Gehört die Interpunktion mit ihren Satz- und Zusatzzeichen – Punkte, Kommata, Gedankenstriche, Klammern (runde, eckige, geschweifte) usw. – eigentlich zur Schrift? Schreiben kann man ganz gut auch ohne aber lesen geht mit Satzzeichen doch wesentlich besser sie sorgen für Lesbarkeit sind also eigentlich Lesezeichen und deren wichtigstes ist das Leerzeichen das spatium nicht umsonst hat es die größte Taste auf allen Tastaturen (damit man sie mit den Daumen anschlagen kann): Jaschonderwortzwischenraumisteinsolcheslesezeichen – spatium ( ) und paragraphos (–) haben die scriptio continua, die das erste Jahrtausend des Alphabetgebrauchs geprägt hat, aufgesprengt und Abstände zwischen die Wörter und Sätze gebracht. Zur augenfälligen Gliederung und besseren Lesbarkeit der alphabetischen Schrift werden nichtalphabetische Zeichen gebraucht.

Die "Schriftscheidung" (wie der barocke Grammatiker Schottel sagt), Gliederungs- und "Unterscheidungszeichen" (Adelung), Grenzsignale und Syngrapheme (wie die Linguistik sagt)gehören zur Schrift, zumindest zur Alphabetschrift (die gemeinhin als das effizienteste Schriftsystem gilt), offensichtlich, aber nicht unübersehbar: Meist fällt das, erst auf wenn, sie fehlen oder an der falschen, Stelle stehen. 

In der großen Universalgeschichte der Schrift kommen Interpunktionszeichen nicht vor, und das, obwohl auch dort in jedem Satz welche verwendet werden: Das Buch ist ordentlich interpunktiert (mit Punkten, Doppelpunkten, Kommata usw.), aber es enthält kein Kapitel zur Geschichte des Spatiums und der anderen Markierungen, durch welche zumindest die Alphabetschrift recht eigentlich erst zur Schrift wird: lesbar nämlich. (Ist nicht alles Gekritzel und Gekrakel, auch das getippte und gedruckte, überhaupt erst Schrift, wenn auch die Lesbarkeit einigermaßen gewährleistet ist?) Fragezeichen – Fußnote – Klammer zu (sic!), so etwas kann man nur schreiben und lesen, nicht sprechen und hören. Mit den Interpunktionszeichen nabelt sich die Schrift ab von der gesprochenen Sprache und verlässt die Hörraumzeit.

Symptomatisch ist die genannte Universalgeschichte der Schrift, weil die Interpunktion generell als sekundär, supplementär, "unbeträchtlich" betrachtet oder gar nicht erst in Betracht gezogen wird; den lästigen und fehlerträchtigen Zusatzzeichen wird im allgemeinen geringe Aufmerksamkeit gewidmet. Ein unlängst erschienener Band zur Poesie der Zeichensetzung und zur Stilistik der Interpunktion spricht geradezu heideggerisch von "Satzzeichenvergessenheit". Allerdings wird mit der Fokussierung auf "Poesie" und "Stilistik" die Bedeutung der Interpunktion allzu sehr eingeschränkt.

Die Sprache selbst, was wir darunter verstehen, wie wir sie denken, erleben und "gebrauchen", wird vom Interpunktionsrepertoire, dem syngraphematischen Instrumentarium, dem verfügbaren Arsenal an nichtalphabetischen Zeichen, affiziert und erweitert – um autochthone Denk-, Ausdrucks-, Artikulations- und Gestaltungsmöglichkeiten. Schreiben bildet das Sprechen nicht ab, es konstituiert eine eigene Ordnung, Logik und Möglichkeitspalette – mit weitgehenden, aber weithin übersehenen Rückwirkungen auf das Sprechen, auf Begriff und Gebrauch der "Sprache".

