Verlassen zu sein und verlassen zu werden gehört zum Krieg. Das war schon immer so. Darauf werden sich alle einigen können, die sich schon vor uns Syrerinnen und Syrern in einen Bürgerkrieg, einen internationalen oder innerstaatlichen Krieg, einen Umsturz oder eine langwierige Revolution gestürzt haben.

Rabab Haider lebt in Damaskus und arbeitet als Übersetzerin, Kolumnistin und Schriftstellerin. Sie ist Mitglied des Syrian Women Network und Gastautorin von "10 nach 8". © privat

Wir Menschen lassen die, gegen die der Krieg entfacht wurde, im Stich, und unsere Verbündeten lassen uns im Stich. Die Kampfesethik verrät uns und wir verraten jegliche Moral, die in Friedenszeiten einmal herrschte. Männer lassen ihre Frauen und wir unsere Männer und Kinder im Stich. Wenn wir schließlich von der einen oder anderen Flut mitgerissen werden, verraten wir uns zu guter Letzt auch noch selbst.

Die Natur lassen wir auch im Stich, unser Kriegslärm ängstigt die Zugvögel. Sandflughuhn, Feldlerche, Drossel, Kasarka, Turteltaube und Bergkalanderlerche – sie alle werden dieses Jahr nicht in Syrien haltmachen. Wir verraten den Frühling und die jungen Blätter. Die herbstlichen Saatkörner finden keinen lebensfreundlichen Boden. Vielleicht verstecken sie sich im Kadaver eines Fuchses aus dem Osten der Syrischen Wüste. Wenige wissen, wie schön die Füchse der Ost-Ghuta sind, wie hübsch anzusehen, dass sie gefärbt sind wie mattes Gold und gern leichtsinnig mitten auf wenig begangenen Wegen stehen und Ausschau halten wie arglose und anmutige Wachhunde.

Die Natur wird uns verlassen, als hätte sie den Beistand der alten Götter erfleht, damit sie aus den Sagenbüchern erwachen: Der Regengott wird sich verhüllen und der Hüter der Sonne wird sie so nah an die Erde führen, dass diese zu sieden beginnt. Die Seuchen, die wir gesät haben, werden sich ausbreiten. Allgemein wird die Natur uns nicht mehr ertragen. Wir Verlassenen bleiben draußen. Die glücklichen Menschen aber, die kostbare Natur und die durchsichtige Hoffnung, die das Morgen umhüllte, verschwinden wie vom Wal geschluckt, demselben Wal, der auch den Propheten Jona verschlungen hielt – bis zu seiner Wiedergeburt zu dem Zeitpunkt, an dem das Leid der Erde vorbei war.

Hier und jetzt aber werden wir eine lange Kette bilden mit den goldenen Füchsen, den nicht mehr ziehenden Vögeln, den unzähmbaren Katzen, den streunenden Stadthunden, die den Leichen nicht nahekommen, und den wenigen übriggebliebenen, grauen Bäumen – all dem, was auf dieser Welt überflüssig ist.

Doch wir sind übereingekommen, nicht vom Leid des Krieges zu sprechen. Widmen wir uns stattdessen den menschlichen Fortschritten! Zu den positiven Aspekten des Krieges gehört die Erfahrung, wie flexibel, wandlungs- und entwicklungsfähig man ist. Man wird wieder erfinderisch:

So entdeckt man, dass eine Jeans kräftiger und ausdauernder brennt als zwei Liter Heizöl – das einem fehlt, weil es im Walbauch steckt. Natürlich muss man zwischendurch öfter den Kopf aus dem Fenster halten und ausgiebig Luft schnappen. Oder man kann die billige Edelstahlschüssel aus Mutters Küchenregal, die einem immer zuwider war – ohne dass je Hoffnung bestand, sie könnte zerbrechen oder verschwinden –, mit Ethanol befüllen, einen Docht aus dickem Baumwollstoff (einen Fetzen derselben alten Jeans) hineinstecken und ihn anzünden. Er wird länger leuchten als vier Kriegskerzen. Die mickrigen Kriegskerzen stinken nämlich und sind schnell niedergebrannt.