Die Kritiken waren fast alle vernichtend, doch das größtenteils ergraute Publikum, das sich ein paar Tage nach der Premiere von Michael Moores Performance The Terms of My Surrender im Belasco am Broadway versammelt, ist aufgeregt und schwatzhaft wie Kinder im Zirkus. Das Bühnenbild einer gigantischen US-Flagge kontrastiert mit seinem plakativen Blau, Weiß und Rot nahezu feindselig mit dem eleganten Plüsch und Gold des hundert Jahre alten Broadway Theaters. Der Saal knistert vor lauter Vorfreude auf weitere Verstöße gegen den guten Ton. 

Es wird dunkel, aber nicht still, und Moore platzt mit den Worten "How the fuck did this happen?" triumphal auf die Bühne. "Die Frage, die ihr euch jeden Morgen stellt", donnert der Mann in lockerem Hemd, Turnschuhen und natürlich mit Baseballkappe, eine so vertraute Figur, von der man sich einiges sagen lässt. Aber als er von den Zuschauen verlangt, ihm den Satz "Trump hat uns alle überlistet" nachzusprechen, geht ein Stöhnen durch die Reihen. "Das kann ich nicht sagen", murmelt der Herr im Nebensitz mit gesenktem Kopf. Wenn Moore kurz darauf von den 90 Millionen Amerikanern spricht, die im November nicht gewählt haben, protestiert der Nachbar leise: "Ich schon!" Man fühlt sich angesprochen, und das Licht im Zuschauerraum bleibt an, wie bei einer politischen Versammlung.

Oder wie bei einem Treffen der Anonymen Alkoholiker: Ein Zwölf-Schritte-Programm verspricht Moore den Trumpgegnern, die bis zu 500 Dollar für ihre Karte bezahlt haben. Eben jene Summe, die, so schallt es von der Rampe, 60 Prozent ihrer Mitbürger auch in einem akuten Notfall wie der Beerdigung eines Familienmitglieds nicht aufbringen können. Und so zahlt die reumütige Elite zumindest mit ihrem teuren Theaterticket gern für ihr folgenschweres Desinteresse am "Flyover country", jener terra incognita zwischen der Upper East Side und Beverly Hills, deren vernachlässigte Bewohner Trump an die Macht brachten.

Erwischt!

An dieser fragwürdigen Geschichtsschreibung, die den reichen und gebildeten Trumpwählern den Passierschein aushändigt, rüttelt auch Moore kaum, dafür aber an anderen Illusionen: Zu seinem Ernüchterungsprogramm gehört die schmerzliche Einsicht, dass es zu keiner Amtsenthebung kommen wird. Vor drei Monaten haben wir uns an der Hoffnung auf Comeys Nachforschungen besoffen, dann haben wir uns an den Russen betrunken, danach an Charlottesville, sagt er.

Jetzt, da Moores Publikum am Boden liegt, stellt er seine Ansprüche: die Abgeordneten anrufen – und zwar jeden Tag. Sich in Ämter wählen lassen – der Gang durch die Institutionen. Eine Frau im Publikum ruft ihm zu, sie kandidiere für den Stadtmagistrat, Moore nickt Zuspruch. Eine andere Zuschauerin schreit "Power to the People!" Moore zuckt skeptisch die Schultern. "Wir sind jetzt die französische Résistance, und als in Paris die Panzer einrollten, hat auch niemand gesagt, heute Nachmittag habe ich Partnertherapie." Das Publikum zieht kollektiv den Kopf ein und lächelt schuldbewusst – erwischt!

Tatsächlich hat Michael Moore meistens Recht. Trumps Sieg hat er vorausgesagt und noch in letzter Minute mit seinem Film Trumpland, seinem Plädoyer für die Kompromisskandidatin – er wollte Bernie Sanders –, zu verhindern versucht. Seine vehemente Ablehnung des Irak-Krieges brachte ihm damals Tausende von Todesdrohungen ein, und vielleicht auch heute noch den Zorn der New York Times: über deren kriegstreiberische Berichterstattung, basierend auf fadenscheinigen Indizien für Saddam Husseins Massenvernichtungswaffen, wettert Moore auch diesmal von der Bühne des Belasco. Das amerikanische Leitmedium konterte mit drei Verrissen, die Moores Anekdoten über seine Erfolge als zäher Einzelkämpfer als narzisstische Angeberei abtun, die zu allem Überfluss auch noch ungeschickt vorgetragen wurde. 

