Die Diskussion, die sich um den ZEIT-ONLINE-Artikel von Caroline Rosales in den sozialen Netzwerken entfacht hat, erinnert mich stark an die Diskussionen, die mir täglich bei meiner Arbeit als Politikwissenschaftlerin begegnen. Die Frage, ob die sogenannte bindungsorientierte Erziehung (attachment parenting) Eltern in die Selbstoptimierungsfalle treibt, ist eine durch und durch politische, ja fast schon ideologische Debatte. Es geht hier um nichts weniger als "Elternschaftspolitik", um es in meinen Fachjargon zu fassen.

Dass Elternschaft zu einem politischen Objekt geworden ist, dass "richtige" und "falsche" Wege der Kindererziehung und deren mögliche Beiträge zu einer besseren Welt (um nichts weniger geht es den VerfechterInnen des attachment parenting) heute Gegenstand erhitzter Diskussionen sind, ist zunächst einmal zu begrüßen. Lange waren Erziehungsmaßnahmen und deren potenziell verheerende Wirkungen auf die Entwicklung von Individuen und somit der Gesellschaft als Ganzem überhaupt kein Thema. Emotionale Vernachlässigung und Gewalt als Bestandteile erzieherischer Maßnahmen waren über Generationen hinweg völlig normal, Härte gegen Kinder wurde lange Zeit sogar von "guten Eltern" erwartet. Dass dies heute anders gesehen wird, ist nicht zuletzt ein Verdienst neuer Elternschaftsparadigmen wie des attachment parenting.

Attachment parenting (kurz: AP) geht zurück auf den amerikanischen Professor für Kinderheilkunde und Kinderarzt Dr. William Sears, der sein Paradigma der Elternschaft in zahlreichen in den 1990er Jahren erschienenen Büchern dargelegt hat. Das wichtigste Prinzip ist für ihn eine positive Bindung zwischen Kindern und Eltern. Kinder, die eine sichere Bindung erfahren haben, so seine Theorie, wachsen zu gesunden und emotional sicheren Individuen heran, die eine emotional gesunde Gesellschaft konstituieren. Um das zu erreichen ist laut Sears ein maximal responsives Verhalten der Eltern auf kindliche Bedürfnisse herzustellen (babyreading). Sein Handlungskanon besteht aus den berühmten sieben "Baby-B's":
1. Birth Bonding (also der sofortige Körper- und Augenkontakt zwischen Mutter und Kind), 2. Breastfeeding (bedarfsorientiertes Stillen), 3. Babywearing (möglichst häufiges Tragen des Kindes), 4. Bedsharing (gemeinsames Schlafen im Familienbett), 5. Belief in Baby’s Cries (das Ernstnehmen von Geschrei als Ausdruck eines Bedürfnisses), 6. Beware of Babytrainers (Ablehnung von Schlaftrainingprogrammen), sowie 7. Balance and Boundaries (Wahrung einer Balance aller Familienbedürfnisse und Beachtung eigener Grenzen).

Nicht die Theorie ist falsch, sondern der Mensch

Soviel zur Theorie. In ihrem Artikel schreibt Caroline Rosales von den Schwierigkeiten, die sie bei der praktischen Umsetzung dieses Programms erfahren hat. Bedarfsorientiertes (also im Grunde Dauer-)Stillen, oftmals beschwerliches Tragen und die Erweiterung des Elternbettes sind eben nicht immer glückserfüllte Erfahrungen, sondern fordern von Müttern wie Vätern oft einen hohen Tribut. Die Reaktion in der AP-Community folgte prompt und spiegelt die politische Dynamik dieser Debatte wider: Nicht AP sei das Problem, sondern die Autorin selbst – sie habe das Wesen von AP einfach nicht verstanden und sei selbst schuld, wenn sie es falsch auslege.

Diese Reaktionen gleichen den problematischen Argumentationsmustern, die häufig in politisch-ideologischen Diskursen auftauchen: Nicht die Ideologie ist falsch, sondern der Mensch, der sie (meist falsch) umsetzt. Ähnlich wurde in der Vergangenheit etwa das Scheitern des Sozialismus kommentiert. Das eigentliche Wesen des AP, so schrieben die meisten KommentatorInnen, bestehe in der Herstellung positiver Bindungen und der liebevollen Berücksichtigung der Bedürfnisse aller Familienmitglieder – nicht mehr und nicht weniger. Wie dies konkret praktisch umzusetzen sei, müsse jede Familie undogmatisch herausfinden. Wenn man dann nicht 100 Prozent der Searsschen Grundsätze umsetzen könne (Obacht: Unzulänglichkeit, ick hör dir trapsen), sei das ja auch ok.

Bis zur Unkenntlichkeit verwässert

Klingt entspannt. Doch die KommentatorInnen, die sich lediglich auf die abstrakte – bis zur Inhaltsleere gedehnten – Idee einer "Bindungsorientiertheit" berufen, machen es sich damit zu einfach. Denn genau hier liegt das Problem: Die Feststellung, dass positive Bindung und familiäre Bedürfnisbalance wichtig sind, ist so abstrakt, dass sie zu Widersprüchen und Missverständnissen geradezu einlädt. Zudem ist sie so unspezifisch, dass sie zur uferlosen Erweiterung dieser Programmatik geführt hat und das Paradigma des AP zum Teil bis zur Unkenntlichkeit verwässert und zu einer quasi-politischen Ideologie verzerrt hat.

Wie Caroline Rosales schreibt, finden sich junge Eltern – insbesondere gut gebildete in den Szenebezirken dieser Republik – realiter in einer Situation wieder, in denen das inzwischen zum Mainstream avancierte Paradigma des AP als politisches Programm gilt. Bei Nichterfüllung drohen bestenfalls einseitig hochgezogenen Augenbrauen, schlimmstenfalls offene Anfeindungen. Denn so unspezifisch und abstrakt wie die Kommentare auf den Artikel suggerieren mögen, ist das Paradigma des AP eigentlich gar nicht: Die Searsschen Grundsätze sind relativ konkret und lassen sich durchaus als klar umrissene Programmatik verstehen.