Das kurdische Kino dreht sich seit jeher um die Dialektik einer existenziellen Bedrohung und der hieraus resultierenden Migrationsgeschichte. Auch Soleen Yusefs Regiedebüt Haus ohne Dach, das 2016 mit dem First Steps Award für den besten Abschlussfilm an einer deutschen Filmhochschule ausgezeichnet wurde, reiht sich in diese Tradition ein, erzählt neben den Erfahrungen des Krieges und dem Gefühl der Heimatlosigkeit von den Herausforderungen des Lebens junger Menschen in der Diaspora.

Karge Berglandschaften, vereinzelte Checkpoints, die Wege markieren, Hirten, die ihre Schafe durch die weite Steppe treiben: Die Landschaft Kurdistans ist die ideale Kulisse für ein Roadmovie. Die in Deutschland aufgewachsenen Geschwister Jan, Alan und Liya reisen nach Kurdistan, um ihrer verstorbenen Mutter den letzten Wunsch zu erfüllen. Sie wollte in ihrem Heimatdorf begraben werden. Doch die Geschwister haben sich voneinander entfernt, und nun sind sie gezwungen, sich zusammenzuraufen, denn der Transport der verstorbenen Mutter ist mit vielen Hindernissen verbunden.

Zwischen Assimilation und Traditionsverbundenheit

Die im kurdischen Teil des Iraks geborene Regisseurin erzählt in Haus ohne Dach die komplexe Situation von Kurdinnen und Kurden in der Diaspora nicht – wie so oft – entlang eines Konflikts zwischen zwei Generationen, sondern zwischen drei Geschwistern, deren gegensätzliche Charaktere für die unterschiedlichen Positionen im Prozess zwischen Assimilation und Traditionsverbundenheit stehen. Der rebellische Alan (Murat Seven) gerät dabei in Konflikt mit dem konservativen Bruder Jan (Sasun Sayan), während ihre Schwester Liya (Mina Sadic) als Mittlerin zwischen den Brüdern steht. Sie alle übertreten konventionelle Rollenmuster. Die eigenwillige Liya etwa verdient ihren Lebensunterhalt (mehr schlecht als recht) als Musikerin, während Jan zum Unwillen der Großfamilie zu seinen Geschwistern hält. Alan wiederum lernt auf der Reise, Verantwortung zu übernehmen.

Die Verbindung aus epischen Landschaftsaufnahmen und emotionaler Musik wirkt an manchen Stellen zwar überladen, gibt aber Aufschluss über die Gefühle, die den Blick der ebenfalls in Deutschland aufgewachsenen Regisseurin prägen. In ihrem Geburtsort herrscht während der Dreharbeiten 2014 wieder Krieg, der IS war gerade in Mossul eingedrungen und der in Sindschar lebenden religiösen Minderheit der Jesiden drohte die Auslöschung.

Kino - »Haus ohne Dach« (Trailer) © Foto: missingfilms

Das Leben, das die Geschwister in Deutschland führten, verblasst im Laufe der Geschichte. In Erinnerung bleiben Bilder von Checkpoints. Der Verlauf der Familiengeschichte kommt der Realität gefährlich nahe, sie zeigt Widersprüche auf, denen sich die Geschwister in Haus ohne Dach stellen müssen – etwa wenn sie zu Beginn des Filmes noch auf Partys gehen und am Ende mit den tragischen Geschichten aus dem Irak-Krieg konfrontiert werden.

Trotz des schwierigen politischen Hintergrunds trifft Yusef nicht nur einen ernsten, sondern auch humorvollen Ton und zeigt so ganz nebenbei, dass ein Film über die Geschichte Kurdistans nicht ausschließlich melancholisch und leidvoll erzählt sein muss. Sie schafft damit einen wichtigen Beitrag für das kurdische Kino, aber auch neue Perspektiven im deutschen Kino.