Die San Francisco Bay Area und das Silicon Valley bieten vielen Gruppen eine Heimat, und traditionell leben diese Gruppen höflich, aber desinteressiert nebeneinander her. Heute aber vereint einer die Gegend wie schon lange nicht mehr: der verhasste Präsident im fernen Washington. Plötzlich sitzen die Technologisten des Silicon Valley in einem Boot mit den Gewerkschaftlern aus der East Bay, mit afghanischen Einwanderern aus Fremont, mit Latinos und Vietnamesen aus San José.

Wie ihre Begegnungen aussehen, konnte man vor einigen Wochen in einer Galerie in Oakland beobachten. Anlass war die Vorstellung von Tech against Trump, der Sonderausgabe einer neuen Zeitschrift namens Logic, die angetreten ist, das linksintellektuelle Gewissen der Technologiebranche zu werden.

Hier sitzen die Gruppen also nebeneinander: Junge Programmierer von der anderen Seite der Bucht treffen auf die Democratic Socialists of America, die in wilden WGs zwischen den Lagerhallen von Oakland wohnen. Ein paar Mitglieder des Schwarzen Blocks, der den Sprung von Mitteleuropa nach Kalifornien gemacht hat und bevorzugt Nazidemos aufmischt. Dazwischen Vertreter der lokalen Gewerkschaften sowie Hipster in sich verträumt aufbäumender Haartracht. Ein Mosaik der Gesellschaft der Bay Area – zwar vornehmlich weiß und asiatisch, aber nicht ganz so weiß und asiatisch, wie Veranstaltungen mit "Tech" im Titel hier sonst zu sein pflegen.

Trump ist nur ein Symptom

Die erste Überraschung: Vom gemeinsamen Gegner Trump ist wenig die Rede, dafür wird umso eifriger nach Gemeinsamkeiten gefahndet. Trump ist das Symptom, so der Tenor des Abends, und so sehr die Technologieunternehmen auch die Opposition zu ihm proben, sie sind in Wahrheit ein Teil des Problems. Die Ausgabe selber, die an jenem Abend gefeiert wird, versteht sich als kartografisches Projekt. "Die Fäule geht tiefer als Trump", so die Herausgeber, "und der Widerstand ist breiter, selbst unter den Tech-Arbeitern und Technologisten." Ihn will man in seiner Breite erfassen.

Die Stimmen, die in dem Band zu Wort kommen, sind entsprechend breit gefächert: Gruppen wie die Electronic Frontiers Foundation, die sich um Überwachung und Verlust der Freiheitsrechte sorgt. Neveragain.tech, eine Erklärung, in der sich Tech-Belegschaften verpflichten können, keine Daten zu sammeln, die Deportation oder Diskriminierung ermöglichen könnten. Aber auch David Huerta von der Service Employees International Union, die in den USA und in Kanada fast zwei Millionen Menschen aus der Dienstleistungsbranche gewerkschaftlich vertritt, hat einen Beitrag verfasst. Der Themenverlauf des Abends ist so heterogen wie die Liste der Beiträger. In einem Moment geht es um Datenbanken und Verschlüsselung, im nächsten um Gewerkschaften für das Kantinenpersonal bei Facebook.

Für die Herren von der Gewerkschaft ist das business as usual. Aber man spürt, dass die Ingenieure und Programmierer erst einmal einiges lernen müssen. Zum Beispiel eben, dass die Tech-Industrie nicht nur aus Menschen wie ihnen besteht. Klar, für die Firmenleitung gelten als Belegschaft von Uber nur die Programmierer, Designer und Werbe-Leute, die in schick modernisierten Klötzen in San Francisco und Oakland sitzen. Aber natürlich gehören die mittlerweile 700.000 Fahrer auch dazu. Die glitzernden Firmensitze werden sie nie von innen sehen, aber ohne sie würde Uber keinen einzigen Cent verdienen.

Auf Facebooks Campus in Menlo Park arbeiten Hunderte im Sicherheitsdienst und in den Dutzenden Restaurants, die für die Programmierer kostenfrei sind, für die Dienstleistenden hingegen nicht. Viele von ihnen sind auch "Facebook-Leute", aber eben nicht von der Sorte, an die man bei dem Wort denkt. Wiederum andere von ihnen arbeiten zwar bei Facebook, aber offiziell nicht für die Firma – wohin gehören sie? Sind sie "Tech"?

Sind wir nicht alle Arbeiter?

Da wirkt ein Satz erst einmal bizarr, der trotzdem immer wieder fällt an diesem Abend: "Wir sind im Grunde genommen alle Arbeiter", sagt einer, der für Facebook programmiert. Wenn das von einem kommt, der im Privatbus zur Arbeit kutschiert wird und emsig eine Wohngegend nach der anderen gentrifiziert, klingt das zunächst ein wenig sozialromantisch. Aber was er hinzusetzt, ist dies: Derzeit stünden seine Fähigkeiten hoch im Kurs, weswegen die Wertschöpfung, die seine Arbeitskraft gestattet, und der Lohn, der er für sie erhält, noch miteinander Schritt hielten. In ein paar Jahren könne das leicht anders aussehen – dass seine Arbeit weniger prekär ist als die des Reinigungspersonals, sei ein Zufall der Geschichte.

Marx'sche Arbeitswerttheorie im Silicon Valley also. Möglich gemacht hat das nicht erst Donald Trump. Im Vorwahlkampf 2016 gehörten die jungen Leute im Silicon Valley zu den entschiedensten Unterstützern von Bernie Sanders, der sich selbst ganz offen als Sozialist beschreibt. Schon zu einer Zeit, als eine Präsidentschaft Trumps noch völlig unvorstellbar war, hatte der Sozialismus in Kalifornien eine gewisse Attraktivität gewonnen. Auch unter den Gewinnern in der Boomregion rund um die Bucht ging ein Gespenst um.