Die Darbietung wirkte grotesk gestellt, aber ihr Ziel verfehlte sie nicht: Nachdem Alice Weidel mit Aplomb kürzlich aus der Talkshow Wie geht’s Deutschland? rauschte, war sie es, die im Nachhinein die Berichterstattung bestimmte. Es war das jüngste Beispiel einer mittlerweile eingespielten AfD-Methode. Man erinnere sich: Beatrix von Storch und Frauke Petry wollten im Zweifelsfall an der Grenze auf Flüchtlinge schießen lassen, Petry wollte zudem das Wort "völkisch" rehabilitieren. Björn Höcke forderte eine "erinnerungspolitische Wende um 180 Grad" und Alexander Gauland ließ rassistische Beleidigungen gegen den Fußballspieler Jérôme Boateng fallen und jüngst gegen die Integrationsministerin Aydan Özoğuz.

Es gibt noch eine Vielzahl an anderen Beispielen dieser Provokationen, welche die Partei auf einer Welle der kollektiven Empörung verlässlich in die Schlagzeilen brachten. Jedes Mal begann hernach dieselbe medienpolitische Metadebatte: Wie umgehen mit den Provokationen einer Partei, die bald, möglicherweise als drittstärkste Kraft, im deutschen Bundestag sitzen könnte?

Eine schwierige Diskussion. Und in ihr treffen im Wesentlichen zwei Positionen aufeinander. Die eine Seite ist der Meinung, dass die Empörung in Medien und sozialen Netzwerken der AfD nicht nur nicht schade, sondern deren aufmerksamkeitsökonomischer Treibstoff sei. Die Partei hatte schließlich selbst in einem Strategiepapier für die Bundestagswahl vermerkt, dass man "zu klaren Worten greifen und auch vor sorgfältig geplanten Provokationen nicht zurückschrecken" solle – daher mache sich jeder, der am Entrüstungswettrennen teilnehme, letztlich zum nützlichen Idioten der Rechtspopulisten. Am besten man empöre sich also gar nicht und lasse die Provokationen ins Leere laufen.       

Der Diskurs hat sich verschoben

Von der anderen Seite heißt es, die rassistischen Ausfälle dürften nicht unwidersprochen bleiben, da man sonst der Verschiebung des Diskurses stumm zuschaue. Wer sich nicht empöre, beteilige sich an der Brutalisierung der Debatten und der Normalisierung von Rassismus und Antisemitismus. Und wie stark sich der Diskurs bereits verschoben hat, kann man etwa am aktuellen Wahl-O-Mat erkennen. Dort gilt Folgendes inzwischen als wieder verhandelbare Position: "Der Völkermord an den europäischen Juden soll weiterhin zentraler Bestandteil der deutschen Erinnerungskultur sein." 

Wie also mit der AfD umgehen? Vielleicht muss man sich zunächst verdeutlichen, was die AfD, die vor vier Jahren als Honoratioren-Club gegen den Euro startete, heute eigentlich ist. Ihre Selbstbeschreibung lautet, die AfD sei eine gesellschaftspolitisch konservative Partei, die eigentlich nur jene Positionen besetze, die die CDU durch ihre angebliche Sozialdemokratisierung unter Merkel aufgegeben hat. Diese Selbstverortung in der bürgerlichen Mitte, die bis in die Details inszeniert wird, etwa in der Fetischisierung der Doktor- und Professorentitel der eigenen Kandidaten, entfaltet nach wie vor ihre Wirkung. AfD-Sympathisanten sind laut einer jüngsten Studie des Instituts der Deutschen Wirtschaft mit einem monatlichen Einkommen von 2.200 Euro netto sogar etwas wohlhabender als der deutsche Durchschnitt. Ökonomisch gesehen befindet sich die Partei also tatsächlich in der Mitte. 

Dass es sich bei der Selbstbeschreibung als bürgerlich-gemäßigte Partei um einen Etikettenschwindel handelt, kann man bereits an der bisweilen offen rechtsradikalen Rhetorik ihres Spitzenpersonals erkennen. Deutlich wird das in einer jüngst publizierten E-Mail von Alice Weidel aus dem Jahr 2013, deren Echtheit laut Welt am Sonntag vom damaligen Empfänger, einem Bekannten Weidels, eidesstattlich versichert wurde. Darin lässt die heutige AfD-Spitzenkandidatin, die bis dahin zum vermeintlich liberalen Flügel der Partei zählte, ein Weltbild erkennen, das nicht nur von Rassismus, sondern auch Revanchismus und Verschwörungstheorien durchzogen ist.

