Vier Wochen vor der Bundestagswahl verbietet der Innenminister eine linksradikale Website. Es ist klar, dass das sofort die Opposition alarmiert: Der Bundestagsabgeordnete der Linken, Andrej Hunko, bezeichnet die "versuchte Abschaltung" von linksunten.indymedia als "Rechtsbruch".

Der sächsische Grünen-Politiker und Rechtsanwalt Jürgen Kasek wirft dem Ministerium vor, eine Haftung "konstruiert" zu haben. Und Patrick Schiffer, Vorsitzender der Piratenpartei Deutschland, erklärt, die Aufgabe de Maizières dürfe nicht sein, "die freie Presse in ihre Schranken zu weisen und das hohe Gut der Meinungsfreiheit im Keim zu ersticken".

Doch kann eine Plattform, auf der Bekennerschreiben und Gewaltaufrufe landen, noch als Medium gelten? Als Unterform des Journalismus gar?

"Don't hate the media, become the media"

Dazu muss man sich zunächst die Geschichte der Website ansehen: linksunten.indymedia ist nur die Splittergruppe eines viel größeren, weltweiten Netzwerkes, das immer noch online sein darf: de.indymedia.org. Das Indymedia-Projekt entstand 1999 als Reaktion auf einen Gipfel der Welthandelsorganisation WTO in Seattle im US-Bundesstaat Washington. Dort hatten Aktivisten 30.000 US-Dollar gesammelt und das erste Independent Media Center(IMC) eröffnet. Es wurde zum Drehkreuz der alternativen Medien, eine Stimme der Antiglobalisierungsbewegung. Ihr Motto: "Don't hate the media, become the media".

International bekannt wurde das Portal 2001, beim G8-Gipfel in Genua. Während der Proteste erschoss ein Polizist den Studenten Carlo Giuliani, der zuvor mit einem Feuerlöscher auf das Fahrzeug zugestürmt sein soll. Auf Indymedia sammelten Tausende Aktivisten Augenzeugenberichte, luden Fotos und Videos hoch. Sie zeigten, dass sich die Geschehnisse anders darstellten als von italienischen Behörden kommuniziert.

Das linksalternative Projekt dehnte sich auf über 60 Länder aus. Auch in Deutschland entwickelte es sich zu einer wichtigen Denk- und Diskussionsplattform für Grüne, Kommunisten und Globalisierungskritiker. 2005 gratulierte das Netzwerk Attac Indymedia zum fünften Geburtstag und lobte dessen partizipativen Ansatz als "wichtig sowohl für die globale Bewegung als auch für eine plurale Gesellschaft".

Sprachrohr des linken Untergrunds

Auch das Interesse der Wissenschaft war geweckt. Anlässlich des G8-Gipfels von Heiligendamm schrieb Christian Nuernbergck, heute Vertretungsprofessor für Online- und Printjournalismus am Institut für Journalistik, an der Uni Münster seine Promotion über unter anderem Indymedia, "das partizipativ-alternative Internetangebot". Den Indymedia-Aktivisten ging es Nuernbergck zufolge bei G8 um soziale Gerechtigkeit und das Thema demokratischer Gemeinsinn. Neoliberalismus und Kapitalismus wurden demnach als "Verblendungs- und Zerstörungsmaschine" begriffen.

Im gleichen Jahr, 2008, kam es zum Streit unter den Aktivisten. Im süddeutschen Raum entstand eine neue Webseite, sie war lauter, radikaler, kompromissloser: linksunten.indymedia.org. Der Namenszusatz diente nicht nur der geografischen Verortung, sondern war auch eine Anspielung auf den linken Untergrund, aus dem heraus immer mehr Aktivisten agierten.

Streit und Probleme gab es auch in anderen Ländern. In Italien beobachtete die Zeitung Jungle World einen "Verfall des Niveaus". Es würden "durchaus fragwürdige politische Inhalte" veröffentlicht. Darunter: antiisraelische Hetze, pornografische und beleidigende Inhalte. 2007 schloss Indymedia Italia.

Die Kommunikationswissenschaftlerin Natascha Buhl, die an der Universität Hamburg über alternative Medien forscht, sagte, Indymedia spielte für ihr Forschungsprojekt keine Rolle mehr, da es kaum noch Berichte und Kommentare gebe, stattdessen eine "sehr offene aktivistische Kommunikation".