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Angela Merkel wird jetzt ein wenig abwarten. Die Emotionen runterkochen lassen, warten, bis nicht mehr so viel über die AfD geredet wird, in der Zwischenzeit alte Vorsätze prüfen. So hat sie bisher auf jede Krise reagiert, und das Wahlergebnis ist eine mindestens mittelschwere, die ihre Kanzlerzeit bis zum Ende prägen wird. Ihr Regnum dürfte noch mindestens vier Jahre dauern, wenn man ihren Versprechungen aus dem Wahlkampf glauben darf. Als sie im Juli gefragt wurde, ob sie bei einer Wiederwahl für volle vier Jahre im Amt bliebe, da sprach sie in routinierter Umständlichkeit von der "Verfügungsgewalt über unser Leben", die wir alle nur bedingt hätten. Am Ende antwortete sie aber mit Ja. Das gehöre zum Vertrauen. So habe sie es den Wählern gesagt.

Merkel hat in den vergangenen Jahren einen Zug ins Pastorale entwickelt, der sie vom politischen Betrieb immer weiter abhebt. Für ihren Machterhalt könnte das spätestens jetzt problematisch werden. Deutsche Kanzler müssen ihre Koalitionen energisch zusammenhalten; für eine "lahme Ente", deren politisches Haltbarkeitsdatum schon feststeht, gibt es in dem auf ständige Vermittlung ausgelegten System keinen Platz. Seit Konrad Adenauer regierten BRD-Kanzler so lange, bis sie aus dem Amt gedrängt wurden, entweder durch Abwahl oder Sturz.

Helmut Kohl hatte einmal versucht, das anders zu machen. Als er im Wahlkampf 1994 andeutete, er könnte nach zwei weiteren Jahren als Kanzler zurücktreten, sanken seine Umfragewerte sofort. Die schwarz-gelbe Koalition, aufgerieben von zwölf Jahren ununterbrochener Regierung, rettete sich gerade so zum Wahlsieg. Von Rückzug sprach der Kanzler danach nicht mehr, sondern klammerte sich wie vor ihm Adenauer und Schmidt immer selbstgerechter an die Macht. Kohl war von der Idee eines Putsches gegen ihn besessen. Seine heiß gehandelten Nachfolger – die gab es in der damaligen CDU ja wirklich: Wolfgang Schäuble, der junge Volker Rühe, "Professor" Biedenkopf – hielt er kompromisslos unten. Kohl personifizierte den "Reformstau", blockierte vier Jahre lang das Land und seine Partei und ließ sich 1998 verbittert abwählen. Dann kam die Spendenaffäre, in der er seinen ehemaligen "Kronprinzen" Schäuble angeblich erpresst haben soll und jedenfalls als Parteivorsitzenden demontierte.

Alles ist denkbar, nur Merkel ablösen nicht

Angela Merkel nutzte dieses Königsdrama für ihren eigenen Aufstieg. Dass ihr heute etwas Ähnliches widerfahren könnte, kann man sich irgendwie nicht vorstellen. Wenn ihr Niedergang zu einem verschleppten wird, dann nicht, weil sie ihre potenziellen Nachfolger unterdrücken würde. Wir können uns solche Nachfolger einfach nicht mehr vorstellen. Das hat viel mit Merkels spezieller Qualität als Machtpolitikerin zu tun, aber auch einiges mit der Selbstbeschränkung der politischen Phantasie, die man schon jetzt als einen Wesenszug ihrer Ära bezeichnen kann.

Deutschland hat jetzt ein Parlament mit sieben Parteien und sechs Fraktionen, darunter eine, deren Verhältnis zu völkischem Denken, um es freundlich zu sagen, nicht ganz geklärt ist. Der Abstand zwischen Union und SPD ist so groß wie seit den Fünfzigerjahren nicht, trotzdem ist die Union auf ihr schlechtestes Ergebnis seit 1949 gefallen. Das ist eine spektakuläre Zäsur, aber schon am Wahlabend um 18 Uhr waren sich alle Kommentatoren einig, dass Merkel unter diesen Umständen natürlich eine stabile Koalition bilden wird – wahrscheinlich eine dreifarbige, noch ein historisches Novum. Es gibt keine machtgymnastische Übung, die man Merkel in ihrer unendlichen Sachlichkeit nicht zutraute.