Es gibt darüber hinaus noch einen anderen, strukturellen Unterschied zwischen der AfD und dem klassischen Konservatismus, ja selbst Ultrakonservatismus. Sowohl ideengeschichtlich als auch praktisch gesehen, müssen Anhänger des Konservatismus ein skeptisches Menschenbild mitbringen. Das heißt: Der Mensch ist grundsätzlich fehl- und verführbar. Deshalb braucht er Sitten, Traditionen und Institutionen, sowohl staatlicher als auch religiöser Natur, die ihn einhegen. Das ist der konservative Grundgedanke, den man von Thomas Hobbes über Edmund Burke bis Joseph de Maistre findet. Während Linke die Welt tendenziell vom Ideal abwärts betrachten, also stets von theoretisch möglichen Verbesserungen ausgehen, sehen Konservative die Welt vom Chaos aufwärts, begreifen Veränderungen, zumal wenn sie abrupt oder revolutionär daherkommen, also als Quell der Unordnung.

Mit der Revolte soll der Ausgangszustand wieder hergestellt werden

Alexander Gauland hat dies jüngst in einem Interview mit den YouTube-Format Jung und Naiv bestätigt. Auf die Frage nach seinem Menschenbild antwortete der AfD-Spitzenkandidat, dass dieses ein "skeptisch-konservatives" sei, weshalb er dafür plädiere, die "Unvollkommenheiten des Menschen" in der Politik immer zu berücksichtigen. Deswegen sei alles gut, "was den Menschen einhege". So weit die Übereinstimmung.

Das Problem ist nur: Mit diesem Menschenbild kann man weder für Volksabstimmungen sein, was die AfD zu einer nicht verhandelbaren Kernforderung erhoben hat, und erst recht keine Bewegungspartei bilden. Spätestens mit der De-facto-Demontage von Frauke Petry, die innerhalb der Partei für die baldige Koalitionsfähigkeit warb, hat sich die AfD aber zu so einer Bewegungspartei entwickelt. Sie hat damit den Weg eingeschlagen, den Björn Höcke in seiner viel zitierten Dresdner Rede im Januar 2017 vorgegeben hatte. "Um ihren historischen Auftrag nicht zu verraten", sagte der thüringische Fraktionsvorsitzende, "muss die AfD Bewegungspartei bleiben." Nur dann könne am Ende der "vollständige Sieg" stehen.

Wie stark sich die Partei, die sich auf ihrer Website "in der Tradition der beiden Revolutionen von 1848 und 1989" wähnt, mittlerweile diesem radikaloppositionellen Bewegungsgedanken verschrieben hat, tritt im aktuellen Wahlkampf zutage: Einer der zentralen Slogans lautet "Hol dir dein Land zurück!", und er erinnert nicht nur an die "Fremd-im-eigenen-Land"-Formel der NPD, sondern beschwört auch in aktivistischer Rhetorik die Rückwälzung der Verhältnisse. Es ist derselbe sprachliche Kniff wie in Donald Trumps "Make America great again" oder im "Take back control" der Brexit-Kampagne: Die Revolte, eigentlich der Feind des konservativen Denkens, wird dadurch legitimiert, dass lediglich ein Ausgangszustand wiederhergestellt werden soll.  

Chronische Hysterie

Wie diese Rhetorik Machtfantasien entfesselt, lässt sich bereits im Kleinen erkennen. Als Alice Weidel die besagte Talkshow verließ, twitterte Markus Frohnmaier, Weidels Sprecher und Bundesvorsitzender der Jungen Alternative, ein Bild, auf dem seine Chefin der Moderatorin Marietta Slomka einen verächtlichen Blick zuwirft. Darauf geschrieben: "Am 24.09. mache ich dich arbeitslos, Mäuschen." Im Vergleich zum Fall Holger Arppe nimmt sich das allerdings noch recht harmlos aus. Der Schweriner Landtagsabgeordnete trat jüngst aus der Partei aus, weil Chatprotokolle von ihm aufgetaucht waren, die von Mord- und Vergewaltigungsfantasien politischer Gegner strotzten.