Sicherlich ist Moore zu Recht stolz darauf, mit 17 einen Aufsatz gegen den ehrwürdigen Elk Club verfasst zu haben, der den Verein schließlich zur Aufnahme von Afroamerikanern zwang. Oder darauf, bei Reagans Besuch des Bitburger Soldatenfriedhofs mit seinen SS-Gräbern vor den Kameras der ganzen Welt mit einem Banner an den Judenmord erinnert zu haben. Doch auch der Village Voice stießen die "greatest hits" vom "alten Kumpel Mike" nun als Selbstberäucherung auf, und seine Angriffe auf die aktuelle Politik besitzen in den Augen der Kritikerin Joan Marcus "den Elan eines alten Hundes beim Zerbeißen eines Kauspielzeugs."

"Wir leben jetzt alle in Flint"

Nun gut: Die Nummern über Kabel und ihren immer anderen Steckern und der Sketch über die absurde Liste verbotener Objekte für das Handgepäck im Flugeug grenzen an gutmütigen Altherrenhumor. Die Quizshow mit zwei freiwilligen Teilnehmerinnen aus dem Publikum wäre eine einzige Peinlichkeit, wenn die beiden Damen nicht so großartige Bühnenpräsenz besäßen. Ist das Singen der kanadischen Nationalhymne, zu der Moore die willigen Zuschauer anstiftet, wirklich subversiv? Das Setdesign von David Rockwell ist allzu gemütlich, und aus der eigenen Tollpatschigkeit lässt sich nur begrenzt Kapital schlagen, zumindest nicht als Antidot zur Prahlerei.  

In diese Kategorie gehört wohl streng genommen auch Moores Erzählung über den Versuch seines Verlages, seinem Buch Stupid White Men nach dem 11. September den kritischen Stachel gegen George W. Bush zu entreißen. Glücklicherweise wuchs die Protestmail einer progressiven Bibliothekarin zu einer mächtigen Antizensurkampagne, die den Verleger umstimmte. Als Moore die charismatische Frau auf die Bühne zitiert, hat sie so viel über die soziale Rolle der Bibliotheken, deren Etat Trump auf Null zusammengestrichen hat, zu erzählen, dass eine wohl 80-jährige Dame in der ersten Reihe einen Stehapplaus initiieren möchte.  

Am Ende kommt die Melancholie

Der Auftritt der Bibliothekarin ist ebenso ermutigend wie Moores autobiografische Lektionen, mit denen er sein Publikum zur Aktion bewegen will. Und manchmal tatsächlich bewegt: Am Abend nach Trumps skandalöser Pressekonferenz zu den mörderischen Ausschreitungen in Charlottesville transportierte der Oscarpreisträger eine Ladung seiner Zuschauer nach der Vorstellung in einem Doppeldeckerbus zur Demonstration vor dem Trump Tower.

Doch vor den Aktionen im Anschluss an seine One-Man-Show muss er zurück in seinen Heimatort Flint, wo er als eines General-Motors-Fließbandarbeiters 1989 seinen Debütfilm Roger & Me über den Niedergang der US-Automobilindustrie gedreht hatte. 

Im vorletzten Akt seiner Performance schildert der 63-jährige Moore melancholisch, wie Rick Snyder, der Gouverneur von Michigan, den reichsten Bürgern seines Staates ein Steuergeschenk von einer Milliarde machte: auf Kosten von vier Städten mit überwiegend schwarzer Bevölkerung, darunter Detroit und vor allem Flint, wo aus Kostengründen das Trinkwasser dann nicht mehr aus dem kristallklaren Lake Huron, sondern aus einem vergifteten Fluss bezogen wurde. Die Maßnahme des "CEO-Gouverneurs", sagt Moore, war nur die Ouvertüre zum "CEO-Präsidenten": "Wir leben jetzt alle in Flint." Was bleibt einem übrig? Das Ernüchterungsprogramm mit den tausend Schritten.