Schizophrene Seitenlage

Mit der dann dritten Koalitionskonstellation hätte die Kanzlerin einen Grundzug der Bundesrepublik endgültig auf ihre eigene Person übertragen: Kontinuität. Alles muss sich ändern, aber die Kanzlerin bleibt dieselbe. Das Grundgesetz, auf das sich in Deutschland sogar Antinationalisten berufen, hat sich in vielen Hinsichten als funktional und stabil erwiesen. Eine Sache organisiert es nicht besonders gut: kreative Instabilität, also Machtwechsel. Daher kommt vielleicht auch der strukturelle Konservatismus der Bundesrepublik. Der Wandel muss sich immer erst mühsam aus Gesellschaft und Wirtschaft in das Parteiensystem hinaufarbeiten. In den großen Themen gesellschaftlicher Emanzipation – Abtreibungsrecht, gleichgeschlechtliche Ehe, staatliche Kinderbetreuung, Frauenquote – brauchte die Bundesrepublik Jahrzehnte länger als die meisten westlichen Nachbarn und die DDR. Im neuen Jahrtausend dauerte es viel länger, bis die reaktionären Gegentendenzen ins Parlament einzogen – Europaskepsis, Abschottungspolitik, Identitätspolitik für Weiße.

Die politische Phantasie war im Wahlkampf, und eigentlich schon seit Merkels Amtsantritt vor zwölf Jahren, nicht agil genug, um alternative Machtszenarien zu entwickeln. Jetzt marschiert die rechte Alternative in den Bundestag, aber erinnert sich noch jemand, dass es bis Sonntag dort schon eine linke Alternative gab? Rot-Rot-Grün, das Merkel in den vergangenen vier Jahren jederzeit hätte stürzen können, wurde weder von den betroffenen Parteien noch von einer anderen politischen Entität ernsthaft in Erwägung gezogen.

Scheintod der Langeweile

Stattdessen wurde das Verhältnis der Deutschen zum eigenen Land und zum Rest der Welt immer schizophrener: Die Welt ist so verrückt wie seit 1990 nicht, da sind sich wirklich alle einig. Rechte Außenseiter hetzen gegen alles und jeden, den sie als Agenten dieser Apokalypse betrachten. Verängstigte Leitartikler und Spitzenkandidaten überbieten sich hingegen in der Versicherung, Deutschland sei  eigentlich ein liebenswürdiges, starkes, vernünftiges Land – um sich gleich darauf die Einschläferung der Wähler oder das Ende der demokratischen Streitkultur vorzuwerfen. Wenn man sich Politik nicht mehr anders als in ihrem Ist-Zustand vorstellen kann, dann stirbt sie den Scheintod der Langeweile. Die Realitäten verschieben sich natürlich trotzdem weiter. Erst bemerkt man sie nicht, dann will man sie nicht wahrhaben, und dann sitzen sie mit 13 Prozent im Bundestag.

Von Merkel liest man immer, sie denke alle Probleme von ihrem Ende her. Niemand außer den Rechten hat wirklich versucht, auch ihre Kanzlerschaft von ihrem Ende her zu denken. Der Grund dafür liegt auch in Merkels Politikstil oder besser in dem Bild dieses Stils, das sich in der Öffentlichkeit gefestigt hat. Zwei Eigenschaften werden ihr zugeschrieben: dass sie eine postideologische Pragmatikerin sei, die Politik radikal versachlicht habe. Und dass sie seit Jahren kein anderes Programm mehr verfolge als sich selbst. Für ihren sachlichen und zugleich personalisierenden Regierungsstil wird Merkel quer durch die politischen Lager bewundert oder zumindest geachtet, von einer rechten Minderheit aber gehasst.

