Ich fühlte es sofort. Im ersten Moment, als ich nach drei missglückten Geburtseinleitungen, mehreren auffälligen CTGs und einem hastigen Kaiserschnitt meine reif geborene und doch nur 2.400 Gramm leichte Tochter im Arm hielt. Ich blickte in ihr wunderschönes, winziges Elfengesicht und nahm eine Aura wahr. Etwas Flirrendes, kaum zu Fassendes. Dass die wortkargen Kinderärzte meine Tochter gleich nach der Geburt auf Infektionen im Mutterleib testeten, verstärkte die Irritation. Doch ich verdrängte es, erschöpft von der Gewaltgeburt, und ließ mich schließlich ohne Befund nach Hause schicken: "Ihr Kind ist zart, aber gesund. Genießen Sie die Flitterwochen mit Ihrer Kleinen."

Das Wochenbett als Honeymoon zu sehen – eine klebrige Idee, so wie die rosaroten Mami-Bücher, die Schwangeren wellnessverkitschte Befindlichkeitsnormen diktieren – gelang mir nicht, so sehr ich es mir auch wünschte. Stattdessen landete ich in einem David-Lynch-artigen mindfuck movie, der mich an meiner Wahrnehmung zweifeln ließ und mich in eine unheimliche Parallelwelt sog.

Ich sah Dinge. Symmetrische Augenbewegungen, wie ferngesteuert, die mich zu Tode erschreckten, so dass ich meine Mutter, meine Schwester und meine Schwägerin mit Anrufen bombardierte: Ist das normal? (Bitte sag, dass du das auch kennst.) Ich recherchierte in Internetforen. Ich terrorisierte meinen Mann und zwang ihn, meinen pathologischen Sezierblick zu teilen. Ich zerrte Elise* von Arzt zu Arzt, bettelte um EEGs, erzwang Hirn-Ultraschalle und Augenuntersuchungen – bis ich nach der dritten Entwarnung endlich glaubte, was die Hebamme, mein Mann und alle um mich herum längst für eine Tatsache hielten: Ich litt an postnataler Depression und sah Gespenster. Spiegelbilder meiner Bindungsangst. Es war alles nur in meinem Kopf und es konnte vorbeigehen, wenn ich Hilfe suchte. 

Die Erkenntnis hatte etwas Befreiendes, und für einen Tag ergab ich mich der empirisch abgesicherten "Realität". Wir genossen einen wunderschönen Spätsommertag, mit dem Kinderwagen draußen, in diesem tiefstehenden Septembersonnenlicht, das so typisch ist für die Münchner Wiesn-Zeit. Doch dann kam der nächste Tag, den ich in all seinen Sinnesbanalitäten noch immer riechen, hören und fühlen kann: Ich weiß, welche Playlist lief, als wir die Wohnung für den Besuch am Nachmittag putzten. Ich erinnere mich an die Ankunft meiner Freundin und daran, wie sehr ich mich über ihr Geschenk freute: einen dänischen Schutztroll aus Papier, zum Aufhängen in Elises Wiege. Ich weiß, welchen Kuchen ich aß und welchen Strampelanzug meine Tochter trug, als sie beim Trinken an meiner Brust plötzlich rhythmisch zuckte und sich der Raum drehte und der Abgrund heranrauschte, mitten im Gespräch, und ich meinen Mann ansah und er mich, und alle Trennung mit einem Mal aufgehoben war.

Verena Weidenbach lebt mit ihrer Familie in München. Sie ist freiberufliche TV-Autorin und -Übersetzerin und schreibt politische Texte für den Blog "Starke Meinungen".

Wir wussten es – und drei zermürbende Krankenhauswochen später, nachdem sich die Krämpfe meiner Tochter verschlimmert hatten und eine diagnostische Odyssee zwischen Hoffen und Bangen in Gang gesetzt worden war, wussten wir es auch im medizinischen Sinne: Unsere Kleine hat eine seltene Gehirnfehlbildung, womöglich bedingt durch eine Stoffwechselkrankheit (schlimm), vielleicht aber auch genetisch (nicht ganz so schlimm). Sie würde lebenslang anfallsgefährdet sein, und es drohten massive geistige und motorische Entwicklungsverzögerungen.

Eine Phase hochfunktionierender Taubheit

Dass ich in den darauffolgenden Wochen nicht durchdrehte, lag daran, dass der existenzielle Adrenalinpunkt des Schocks in eine Phase hochfunktionierender Taubheit überging. Es lag aber auch und paradoxerweise daran, dass unsere Tochter die nächsten beiden Monate wegen sedierungsbedingten Atemproblemen auf der Intensivstation verbrachte. Dort herrschte eine ebenso strenge wie tröstende Routine des Kommens und Gehens, dort waren wir permanent von einem liebevollen Kokon aus Ärzten und Krankenschwestern umgeben, und dort war Elise das fitteste Kind, das auf der Station zum ersten Mal lächelte und zu lautieren begann.

Der Horror begann erst, als sie mit unklarer Prognose heimkam und sich das Leben endlos und unerbittlich vor uns ausbreitete. Als ich morgens nicht mehr aufstehen wollte aus Angst vor dem Alleinsein mit meiner geliebten, gefürchteten Tochter und meiner Wahrnehmung, der ich nicht mehr traute, und allem, was ich an Elise sehen mochte, im Laufe des Tages, und der Wohnung und dem Stadtviertel, das mir unheimlich war, wie eine Attrappe voller Falltüren, und den Flashbacks, sobald die Kleine eine ruckartige Bewegung machte.

Irgendwann stand ich, erschöpft vom Dauerterror des Adrenalins, weinend in der Wochenendambulanz der Nervenklinik, wo mir elektrikblaue Minipillen in die Hand gedrückt wurden: mother's little helpers, die mich wunderbar einwatteten. Doch weil mein Nervensystem schon bald nach mehr schrie, zog ich frühzeitig die Reißleine.