In Österreich herrscht immer noch Wahlkampf. Und Wahlkampfzeit ist sogenannte Bluatwiesn. Brutalität pur. Da können sämtliche Mudcatcher einpacken, weil im Vergleich zart wie Wattebäuschchen. Im Verlauf des Schlammringens 2017 kam eine besonders interessante Komponente zum Einsatz, die in ihren Drehungen und Wendungen schon beinahe Akrobatiklevel erreichte, quasi die Quadratur des Kreises aka Schlammrings. 

Julya Rabinowich wurde 1970 in St. Petersburg geboren und lebt seit 1977 in Wien. Sie ist Autorin, Bildende Künstlerin, Simultandolmetscherin und Kolumnistin. Ihr Jugendbuchdebüt "Dazwischen: Ich" erschien 2016 im Hanser Verlag. Sie ist Gastautorin von "10 nach 8". © Margit Marnul

Die Komponente ist an sich keine neue. Sex sells. Bikinifigur auch. Und die Geschichte dazu ist schnell erzählt: Die überalterte ÖVP hat sich eine "Liste Sebastian Kurz" gebastelt und setzt jetzt vor allem auf Quereinsteiger und Quereinsteigerinnen. Das Quereinsteigen an und für sich gilt hier offenbar als beste Qualifikation. In der Liste findet sich der Professor Rudolf Taschner als Wissenschafts- und Bildungssprecher: Er zweifelte an der Klimaerwärmungstheorie und nannte körperliche Misshandlung eine Erziehungsmethode, die nicht unbedingt schädlich sein muss. 

Entblößt im Parlament

Besonders beeindruckt die Liste allerdings durch ihre Missen-Dichte. Gleich zwei Ex-Missen wurden nominiert, eine Miss Austria und eine Miss Burgenland, und auch quer durch den österreichischen Blätterwald als Ex-Missen beworben. Beide Frauen arbeiteten zwar schon jahrelang in einem anderen Beruf, hatten studiert, Unternehmen gegründet – dies allerdings schien kaum berichtenswert und wurde zunächst von der Partei offenbar auch nicht für wichtig befunden.

Einige Medien bebilderten ihre Berichte mit Bikinifotos der Kandidatin Sabine Lindorfer, besonders bemerkenswert eine Fotomontage, wo sie neben den adrett mit Anzug bekleideten Sebastian Kurz montiert wurde. Die visuelle Botschaft: Mann Kopfkompetenz, Frau Bikinipuppenaufputz. Den Hintergrund dieses Diptychons bildet der Nationalratssaal. Die Kandidatin wird quasi in BH und Slip ins österreichische Parlament montiert. Ich finde ja, es gibt nur einen einzigen Moment, wo entblößtes Weibliches im Parlament richtig passt: während eines Femen-Einsatzes. Aber nicht während einer politischen Kandidatur.

Die Bikini-Abbildung provozierte nun den politischen Konkurrenten, den SPÖ-Bundesgeschäftsführer Georg Niedermühlbichler, zu der Frage, was denn genau die politische Eignung dieser beiden Ex-Missen sei. An und für sich eine legitime Frage, die auch den mitbewerbenden Kandidaten, die nicht bis auf die Unterhose ausgezogen wurden, hätte gestellt werden müssen.

Die Vermarkter spielen sich als Opfer auf

Die Nachfrage wiederum führte in weiterer Eskalationsspirale dazu, dass die bekannte Sexualtherapeutin und Psychoanalytikerin Rotraud Perner empört und unter Mediengetöse aus der SPÖ austrat, weil sie deren Sexismus nicht mehr zu ertragen imstande sei. Gegen den Sexismus der Präsentation der ÖVP-Kandidatin hatte Frau Perner allerdings nichts einzuwenden. Dass ausgerechnet eine Psychoanalytikerin ihn nicht zu bemerken scheint, und dass auch die Kandidatinnen zumindest öffentlich einverstanden sind mit einer Darstellung, die ihre beruflichen und politischen Leistungen ignoriert, öffnet den Abgrund ins Unendliche. Dankbar nahm die ÖVP die Steilvorlage an und forderte eine Entschuldigung.

Obwohl es längst untragbar geworden ist, wird Frauen immer noch und immer wieder vermittelt, dass nicht ihr Gesamtpotenzial, sondern das Potenzial ihres Körpers das wertvollste sei. 2017 kann man einen neuen Twist hinzufügen: Der Körper wird gnadenlos vermarktet, aber wenn sich Kritik der Mitbewerber daran regt, dann kann auch dieser Kritik sofort der Sexismusvorwurf gemacht werden. Das ist elegant. Und effizient. Schon schlagen sich alle mit dem angeblichen Sexismus des Gegners herum und nicht mit dem eigentlichen Sexismus des vermarkteten Körpers – mehr noch, der Vermarkter selbst kann sich nun plötzlich als Opfer aufspielen. Aber an selbsternannten Opfern ist man in Österreich eh sehr reich, auch das gehört zum Schlammringen.