Nach außen hin vermitteln autistische Menschen oft den Eindruck stiller Weisheit, selbstgenügsam, abgekapselt, in ihren Handlungen wie hypnotisiert, am glücklichsten, wenn sie allein gelassen werden. Aber in ihrem Inneren tobt es. Sie können Reize aus der Umgebung nicht filtern und bekommen permanent zu viele Informationen. Von allen Seiten prasseln sie auf sie ein. Deshalb brauchen sie Routinen, feste Gewohnheiten, die ihre Tage strukturieren, Wiederholungen der immer gleichen Abläufe. Nur so können sie Ordnung in die Dinge bringen.

Lina Muzur, geboren in Sarajevo, arbeitet als Leitende Lektorin beim Aufbau Verlag in Berlin. Sie ist Mitglied von "10 nach 8".

Der Held der neuen Netflix-Serie Atypical, die jetzt mit acht Folgen à 30 Minuten anläuft, wirkt nach außen wie ein ganz normaler 18-jähriger Junge, der mit den üblichen Teenagerproblemen zu kämpfen hat: überfürsorgliche Mutter, grobschlächtiger Vater, bemutternde Schwester, nervige Mitschüler, viel zu attraktive Therapeutin. Sam leidet am Asperger-Syndrom, einer Variante des Autismus, die mit hoher Intelligenz und niedrigem Einfühlungsvermögen einhergeht. Ähnlich wie der Blinde unfähig ist, die Welt leibhaftig zu sehen, ist Sam außerstande, das Innenleben von Personen wahrzunehmen.

In der Schule, wo er meist mit großen, schalldämpfenden Kopfhörern herumläuft, um die Außenwelt von sich fernzuhalten, wird er für einen Freak gehalten, was ihm durchaus bewusst ist: "Ich bin ein Spinner – das sagen jedenfalls die anderen." Trotzdem hat Sam einen ganz normalen Wunsch: Er möchte eine Freundin finden. Und ja, er möchte auch Sex haben.

Also versucht er, die Regeln des Flirtens zu erlernen. Er will eine Formel für Liebe finden. Er entwickelt eine Checkliste, anhand der er feststellen kann, ob er verliebt ist oder nicht. Nichts davon funktioniert. Denn Liebe lässt sich nicht standardisieren und schon gar nicht rationalisieren. Und da Sam weder Gesten noch Gesichtsausdrücke deuten kann, geschweige denn Zwischentöne oder Ironie, kann er auch die nonverbalen Signale der Liebe nicht verstehen. Außerdem, wie soll er jemals ein Mädchen finden, das seine ganzen Marotten erträgt? Sein Bedürfnis nach Beständigkeit, dem immer gleichen Fertiggericht, den immer gleichen Wegen, den immer gleichen Klamotten. Seine Direktheit und seine Unfähigkeit zu körperlicher Zärtlichkeit. Seine Obsession für Pinguine, über die er fanatische Vorträge hält und die er als wichtigsten Maßstab nimmt, um die Welt zu verstehen. Zum Beispiel weiß er, dass Pinguine ihr Leben lang bei einem Partner bleiben. Also will er das auch.

All das ist erstklassiger Stoff für eine neue Serie. Sam könnte mit seiner perfekten Mischung an sowohl tragischen als auch komischen Charaktermerkmalen – Inselbegabung, Hypersensibilität, soziale Tollpatschigkeit und Unfähigkeit zum Heucheln – der neue große Netfix-Held sein. Und dennoch scheint bei Atypical etwas schiefgelaufen zu sein.

Es fängt bei der Botschaft an. Sie lautet nämlich: "Keiner ist normal" und ist leider genau das, was man eine Plattitüde nennt. Im kurzen Making-of-Trailer zur Serie betont die Drehbuchautorin Robia Rashid, die sich bereits mit How I Met Your Mother hervorgetan hat, wie wichtig es ihr gewesen sei, zu zeigen, dass Sam auch nur ein gewöhnlicher Junge ist. Und der Regisseur Seth Gordon fügt hinzu: "Es ist so schön, an einer Serie mitzuwirken, in der es zwar um eine Person mit einer bestimmten Erkrankung geht, in der es gleichwohl nicht nur um diese Erkrankung geht". Entsprechend sagt Sam in einer Szene zu seinem besten Freund: "Manchmal wünschte ich, ich wäre normal." Worauf dieser weise antwortet: "Alter, keiner ist normal."

Apropos normal. Sam wächst tatsächlich in einer sehr normalen Familie auf, die in einem sehr normalen Vorstadthäuschen lebt und mit sehr normalen Problemen zu kämpfen hat. Sams Eltern sind wie alte Bekannte, man ist ihnen schon in unzähligen Sitcoms und Highschool-Serien begegnet. Die hingebungsvolle Mutter (gespielt von Jennifer Jason Leigh), die ihre Freizeit in der Autismus-Selbsthilfegruppe verbringt, stets etwas angespannt wirkt und sich deswegen einen jungen Liebhaber zulegt. Der etwas unbeholfene, dabei durchaus liebenswürdige Vater, der nur langsam lernt, seinen Sohn so zu akzeptieren, wie er ist, und die sportlich-taffe Schwester, die jetzt auch mal im Mittelpunkt stehen will. Sie alle sind unterkomplexe Figuren, Marionetten, die ihr Theater aufführen, allerdings zu facettenarm sind, um als wirkliche Menschen durchzugehen.