Den Tiefpunkt erreichte ich an einem Tag im Winter. Es war ein sonniger Morgen, minus sieben Grad Außentemperatur. Ich stand im Park, hatte eine fette Bronchitis, Fieber und schaute meinem Dreijährigen dabei zu, wie er mit einem Stock Löcher in die Eisschicht einer Pfütze bohrte. Seine Schwester schlief friedlich an meiner Brust, dick eingepackt im Wickeltuch. Wie sehr ich sie beneidete. Ich gehörte ins Bett, aber es gab niemanden, der mit meinen Kindern hätte hinausgehen können. An die frische Luft. Die tut Kindern doch so gut.

Wir wohnten damals in Berlin-Prenzlauer Berg, der Papa kam erst spät abends nach Hause, und mein Sohn besuchte mit drei Jahren noch keinen Kindergarten, weil es das Beste für ihn war, zu Hause bei mir zu sein. Meine Tochter stillte ich mit einem Jahr noch voll – sie war völlig auf mich fixiert. Wer, außer mir, hätte sich also tagsüber um die beiden kümmern können? In diesem Moment begriff ich zum ersten Mal: Ich war isoliert und selbst schuld daran.

Selbst schuld, dass meine Tage aus dem Waschen von Stoffwindeln, gemeinsamem Mittagsschlaf im großen Bett, Einkäufen im Biosupermarkt und dem Starren auf Klettergerüste bestanden. Selbst schuld, dass ich schon seit Monaten nicht mehr ausgegangen war – es hätte ja ein Kind aufwachen und nach mir schreien können. Und selbst schuld, dass ich um jeden Preis nur das Beste für meine Kinder wollte. Der Beruf, für den ich sieben Jahre studiert und unzählige Praktika absolviert hatte, war in meiner damaligen Welt nicht mehr als eine vage Erinnerung. Dass ich zu Hause blieb, konnte jeder in meinem Umfeld verstehen: Zwei Kinder in drei Jahren. Ja, wie kann man da noch nebenbei arbeiten, ohne seine Kinder zu vernachlässigen. Also war ich im Grunde Hausfrau. Und nahm als Journalistin immer seltener Schreibaufträge an, bis sie fast ausblieben. 

Das Ticket in die Hölle der Selbstoptimierung

Die Welt, in der ich lebte, das war, wie es das Klischee so will, die der Mütter von Prenzlauer Berg. Das sogenannte attachment parenting, die bedürfnisorientierte Erziehung, wurde damals und ist bis heute dort das große Ding. Und nicht nur dort. Attachment parenting ist ein weltweiter Trend unter Eltern. Das Großziehen von Babys und Kindern, so die Idee, soll aus pädagogischer Sicht dann besonders erfolgreich sein, wenn die Eltern eine starke Bindung zu ihren Kindern aufbauen, indem sie sich nach deren Bedürfnissen richten. Der Begründer dieser Methode war der amerikanische Kinderarzt und achtfache Vater William Sears.

Caroline Rosales, geboren 1982 in Bonn, arbeitet als Redakteurin der Funke Mediengruppe. Zudem ist sie Autorin von zwei Sachbüchern. Im Jahr 2012 gründete sie den Blog "Stadtlandmama.de", der bis heute zu den größten Elternblogs in Deutschland zählt. Sie lebt mit ihren zwei Kindern in Berlin und ist Gastautorin von "10 nach 8". © Malakoff Kowalski

Auf gut Deutsch heißt das: Lass dein Kind auf keinen Fall schreien – es sei denn, du steckst in einer Felsspalte fest. Benutze den Kinderwagen zum Nachhausebringen der Einkäufe und trage dein Baby in einem Wickeltuch – am besten direkt an der Haut. Teile das Familienbett mit den Kindern, auch wenn das bedeutet, dass der Partner auf die Couch umziehen muss. Stille dein Baby so lange und so oft es will, auch wenn das bedeutet, dass du nachts zwanzig Mal wach wirst.

Attachment parenting war für die Mütter in meiner Umgebung nur die Einstiegsdroge, das Ticket in die Hölle der Selbstoptimierung. Es beginnt mit Stillen und Tragen. Und es endet mit Bernsteinkettchen, ätherischen Ölen, Chiropraktikern, einer Trageberatung, Babymassage-Kursen – und jeden Tag auch mit dem dumpfen Gefühl, dass es doch nicht genug war. Dass man alles richtig machen will, es die Anderen aber irgendwie besser können.

