Die Urszene des Phänomens Merkel? Die spätere Kanzlerin während ihres ersten Wahlkampfs 1990 im Kreise von Fischern auf Rügen © Ebner/ullstein bild

Auf den ersten Blick wirkt es fast wie ein Gemälde Jan Vermeers, eine gleichermaßen leise wie melancholische Szene, deren Eindringlichkeit sich noch durch den akzentuierten Lichteinfall steigert: Fünf Fischer sitzen nach getaner Arbeit in ihrer Holzhütte, Bierflaschen stehen herum, Rauchschwaden wabern durch die Luft. Und mittendrin: die 36-jährige Angela Merkel, bedächtig zuhörend, ein Schnapsglas in der Hand.

Das Bild, das am 2. November 1990 im Dorf Lobbe auf Rügen entstand, zeigt die Bundeskanzlerin während ihres ersten Wahlkampfs. Genau einen Monat später wird sie das Direktmandat im Wahlkreis Vorpommern-Rügen – Vorpommern-Greifswald I gewinnen, welches sie bis heute durchgehend verteidigt hat. So aus der Zeit gefallen dieses Foto auch wirken mag, versinnbildlicht es jene Kerneigenschaft, die bis heute als Merkels größter Trumpf gilt: ihr erdnaher Pragmatismus.

Denn die junge CDU-Kandidatin, so berichtete Hans-Joachim Bull, einer der damals anwesenden Fischer gegenüber dem Magazin Der Spiegel, hockte sich mit einer Begleiterin einfach unangemeldet in die Hütte, trank zwei Schnäpse mit, sprach selbst wenig, hörte dafür aber viel zu und stellte ab und an Fragen. Sie verließ die Runde schließlich mit der Zusicherung, die Sorgen um die darbende Fischereiwirtschaft ernst zu nehmen, vermied es jedoch, irgendwelche Versprechungen zu machen. Ihr Auftritt in Lobbe zeigte Wirkung. Alle fünf Fischer, so verriet Bull, hätten sie damals gewählt.

27 Jahre später hat sich an Merkels politischem Erfolgsrezept nicht viel geändert. "Vage" und "wortkarg", dafür aber auch "unprätentiös", "ideologiefrei", "sachorientiert" – so lauten nach wie vor die Attribute, mit denen die Kanzlerin so geräuschlos wie unangefochten ihrer vierten Amtszeit entgegenschwebt. Die Konstanz dieses Machterhalts ist jedoch gerade in ihrer stillschweigend akzeptierten Natürlichkeit besonders erklärungsbedürftig. Angesichts des weitestgehend ausbleibenden Wahlkampfs, in dem die CDU etwa T-Shirts mit dem Slogan "Voll muttiviert" verteilt, gerät leicht in Vergessenheit, wie umstritten Merkel vor allem bei der eigenen, konservativen Klientel bis vor kurzem war. Von der Aussetzung der Wehrpflicht und der Atomwende über die Eurokrisen- und Flüchtlingspolitik bis zur De-facto-Ermöglichung der gleichgeschlechtlichen Ehe, verantwortete sie eine ganze Reihe von Kurswechseln, die enormes Polarisierungspotenzial boten.

Dieser Artikel stammt aus dem "Philosophie Magazin" Nr. 06/2017.

Hier liegt das erste Paradox Angela Merkels: Obwohl sie eine Vielzahl politischer Großentscheidungen traf, die besonders im eigenen Lager als kontrovers galten, besitzt sie in der bürgerlichen Mitte nach wie vor ein maximal unkontroverses Image. Einer der wesentlichen Gründe führt direkt zum zweiten Paradox Merkels: Es gelingt ihr stets, pragmatisch zu wirken, ohne im eigentlichen Sinne pragmatisch vorzugehen. Genauer gesagt: Merkel hat einen Regierungsstil kultiviert, von dem sich zwar nicht definitiv sagen lässt, dass er pragmatisch wäre, der aber dennoch immer die Möglichkeit bietet, dies zumindest zu unterstellen.

Worin, wenn überhaupt, besteht der allgemein unterstellte Pragmatismus Angela Merkels? Will man diese Frage konturiert beantworten, muss man zunächst eine ideologische Kontrastfolie auf legen, deren einstige Wirkmacht heute fast vollständig vergessen ist. Geliefert wurde sie von dem Philosophen und Bestsellerautor Hans Vaihinger. Der 1933 verstorbene Denker gehörte zu den ganz wenigen seiner Zunft, die in Deutschland die Philosophie des amerikanischen Pragmatismus adaptierten. Vaihinger legte 1911 sein damals extrem populäres und einflussreiches Hauptwerk Die Philosophie des Als Ob vor. Darin greift er – unausgesprochen – auf Impulse von William James zurück, insbesondere dessen Schrift Der Wille zum Glauben. In diesem 1898 erschienenen Essay argumentierte James, dass die Frage nach der Existenz Gottes eine sei, die ein vernünftiges Subjekt durch freie Selbstbestimmung im Sinne eines "Glaubens an" zu lösen habe. Konkret: Da wir nicht wissen können, ob Gott wirklich existiert, können wir nur so handeln, als ob dem so wäre.

Vaihingers nützliche Fiktionen

James vergleicht diese Situation mit der Entscheidung, die einem Menschen an einer Gabelung auf einem verschneiten Gebirgspass in höchster Lebensgefahr abverlangt wird: Da wir nicht wissen, welcher Pfad der rettende sein mag, können wir uns nur vollen Mutes für einen entscheiden, vorangehen und das Beste hoffen. Letzte, faktenbasierte Gründe für diese Entscheidung gibt es zwar nicht, doch muss sie eben getroffen werden. Bleibt man nämlich stehen, erfriert man: "Jeder muss handeln, wie er es für das Beste hält; und wenn er sich irrt, umso schlimmer für ihn! (...) Wir wissen nicht sicher, ob es überhaupt einen rechten Pfad gibt. Was sollen wir tun? Stark und guten Mutes sein! Zum Besten handeln, das Beste hoffen und nehmen, was kommt!"

Die erkenntnistheoretische Pointe dieser Situation lag nun im Folgenden: Erst die zunächst grundlose Annahme einer Gegebenheit versetzt uns in die Lage, gewisse Ziele zu erreichen, wobei sich dieser Sprung in den Glauben an die jeweilige Gegebenheit durch das Erreichen eines jeweiligen Ziels vollauf gerechtfertigt sehen mag.

Hans Vaihinger weitet diesen Gedanken nun zu einer durchaus lebensnahen Philosophie des Als-ob aus. Diese besagt, dass in einer gleichermaßen komplexen wie widerspruchsvollen Welt viele Grundannahmen unseres Handelns nicht als definitiv wahr angesehen werden können. Vielmehr seien Begriffe wie Gott, Seele oder Atom "nützliche Fiktionen", die einen lebenspraktischen Zweck erfüllen, weshalb man sie behandeln müsse, als ob sie wahr wären. Die Wahrheit von Annahmen ist dementsprechend nicht vorrangig objektiv, sondern pragmatisch fundiert: Sie richtet sich danach, ob sich diese Annahmen in all ihren lebensweltlichen Konsequenzen als praktisch zielführend erweisen oder nicht. Die Philosophie des Als-ob ist also der Versuch, alles Handeln danach auszurichten, welche Konsequenzen es hat, selbst dann, wenn wir es objektiv nicht wissen können.