Die oberste Sachverwalterin

Beide Aspekte, die Versachlichung und die Personalisierung, laufen auf eine Alternativlosigkeit oder zumindest auf einen sehr eingeschränkten Möglichkeitshorizont hinaus: Zu den Sachzwängen, durch die Merkel angeblich maximal pragmatisch navigiert, gibt es keine Alternative, und damit auch keine zu ihrer Person. So wird Politik zu einem Akt der Verwaltung. Ob es in Sachfragen wirklich keine Alternativen gibt und ob Merkel sich tatsächlich immer nur kühl und kalkuliert verhält, spielte für die Beschränkung der politischen Imagination gar keine Rolle. Solange das Bild von Merkel als kompetenter Sachverwalterin bei einer Mehrheit der Bevölkerung besteht, kann sie mit ihrem Als-ob-Pragmatismus komfortabel regieren. Welche Koalitionsparteien sie sich dafür nimmt, ist zweitrangig.

Personalisierend ist dieser Politikstil, weil Merkels persönliche Charaktereigenschaften ihre politischen längst überschrieben haben. Unter politischen Gesichtspunkten könnte man ja auch sagen, dass ihr Regierungsmodus im ständigen Überschreiten einmal gefasster Überzeugungen besteht. Pragmatisch betrachtet ist das keine Schwäche, sondern eine Qualität: Die promovierte Physikerin Merkel handelt selbst dann noch rational und kalkuliert, wenn sie sich von schwankenden Stimmungen in der Bevölkerung leiten lässt. Das war beim Atomausstieg so, in der Flüchtlingspolitik seit dem Frühjahr 2016, zuletzt bei der Ehe für alle, und eigentlich ist es die Gründungsgeste ihrer Kanzlerschaft, seit Merkel sich 2005 von der neoliberalen Reformerin in eine Rhetorikerin von "Maß und Mitte" verwandelte. Seitdem vermeidet sie alle Aussagen, die auf politische Lagerzugehörigkeit schließen lassen. Sie stellt ihr Handeln nicht auf politische, sondern auf moralische Grundsätze: Schulden sind schlecht, Bedürftigen zu helfen ist notwendig, Freiheit und Europa sind wichtig. "Mal bin ich liberal, mal bin ich konservativ, mal bin ich christlich-sozial, und das macht die CDU aus", sagte sie 2009 in einem Interview zu Anne Will.

Politik ist nicht Verwaltung

Die politische Prinzipienlosigkeit wird Merkel von der strukturellen Mehrheit der Deutschen nicht als charakterliche Schwäche ausgelegt, sondern als ein Ausweis überlegener Intelligenz. Die Welt, in der Merkel ihre Entscheidungen trifft, ist komplex und dynamisch, und wenn man sich extrem gewissenhaft und detailversessen in die Sachen einarbeitet – in ungefähr jedem Text über die Kanzlerin steht, dass sie bis spät in die Nacht kaum etwas anderes tut –, dann sind allzu feste Überzeugungen nur irrationaler Ballast. In Deutschland, oder genauer in Westdeutschland, kann das Bild einer Kanzlerin als oberster Sachverwalterin auch deshalb so erfolgreich sein, weil die Vorstellung einer postheroisch "verwalteten Welt" ohne utopisches Fernziel die Grundlage des politischen Denkens nach 1945 bildet: Bei Adorno wurde sie als düster funkelndes Vexierbild der Moderne entworfen, bei Habermas als demokratische Aufgabe reformuliert und in Luhmanns Systemtheorie mit all ihren funktionalen Verästelungen beschrieben.

