Aufgrund neuerlich erhöhter Emissionswerte verzichtet dieser Text unter anderem auf folgende Wörter: Autobauer, Elektromobilität, Stromer, Kraft-durch-Freude-Wagen, Problemdiesel, Stickoxidausstoß, Kaufankurbelungsprogramm und Gerhard Schröder. Worauf allerdings leider nicht verzichtet werden kann, ist: Wolfsburg.

Und damit steht man schon vor dem rostbraunen Heizkraftwerk und seinen vier Schloten, steht am Ufer des Mittellandkanals, vor dem runden Wappen, das so blau und weiß leuchtet wie der Himmel, der sich über die sogenannte Autostadt wölbt, dem Freizeit- und Identitätserlebnispark des VW-Konzerns.

Von der deutschen Automobilindustrie hört man ja seit ein paar Jahren nicht viel Gutes. Und dem deutschen Selbstbild soll es deshalb auch nicht mehr so blendend gehen. Früher, in der Epoche der Empfindsamkeit, ging der Deutsche in die Natur, um sich in ihr selbst zu erkennen, bis er bemerkte, dass überall nur noch Nutzwald steht, nichts Ursprüngliches und Urwüchsiges mehr, nichts Knorriges und Erhabenes. Seit Jahrzehnten, so heißt es oft, erblicke er sich nun in seinem Auto. Lange sah er in ihm Verlässlichkeit und Sachlichkeit, den Fortgang von Industriemoderne und Wirtschaftswunder, in dem außen alles immer solider und gediegener wurde und innen immer alles feiner und säuberlicher. Das deutsche Auto sei ihm nicht extravagante Kulisse, sondern Tiefe, in die man einsteigt.

Und nun, nach all dem Ärger? Was sieht er jetzt in der Autostadt?

Zunächst: sich sanft erhebende Hügel, ein paar scheckheftgepflegte Seen, märklin-grüner Rasen mit Zierbepflanzung, besenreine Betonwege, ausreichend Sitzgelegenheiten an der Luft, Glas und Stahl, die Transparenz und Solidität bedeuten sollen, und überall sind Parkplätze. Die Autostadt scheint nach Plänen entworfen zu sein, als habe sich VW die Seelenlandschaft ihres perfekten Kunden vorgestellt, in der dieser endlich zu sich selbst kommt, also einen VW kauft. Autos stumm Blech an Blech gestellt. Wie Serviervorschläge. Oder wie Soldaten auf einem Kasernenhof. Oder wie künftige Lebensgenossen, die aus großen Scheinwerferaugen freundlich auf die Menschen schauen. Nur die Menschen schauen inzwischen angeblich etwas misstrauischer und furchtsamer zurück, weil sie ihnen nicht mehr trauen.

Streifzug durch die Gehege

Kürzlich war in der Bild-Zeitung eine Frau vor ihrer Garage zu sehen, voller Angst, ihren Porsche Cayenne nicht mehr fahren zu dürfen. Und es gibt genügend Stimmen, die so etwas mit Häme begleiten, die die Abgasmanipulation zum Anlass nehmen, von neuer Fortbewegung zu schwärmen, von Leihroller-Start-ups, mehrspurigen Fahrradstraßen und Tesla. Das Auto ist vielen inzwischen zu einer Art moralischem Artefakt geworden, an dem sich zugleich die Moral des Besitzers zeige. Und um die sei es nicht gut bestellt.

Nach den jüngsten Enthüllungen des sogenannten Dieselskandals hatte man sich dieAutostadt daher auch eher wie die Kulisse eines Tim-Burton-Films vorgestellt, ein Herz der Finsternis in Südniedersachsen, aber vermutlich konnte VW so schnell nicht umdekorieren. Sowieso gilt hier erst einmal: Bitte vergessen Sie das Fotografieren nicht! Ein Amarok befährt draußen gerade den Geländeparcours. Der Amarok ist ein Pick-up, der etwas zu monströs aussieht für deutsches Flachland, er erinnert an ein Panzernashorn, das zum ersten Mal Europa betritt, woraufhin sich beide Seiten etwas unwohl fühlen. Ein seltenes Tier!

Ohnehin ist es das, woran man in der Autostadt bald denkt: an einen Autozoo. Man streift durch die Gehege. Škoda-Pavillon, Audi-Pavillon, VW-Pavillon, wo die Worte der Zukunftsbejahung durch buntbeleuchtete Räume schwirren wie auf einem TED-Talk: Connectivity, Urban Mobility, Think New. Aber andererseits, so ein Polo: eigentlich ganz knuffig. So ein Scirocco: nicht so hässlich. So ein Touran: Ach, wenn man Kinder hat.