Dass umgekehrt auch das Sprechen das Schreiben abbildet, sieht man am deutlichsten, wenn Sprecher, nicht nur bei Vorträgen, plötzlich mit beiden Händen fuchteln und pföteln, um – quote ... unquote – gestisch Zitate zu markieren. Nie sieht man besser, dass die Luft, das Medium der Schallwellen, keine Schreibfläche ist, kein Medium für Aufzeichnungen.

Die Zusatzzeichen der Schrift dienen der "Schriftscheidung", sie ratifizieren die Scheidung des Schreibens vom Sprechen und setzen den Unterschied von stimmlicher und händisch-sichtbarer Sprache in Szene.

Wie an einer Bildsäule

Cola et commata, divisiones, distinctiones, partitiones – Grenzsignale, Gliederungen der lückenlosen Buchstabenspaliere sind relativ späte Errungenschaften, sie kommen erst nach etlichen Jahrhunderten Schriftgebrauch in Schwang. Erst musste wohl schreiben gelernt und die phönizisch-phonetische Schrift eingebürgert werden – "Phöniker" nannten die Griechen diese seltsamen kleinen Zeichen, die phönizische Kaufleute mitgebracht hatten –, bis deutlich wurde, dass tontafeln- und seitenlange Zeichenketten ohne Markierung von Wort- und Satzgrenzen beim Lesen Uneindeutigkeiten erzeugen und die Verständlichkeit erschweren. Eine Geschichte der antiken Literatur resümiert die ersten Jahrhunderte hinsichtlich der Manuskripte und ihrer Überlieferung: "für die Interpunktion war wenig getan". Erst um 200 v. Chr., mit der Schule von Alexandria, beginnen systematische Bemühungen um Interpunktion. Es dauerte noch einmal tausend Jahre, bis Isidor von Sevilla und namenlose irische Mönche beim Kopieren der Heiligen Schrift einheitliche Schriftscheidungen entwickelten. Noch einmal gut tausend Jahre später – die ersten Jahrhunderte des Buchdrucks hatten dann weitere Satz- und Setzerzeichen und eine gewisse Standardisierung gebracht – kannte der Duden (aber wohl auch nur der Duden) anno 1980 über hundert Regeln zur gottgefälligen Zeichensetzung.

Dieser Artikel stammt aus der Augustausgabe 2017 des "Merkur". © Klett-Cotta

Aber abgesehen von solchen Regelungsexzessen (und der davon ausgehenden Konfusion) – mit den paragrammatischen Zusatzzeichen kommt die Schrift zur Lesbarkeit, und damit auch zu sich selbst, die Sprache wächst über Mund und Ohren hinaus, emanzipiert sich vom Sprechen und Hören, indem sie Raum einnimmt, Flächen beackert und besiedelt, in Sichtbarkeit sich ergeht und das Auge bespielt. Die Schrift spießt die Linearität des Sprechens, die schmetterlingshafte Ungreifbarkeit der Schallwellen, nicht einfach nur auf und transkribiert sie, nein, sie überflügelt sie.

Hartnäckig hält sich die Vorstellung, dass Sprache vom Sprechen kommt und Schreiben unsere mehr oder weniger mit Sinn und Bedeutung erfüllten Laute und Schallwellen abbildet oder wiedergibt, "trans-skribiert" und vertritt. Diese vermeintliche Wieder-Gabe ist aber in vieler Hinsicht viel begabter als die schriftlose Sprache, sie erschließt einen ganz anderen Ausdrucksraum, der sich mit dem mündlichen des Sprechens nur partiell überschneidet. Freilich kann die Schrift vieles nicht (wiedergeben), was das Sprechen kann – dazu bedürfte es einer regelrechten Partitur –, aber das gilt auch umgekehrt. Die Zusatzzeichen demonstrieren, dass im Schriftlichen vieles geht, was beim Sprechen und Hören nicht möglich ist. Die Satzzeichen gehören zu den "Schreibwerkzeugen", die mit-schreiben an unseren Gedanken (Nietzsche), auch an den unausgegorenen, sie bedingen Schreibbarkeit (und das ist immer auch eine Wette auf Lesbarkeit).