Zwei Dinge sind geschehen. Und weil sich im Internet immer alles so wahnsinnig schnell dreht – zum Beispiel die Spirale des Hasses –, hier noch einmal die Zusammenfassung: 

Der Autor Shahak Shapira hat rassistische Hassbotschaften, die Twitter trotz Beanstandung nicht gelöscht hat, vor der Deutschlandzentrale des Unternehmens auf die Straße gesprüht. Das Aufsehen war groß, sogar der Justizminister Heiko Maas schloss sich unter Shapiras Hashtag #HeyTwitter der Lösch-Aufforderung an. Und Dunja Hayali, Moderatorin beim ZDF, hat einem Facebook-User mit Namen Emre in exakt jenem Ton geantwortet, in dem Emre zuvor Hayali als "Nutte" mit einem "hass auf türken" beschimpft hatte. Weil sie nicht den Facebook-Gemeinschaftsstandards entsprach, löschte Facebook Hayalis Replik, in der sie Emre als "endgeilen Ficker" titulierte, der offenbar einen "hass auf deutsche" pflege.

Von rechts Trumps Troll-Brigaden, deutsche Flüchtlingshasser, von links der vermeintliche Meinungsterror der Political Correctness – noch nie hat es so wenig an Anlässen gemangelt, über die großen Fragen der Netzöffentlichkeit zu streiten: Was deckt die Meinungsfreiheit? Was darf man sagen und was nicht? Und wer soll kontrollieren, was gesagt werden darf? Ist es allein Aufgabe des Staates, die Volksverhetzer strafrechtlich verfolgen? In welchem Maß stehen die Social-Media-Plattformen Facebook und Twitter in der Pflicht, die Flut der Hasspostings durch konsequentes Löschen dieser Beiträge einzudämmen?    

Der Müll vor der Haustür

All diese Fragen sind nicht neu. Vielleicht hat man deshalb bei der Aufregung um Hayali und Shapira das Gefühl, man sei mal wieder knapp 3.000 Jahre in die Vergangenheit versetzt – zurück in die Welt der homerischen Dichtung. Weil jede Debatte im Internet so unerbittlich geführt wird wie der Trojanische Krieg? Vielleicht auch deshalb. Vor allem aber fühlt man sich an die griechische Vorzeit erinnert, weil eine Öffentlichkeit, in der von Achill über Agamemnon bis zu Apoll jeder jeden kannte, durch ein einziges regulatives Prinzip bestimmt war: das der Scham. Wer sich fragte, welche Meinung statthaft war und wo die berühmten Grenzen des Sagbaren lagen, der konnte sich auf sein Schamgefühl verlassen.

Ob hingegen das Konzept des Fremdschämens unter den alten Griechen schon verbreitet war, scheint fraglich. Hasstweets über Juden und Schwarze im Straßenbild – Shahak Shapiras Sprayaktion vor dem Twitter-Büro war jedenfalls wenig subtil. Darin glich sie Shapiras Schockprojekt Yolocaust, das die fröhlichen Instagrammer vom Berliner Holocaust-Mahnmal bloßstellen sollte, indem Shapira ihre Selfies und Yoga-Fotos vor die historischen Bilder der Judenvernichtung montierte.

Unabhängig davon, was man von den Mitteln seines Aktivismus halten mag, eines muss man Shapira zugutehalten: Der Hass ist im Internet ja auch deshalb so viel enthemmter als im echten Leben, weil zwischen Urheber und Adressat einer Beleidigung die lange Leitung des Internets verläuft. Die Kampagnen des studierten Werbers Shapira durchbrechen diese Distanz und damit die vermeintliche Anonymität des Netzes. Ohne dass sich die Beteiligten tatsächlich von Angesicht zu Angesicht gegenüberstehen, schafft Shapira es, so etwas wie Anwesenheitskommunikation herzustellen. Und damit kehrt auch die Scham zurück.