlin, wo sie heute lebt und als PR- und Kommunikationsberaterin arbeitet. Sie ist Gastautorin von "10 nach 8". © Michaela Philipzen

Während ich von meinem Fahrrad stieg, hatte ich Herzklopfen. Nachdem ich hallo gesagt und mich hingesetzt hatte, schaute ich mich um: Ich sah Baseballcaps, rasierte Köpfe, Irokesen und Undercuts, Tattoos und Piercings. Einige hatten Skateboards unter dem Arm. Während der Vorstellungsrunde war ich beruhigt, dass sich nur wenige untereinander kannten. Die meisten waren neu, wie ich. Wir kamen schnell ins Reden. Was wir uns von einem solchen Festival erhofften, was wir wichtig fanden, warum wir hier waren. Ich wusste nicht ganz genau, warum ich hier war, aber ich wusste, dass ich mich wohl fühlte. Die Art der Kommunikation gefiel mir, man hörte einander zu und ließ den anderen aussprechen, gegenteilige Meinungen wurden gehört und diskutiert. Es ging um Machtverhältnisse und gewaltfreie Räume, um Vernetzung, Solidarität und Empowerment. Am Ende des Abends war mir klar, dass ich mitmachen wollte.

Stoppeln wurden nicht geduldet

Für mich tat sich damit eine neue, eine revolutionäre Welt auf. Eine Welt, die mehrheitlich von Frauen bevölkert war. Frauen, die mein Konzept von Weiblichkeit komplett auf den Kopf stellten. Frauen, die sich dem gängigem Schönheitsideal widersetzten, auf unterschiedlichste Weise. Frauen, die extrem androgyn aussahen. Frauen, die weich und rund waren und die ihre vermeintlich unperfekten Körper, ihre Bäuche und Oberschenkel nicht versteckten. Frauen, die Haare hatten – überall.

Am Anfang starrte ich jeden behaarten Unterschenkel ungläubig an. Ein Frauenbein in kurzen Hosen, das einem Männerbein in nichts nachstand, hatte ich vorher nie gesehen. In der Welt, in der ich aufgewachsen war, rasierten sich alle jungen Frauen Achseln und Beine. Meine Ballettlehrerin hatte uns, sobald wir ein bestimmtes Alter erreicht hatten, beigebracht, dass sie Stoppeln unter den Armen nicht akzeptierte. Tänzerinnen hatten schön zu sein, und das hieß: perfekt enthaarte Achseln. Ich weiß noch, wie ich mit Anfang zwanzig meine frisch rasierten Beine panisch nach einzelnen Haaren absuchte – und das Tag für Tag.

Die Frauen in meinem neuen Freundeskreis waren anders. Sie lösten Grenzen auf, Grenzen, an deren Klarheit ich mich schon lange gestoßen hatte. Und je mehr Zeit ich mit ihnen verbrachte, desto selbstverständlicher wurde für mich diese andere Form von Weiblichkeit. Irgendwann setzte ein Effekt ein, den ich fast nicht in Worte fassen kann: Ich verstand die Norm plötzlich nicht mehr, die mich mein ganzes Leben lang begleitet hatte. Ich verstand nicht mehr, warum ein Frauenbein nicht behaart sein durfte. Ich verstand nicht mehr, warum ein durchtrainierter Körper schöner sein sollte als ein fülliger Körper. Ich fragte mich, warum irgendein Körper schöner sein sollte als ein anderer, und wer oder was dieses "Schönersein" bestimmte. Ich sah Verschiedenartigkeit. Ich sah Frauen, die sich in ihrer Körperlichkeit genauso zeigten, wie sie waren, und fand darin eine eigene Schönheit, die mutig war und gelassen.