In der Natur einer politischen Bewegung (und als solche begreift sich die AfD zunehmend) liegt die Angst vor dem Stillstand. Deshalb muss die Bewegung andauernd stimuliert werden. Auch bei Donald Trump lässt sich dies erkennen, der Monate nach seiner Vereidigung als US-Präsident so agiert, als befände er sich noch im Wahlkampf. Statt um die Einhegung, wie es das konservative Denken will, dreht sich alles um die fortlaufende Mobilisierung von Menschen. Das wiederum geht letztlich nur mit einer Strategie der permanenten Eskalation. 

Zu dieser Strategie gehört die chronische Hysterie. Mit diesem Begriff muss man vorsichtig sein, da historisch oft das als hysterisch galt, was nicht den herrschenden Normen entsprach. Im Fall des Daueralarmismus der AfD passt er allerdings ziemlich gut, wenn man die konzise Definition von Peter Sloterdijk veranschlagt. Dieser hatte in seinen Tagebüchern vermerkt: "Hysteriker sind auf der Suche nach einem Herrn, um ihn tyrannisieren zu können."

Das beschreibt die Methode der Rechtspopulisten recht genau. Das Entscheidende an ihnen ist ja gar nicht, dass sie, wie oft bemerkt wird, "nur" einfache Lösungen anböten, sondern, dass sie einfache, bisweilen aus Verschwörungstheorien hergeleitete Ursachen präsentieren. Komplexe gesellschaftspolitische Problemlagen werden entweder auf einen Urheber im Kollektivsingular zusammengezurrt, "das Establishment", "die Politik" oder "die Presse", oder Einzelpersonen angelastet, allen voran Angela Merkel oder Heiko Maas. So wollte Alice Weidel die Bundeskanzlerin jüngst vor einem "ordentlichen Gericht" sehen, wobei sie offenließ, weshalb genau.

Feinde kann es nie genug geben

Auch anderen Parteien ist derlei Komplexitätsreduktion nicht fremd, zumal in Wahlkampfzeiten. Im Fall der AfD bildet sie jedoch ihren Wesenskern. Zur Dialektik der Partei gehört, dass sie einerseits Höcke'sche Machtfantasien vom "vollständigen Sieg" generiert, sich andererseits in die Opferrolle imaginiert. Ob "Gender-Diktatur", "Öko-Taliban", "Lügenpresse", "EUdssr" oder omnipräsente "Stasi-Methoden": Der fiktive Tyrann ist im rechtspopulistischen Imaginären stets so übermächtig wie totalitär. Diese Art des politischen Sadomasochismus, der lustvollen Gleichzeitigkeit von Unterwerfung und Herrschaft, dient eben dazu, das Ganze repräsentieren zu können, also für die vermeintlich "schweigende Mehrheit" oder "das Volk" zu sprechen und zugleich eine Rhetorik des Widerstands zu kultivieren. Zu diesem Zweck kann es von einer Sache nie genug geben: Feinde. Und die sind im rechtspopulistischen Milieu relativ austauschbar.

Der Historiker Volker Weiß hat in seinem Buch Die autoritäre Revolte geschrieben, dass es bei Pegida ursprünglich Pläne gab, sich "Pegada" zu nennen, da die Amerikanisierung eine ebenso große Gefahr darstelle, wie die Islamisierung. Eine ähnlich willkürliche Feindesbestimmung zeigt sich auch im intellektuellen Kunststück der AfD: zu behaupten, Frauenrechte gegen den Islam zu verteidigen, um im nächsten Moment den Feminismus zu geißeln. Innerhalb der Logik der Partei ist dies allerdings insofern folgerichtig, als die AfD ja weniger über programmatische Forderungen funktioniert, sondern sich als Bewegung versteht, die aggressive Affekte lizenziert und legitimiert. Die implizite Botschaft der rassistischen Ausfälle und Tabubrüche lautet: Guckt her, ihr anderen könnt das auch endlich einmal sagen. Und vor allem: Am Ende kommt man damit durch! Man sitzt sogar in der nächsten Talkshow vor einem Millionenpublikum.   