Zu dieser Welt aus Sachzwängen ist Merkel die perfekte Vorsitzende. Sie hat einen ganz eigenen Typus von Politiker geschaffen, welcher der Auffassung der meisten Deutschen von der globalisierten Welt ziemlich genau entspricht: Man muss sich anstrengen und anpassen, um in der allgemeinen Konkurrenz nicht unterzugehen. Wer da wie Merkel "auf Sicht" navigiert und eher im Sinn einer kurzfristiger Taktik als einer langfristigen Strategie vorgeht, der handelt nicht prinzipienlos, sondern verantwortungsvoll und klug. Ihrem Versprechen, sie würde mindestens noch vier Jahre weitermachen, glaubt man letztlich nicht, weil man sie für machtbesessen oder selbstherrlich hielte, sondern für pflichtbewusst und fleißig. Kohl, der Ehrenwort-Kanzler, sagte von sich, er sei fromm, aber ein alter Sünder. Merkel offenbart sich in den letzten Jahren immer mehr als Gewissensmensch: Was auch immer sie tue, es müsse aus reiflicher Überlegung geschehen – mit sich im Reinen zu sein sei das Kriterium ihrer Politik, sagte sie während ihres Podiumsgesprächs mit der Brigitte, auf der perfekten Bühne für ihren Ein-Personen-Wahlkampf.

Merkels Paradigma hat sich überlebt

Jeder ewige Kanzler endet, wenn das Paradigma, dass er geprägt hat, sich überlebt. Adenauers Bürgermeisterhaftigkeit passte nicht mehr in die Sechzigerjahre, in denen Deutschland zur reichen Konsumnation wurde. Kohl verpasste einen würdigen Abgang, als das Pathos der Wiedervereinigung in postkommunistische Tristesse umschlug. Merkel hat weiterhin eine Mehrheit der Deutschen hinter sich, aber sie wird sich nur noch so lange halten können, wie die politische Klasse daran glaubt, dass Politik wirklich nur eine Frage von simplen moralischen Grundsätzen, machtpolitischem Charisma und fleißiger Sachlichkeit ist. Außerhalb Deutschlands glaubt das kaum noch jemand – und vor allem glaubt man nicht, dass Merkels Lösungen die einzig möglichen, geschweige denn die richtigen sind. Politik besteht aus der Herstellung anderer Möglichkeiten und, ja, auch aus Ideologie.

Dass in Deutschland jetzt eine Alternative von rechts außen geschaffen wurde, ist allerdings keine Notwendigkeit, sondern auch das Resultat einer imaginativen Blockade. Dank einer Machtposition, die sie eher geerbt als geschaffen hat, konnte Merkel die härtesten Krisenfolgen – Sparpolitik, Abschottung der Außengrenzen – an die südliche Peripherie der EU verlagern. In den Ländern, die unter ihrer Sachzwang-Austerität am meisten zu leiden hatten, haben sich mehr linke als rechte Alternativen entwickelt.

Das rechtsradikale Kaninchen

Dass es in Deutschland so nicht kam, hängt vielleicht doch etwas mehr mit der Trägheit der sogenannten Eliten zusammen, als die es sich eingestehen wollen. Als George Packer vor drei Jahren – ein Jahr vor der Flüchtlingskrise – sein großes Porträt von Angela Merkel für den New Yorker schrieb, da lehnte die Kanzlerin natürlich seine Interviewanfragen ab, der New Yorker ist schließlich nicht die Brigitte. Packer sprach mit allen Merkel-Vertrauten, die er finden konnte, und mit Hauptstadtjournalisten fast aller großen Zeitungen. Viele beschreiben Merkels asymmetrische Demobilisierung als eine existenzielle Gefahr für die Demokratie. Gewählt, sagt Packer, hätten die Kanzlerin aber trotzdem fast alle von ihm befragten Journalisten. Sie hätten einfach keinen Grund gesehen, es nicht zu tun.

Wer andere Alternativen als rechte will, der muss sie sich zunächst einmal wieder vorstellen können oder eher: Er muss wieder anfangen, bestehende Alternativen überhaupt wahrzunehmen. Wie viele politische Korrespondenten sind inzwischen nach Schnellroda gefahren, um sich mit dem rechtsradikalen Kleinverleger Götz Kubitschek zu unterhalten? Und wie viele hätten – nur zum Beispiel – die gleiche Ausdauer und Einfühlung aufgebracht für die Ideologie und die Argumente eines linken G20-Gegners? Auch an solchen Quoten entscheidet sich die Gesundheit einer Demokratie.