Verstärkt wird dieses Gefühl durch die Begegnung mit anderen Attachment-parenting-Eltern. Ich erinnere mich an unzählige toxische Zusammenkünfte, bei denen es zu folgenden Aussagen kam:
"Was, du hast einen Babysitter? Also wir lassen uns damit ja noch Zeit und wollen erst einmal als Familie ankommen."

"Was, du hast dein Baby schon geimpft? Dann stillst du wohl nicht voll, sonst würde es ja von deinem Nestschutz profitieren."

"Was, du willst schon wieder arbeiten gehen? Also, für uns kommt das erst infrage, wenn Lena mir ihre Gefühle mitteilen kann."

Attachment parenting, das begriff ich leider erst nach Jahren, sorgt nicht immer  für glücklichere Babys, aber fast immer für den maximalen Frust durch den ständigen Vergleich mit anderen Eltern. Schläft dein Baby nicht durch, hast du wohl nicht oft genug dein Bett geteilt. Schlägt dein Kleinkind andere auf dem Spielplatz, solltest du mal über dein eigenes womöglich aggressives Verhalten nachdenken. Attachment parenting ist gut gemeint. Sich nach den Bedürfnissen des eigenen Babys zu richten, ist sicherlich sinnvoll. Eine komplette Symbiose mit seinem Kind einzugehen ist jedoch nicht nur unnötig anstrengend für die Eltern, sondern in den Augen von Kinderpsychologen schlicht pathologisch.

Eltern, die sich nicht von ihren Kindern abkoppeln können

Erwachsene, die ständig um ihren Nachwuchs kreisen, reagieren laut dem Arzt und Bestseller-Autor Michael Winterhoff (Die Wiederentdeckung der Kindheit) im Grunde nur noch auf ihr Kind. "Sie befinden sich in einem permanenten Katastrophenmodus und haben den Anschluss zu sich selbst verloren", erklärt er.  Die Gefahr, sich  im Laufe des Großwerdens der Kleinen nicht richtig abkoppeln zu können und sich und dem Kind am Ende mehr zu schaden, als Gutes zu tun, wird in meinen Augen durch jede Erziehungsphilosophie verstärkt. Weil jede dieser Theorien eine dogmatische Auslegung verlangt. Im Fall von attachment parenting, so mittlerweile meine Überzeugung, werden unselbstständige Kinder herangezogen. Sicher sollte man Babys verwöhnen. Jedoch mündet dieses Verwöhnen oft darin, dass Eltern ihre Kleinkinder und Kinder von jedem Frust, den das Leben bereithält, fernhalten wollen und deshalb wie Helikopter um sie kreisen. Dabei ist Frust laut Experten wie Michael Winterhoff der Schüssel zu jedem Entwicklungsschritt.

Heute, zwei Jahre nach meinem Tiefpunkt im Schnee, achte ich mehr auf mich selbst. Treffe Entscheidungen, auf die meine Kinder manchmal mit Frust reagieren und schicke sie nachts auch schon mal in ihr eigenes Bett zurück, wenn ich allein schlafen will und muss. Ich gehe dank Fremdbetreuung wieder in einem Büro arbeiten. Meine Kinder haben eine Oma und eine Babysitterin, die mehrmals die Woche auf sie aufpassen, eine Mutter, die mindestens die Hälfte der Woche wieder Texte und Bücher schreibt und jede Sekunde davon genießt. Ich gehöre ganz mir selbst – und habe deshalb kein schlechtes Gewissen.

Und schlimmer noch: Ich stecke andere an. Neulich saß ich vor meinem Haus und rauchte eine Zigarette, während ich auf das bestellte Taxi wartete. Meine Nachbarin kam mir mit ihrem Hund entgegen. Ihr einjähriges Kind schlief in der Brusttrage.

"Ich würde so gerne tun, was du da tust", sagte sie müde. Ich zündete eine zweite Zigarette an, ging auf sie zu und steckte sie ihr direkt in den Mund. Sie zögerte keine Sekunde und nahm einen kräftigen ersten Zug.