Die AfD zeichnet sich schließlich auch durch eine Rochade im nationalistischen Denken aus. Dieses war zwar schon immer mit der Beschwörung von Bedrohungen verbunden, aber es stellt auch die vermeintliche Großartigkeit des Eigenen heraus – woraus sich der Vorwurf an Linke ableitet,  diese redeten die Nation "klein" oder "mies". 

Deutschland, ein failed state?

Bis zu einem gewissen Grad hat sich das im Falle der AfD paradoxerweise umgedreht. Während auf abstrakter Ebene die deutsche Kultur und Geschichte (recht vage) gepriesen werden, gibt es auf konkreter Ebene keine Partei, die der Bundesrepublik so wenig zutraut wie die AfD. Folgte man deren Rhetorik seit der Flüchtlingskrise, müsste man annehmen, Deutschland wäre momentan nicht das relativ reichste und politisch einflussreichste Land Europas, sondern ein failed state, der kurz vor dem Bürgerkrieg steht.    

Wer als Demokrat mit den Provokationen der AfD umgehen will, sollte sich zunächst vielleicht von der Vorstellung verabschieden, dass man ihr durch bloßes, auch noch so kritisch gemeintes Beschweigen beikäme. Es stimmt zwar, dass man nicht über jedes Stöckchen springen sollte, dass die Partei einem hinhält, was etwa heißt, dass man kalkulierten Opferinszenierungen wie Weidels Talkshow-Abgang idealerweise keine Resonanz geben sollte. Aber abgesehen davon, dass die AfD mit ihrer Kernanhängerschaft längst direkt über soziale Netzwerke kommuniziert, wo sie die mit Abstand reichweitenstärkste Partei ist, sind die inhaltlichen Tabubrüche eben nicht einfach nur medienpolitische Strategie zur Aufmerksamkeitsmaximierung, sondern Teil einer immanenten Eskalationsdynamik zur Ausweitung der politischen Kampfzone.

Und diese wird nicht durch kritische gemeinte Indifferenz gestoppt, sondern durch kollektive Gegenrede –  und ja, auch durch richtig verstandene Skandalisierung. Wenn Alexander Gauland etwa eine in Hamburg geborene Deutsche in "Anatolien entsorgen" will, ist das nämlich eine Form des offenen Rassismus, der in einer pluralistischen Gesellschaft nicht nicht skandalisiert werden kann. Grundsätzlich besteht die soziale Funktion des Skandals, das bemerkte der Soziologe Karl-Otto Hondrich in seinem Essay Enthüllung und Entrüstung, darin, gesellschaftliche Moralvorstellungen zu stabilisieren. Indem die Entrüstung, so Hondrich, "die fortschreitende Unmoral anprangert, fördert sie den Fortschritt der Moral. Sie ist Bestandteil moralischer Regeneration – wie der Skandal insgesamt im Dienste der moralischen Gefühle steht." 

Es kommt auf die Qualität der Empörung an

Das Entscheidende dabei ist nur, dass Skandale auch vollendet werden, also moralische Konsequenzen nach sich ziehen müssen. Wenn AfD-Vertreter jedoch nach jeder Provokation wieder im TV-Studio sitzen, um ihre "kontroversen Aussagen" mit gespielter Naivität zu verteidigen, verkehrt das die soziale Funktion des Skandals ins Gegenteil. Er wird zum medialen Durchlauferhitzer, ohne dass er irgendwelche Folgen hätte.

Das heißt in der Konsequenz: Die Frage im Umgang mit der AfD ist zum einen weniger, ob man sich prinzipiell über deren Provokationen empören sollte oder nicht, sondern wann genau. Und zwar lediglich dann, wenn es sich um Versuche moralischer Grenzverschiebungen handelt, aber nicht, wenn es sich um kalkulierte Opferinszenierungen geht. Zum zweiten kommt es aber auch auf die Qualität der Empörung an. Also darauf, ob sie lediglich der medialen Verwertungslogik folgt, oder auch tatsächliche Konsequenzen hat. Konkret hieße das, dass man die AfD nicht so behandeln sollte, als wäre sie eine normale, konservative Partei. Denn es stimmt zwar: Ein Teil ihrer Anhänger wählt sie gerade deshalb, weil sie sehr klar sehen, dass sie dies nicht ist. Ein anderer Teil jedoch, weil er diese nach wie vor für eine normale, konservative Partei hält. Und das ist für die hiesige Demokratie vielleicht sogar das noch größere Problem.