Für ihre letzte Reise hatte die Pflegerin für meine Großmutter ein Lied von Hildegard Knef ausgesucht: Ich brauch Tapetenwechsel... Irgendwie tröstet mich der Gedanke, dass Wally, 92-jährig und damit genau doppelt so alt wie ich, bei dieser Musik eingeschlafen ist.

Auch ich hatte mich singend von ihr verabschiedet, einen knappen Monat zuvor. Ich stand am Fußende ihres Bettes in Halle an der Saale, im Pflegeheim Marthahaus, Station Sonnenallee. Auf ihrem Nachttisch sah ich etwas Fremdes: ein Sauggerät. Es wurde benötigt, damit sie nicht am Schleim in der Lunge erstickte. Eine quälende Prozedur.

Ich fühlte mich trotzdem stark an dem Tag und seltsam euphorisiert. Meine beste Freundin Dörte war mitgekommen und wir sangen Komm, lieber Mai, und mache und Hoch auf dem gelben Wagen. An Hildegard-Knef-Liedern scheiterten wir.

Meine Oma öffnete ab und an die Augen, sie schien verwundert zu sein.

In den letzten Wochen war sie kaum noch ansprechbar gewesen; der Arzt hatte schon vor einigen Monaten signalisiert, dass es zu Ende ginge. Sie wollte und konnte nichts mehr trinken, bekam Morphium. Winzig sah sie aus, lag nur noch da, flach atmend. Ich saß am Bett und weinte, weil von der früher so autonomen Frau ein hilf- und zahnloser, ausgetrockneter, klapperdürrer Mensch übrig geblieben war. Sie seufzte: "Ich muss austreten", war aber schon viel zu schwach für einen Toilettengang. Der Anblick war so traurig, dass meine Schwester sich dem nicht aussetzen konnte. In einer Nacht träumte ich, ich hielte meine Großmutter auf dem Schoß.

Elke Bredereck, geboren 1971 in Halle an der Saale, hat in Berlin und Moskau studiert. Sie war DAAD-Lektorin in Odessa, unterrichtet Deutsch in Berlin und ist als Reiseleiterin im Kaukasus, in der Ukraine, Litauen und St. Petersburg unterwegs. Sie hat Features für den Deutschlandfunk geschrieben und ist Gastautorin von "10 nach 8“. © Privat

Meine Großmutter Wally wurde etwas früher als Hildegard Knef und Ingeborg Bachmann geboren, im September 1924. Als sie starb, war ich mit einer Reisegruppe in Kaliningrad unterwegs, dem einstigen Königsberg, dessen Innenstadt durch Bombenangriffe 1944 nahezu ausradiert worden war.

Als Dessau am 28. Mai 1944 von der britischen Luftwaffe bombardiert wurde und um 14.17 Uhr alle öffentlichen Uhren stehen blieben, hatte meine Oma frei. Normalerweise fuhr sie mit dem Fahrrad über die Elbe von Roßlau nach Dessau, denn sie arbeitete dort im Rathaus. Sie war 20 Jahre alt.

Aufgewachsen als Eisenbahnertochter in Roßlau an der Elbe, musste sie nach der 8. Klasse bei einem SS-Offizier als Haushaltshilfe arbeiten. In ihrem Nachlass finden sich in Steno vollgeschriebene Kalender, ausgeschnittene Nachrufe auf ihre gefallenen Schulkameraden, Hühnergötter und akkurat geführte Adressbücher (die inzwischen Verstorbenen waren durchgestrichen). 

In ihrem Elternhaus wurde nach dem Krieg eine russische Offiziersfamilie einquartiert, später kamen die Jaschkes, Vertriebene aus Schlesien, unter, mit denen sie ihr Leben lang befreundet blieb.

Die Ehe mit Kurt, der ihr Porträt beim örtlichen Fotografen im Schaufenster entdeckt hatte, brachte sie aus der Provinzstadt ins Nachkriegsberlin, in einen zwielichtigen Reichtum. Mein Großvater, den ich nicht kannte, weil sie über ihn nie sprach, verschob Waren für den Schwarzmarkt. Sie wohnten in Berlin-Kladow, wo auch die Knef verkehrte, und konnten sich ein Automobil und Zigaretten leisten. 1947 wurde meine Mutter im Westend-Krankenhaus geboren. Anfang der fünfziger Jahre nahm meine Großmutter Kind und Koffer, verließ ihren Mann und den Wohlstand und kehrte ins Roßlauer Elternhaus zurück. Sie hatte sich mit Syphilis angesteckt, verlor ihre Haare und konnte in der ersten Zeit kaum vor die Tür gehen.

Ihr Mann landete im Knast, seine Spur verlor sich, meine Großmutter verschloss dieses Kapitel tief in sich, trug seitdem eine große Bitterkeit, wohl auch einen Männerhass in sich und blieb allein.

Die Roßlauer Jahre waren wenig spektakulär: Im Hydrierwerk Rodleben arbeitete meine Großmutter 30 Jahre lang als Sachbearbeiterin und ernährte von ihrem kleinen Gehalt neben der Tochter auch noch die Mutter. Täglich gab sie ihrer Mutter eine Mark als Zuschuss zum Essen. Jeden Sommer verbrachte sie an der Ostsee, in einem Quartier der Gewerkschaft. Sie radelte durch den Darßer Forst zu ihrem geliebten Weststrand mit den Windflüchtern und sammelte Hühnergötter, Bernstein.