Die untergehende südsibirische Sonne leckt mit ihren letzten Strahlen über die feuchtglitzernde Haut. Schwer liegt der Prachtkerl in Wladimir Wladimirowitschens Hand. Die beeindruckend lange Angel des Präsidenten wirft außerdem einen Schatten auf seinen Bauch. Normalsterbliche laufen mal schnell in den Magnit rüber, was die russische Version von Rewe ist, und kaufen eine Packung Fischstäbchen. Ein Präsident aber geht niemals einkaufen. Wladimir Putin fährt übers Wochenende in die Republik Tuwa, macht einen Köpper in den See und holt beim Auftauchen den Fisch gleich mit hoch. Jedenfalls hält er das erlegte Tier in die Kamera und, wie gesagt, der Bursche ist derart beeindruckend, dass einem die geballte Ladung Omega 3 ins Gesicht birst. Gegen ästhetische Fischfotografie ist nichts einzuwenden. Man will seinen Enkeln so gerne später mal etwas zeigen und stolz sein.

Vor einigen Tagen veröffentlichte der Kreml Fotos des zweitägigen Präsidentenausflugs. Was folgte, war eine – blödes Bild, geht aber gerade nicht anders – Riesenwelle. Warum er denn schon wieder oben ohne posiere und, jaaah doch, wir wissens, er kann es alles: Tauchen, Jagen, Fischen.

Es soll nicht nach bodyshaming klingen. Aber es war tatsächlich von Muskeln die Rede und davon, dass er gut in Schuss sei. Die Wahrheit ist vielmehr, dass Putin, wie jeder andere stinknormale 64-Jährige auch, den typischen Post-Testosteron-Körper hat. Es ist der Leib eines Mannes, der alle Kredite abbezahlt hat, nach dem Duschen penibel darauf achtet sich nicht zu erkälten, und ohne Granufink Prosta Forte nur noch am Hin- und Herlaufen wäre.

Glitzerdekopuschel!

Man sieht auf den Bildern des Weekendtrips einen Wohlstandskörper, der optisch bereits auf dem Weg zur Rente ist und bei günstigem Verhältnis von Einatmen und Anspannen wenigstens für die Dauer von ein paar Fotos Erinnerungen an den einstigen Sixpack zu wecken imstande ist. Die Erotik dieser älteren Herren, die in der Regel bereits erwachsene Kinder haben, mindestens einmal geschieden sind und ein bis zwei weitere Beziehungen in den Sand gesetzt haben, ist natürlich nie in ihren Körpern begründet.

Kulturhistorisch betrachtet hat sich seit Jahrtausenden also nicht viel geändert. Wer männliche Macht und Kraft demonstrieren will, veröffentlicht nicht die Anzahl der Vätermonate und Teilnahmebestätigung der Wickelkurse. Das Bild eines Mannes, der tauchen geht und sich sein Essen selber fängt, wirkt in der Regel anziehender als Urlaubsfotos von Männern, die durch pastellfarbene Strohhalme Cocktails aus bauchigen Gläsern schlürfen, den Glitzerdekopuschel aus der Melone entfernen und an den Hut stecken.

So weit die folkloristische Bildanalyse. Wie immer bei vermeintlich privaten Bildern von Politikern geht es um den Zeitpunkt ihrer Veröffentlichung.

Am 5. August wurden die Fotos verbreitet. Kurz zuvor hat Donald Trump mit seiner Unterschrift weitere Sanktionen gegen Russland gebilligt. Grund dafür ist der Ukrainekonflikt, die möglicherweise manipulierte USA-Wahl und Putins militärische Unterstützung in Syrien. Das alles könnte, bei normaler Nachrichtenlage ohne staatliche Manipulation, in Russland zu weiteren Unruhen führen. Immerhin hat Premier Medwedew von einem Handelskrieg gesprochen. Handelskrieg ist ein ziemlich saftiger Begriff.

Es gibt in so einer Situation drei Möglichkeiten zu reagieren. Entweder man versucht erstens, die Angelegenheit sofort zu deeskalieren, indem man eine Pressekonferenz durchführt, Gespräche anbietet und Bilder dieser Bemühungen verbreitet. Oder zweitens, man schießt zurück. Und drittens, man reagiert gar nicht.

Deeskalation ist das Grundrezept von Demokratien, die für solche Fälle ihre geschulten Diplomaten rhetorisch durchdeklinieren lassen: verurteilen, scharf verurteilen, aufs Schärfste verurteilen. Danach verträgt man sich wieder. Kommt für Autokraten eher selten in Betracht.