Deutschlands Publizisten empören sich darüber, dass sich Deutschlands Politiker nicht laut genug empören. Die Enttäuschung über einen ruhigen, gemäßigten, ja geradezu als langweilig empfundenen Wahlkampf hat zu einem Meinungskonsens geführt, der eigentlich paradox ist: In braver Einigkeit wird sich darüber aufgeregt, dass die Debattenkultur in Deutschland zu lahm, zu konsensuell, zu träge geworden sei. Stellvertretend erregte sich Jan Böhmermann in einem seiner letzten Podcasts von Fest & Flauschig über den Wahlkampf und die deutsche Konsenskultur, die letztlich die Demokratie gefährde. Seine Wutrede endete mit einem Aufruf zum Streit: "Ich will mich lieber streiten und fünf Tage lang ärgern, als gar nichts mehr zu fühlen. Sonst fangen die Menschen an, irre Sachen zu machen, sich etwa innerlich und intellektuell zu ritzen." 

Man kann sich aus guten Gründen ärgern über den leidenschaftslosen Wahlkampf von CDU und SPD. Den Furor der aufmüpfigen Bürger scheinen die beiden Parteien im Gebaren großkoalitionärer Einigkeit ersticken zu wollen. Medienschaffende hingegen wollen das Spektakel: Sie wollen mehr Streit, mehr Dissens, ein bisschen mehr Krawall. Die ausführliche Berichterstattung über die Ausbrüche der AfD bestätigt das medienökonomische Interesse an der Eskalation (und zeigt nebenbei, dass der Streit auf den Außenplätzen des Wahlkampfs durchaus existiert).

Doch bringt uns Streit wirklich weiter? Ist die verbale Fehde angesichts der schwierigen Lage des Landes im Jahr 2017 – und angesichts der rohen Wut, die Angela Merkel auf ostdeutschen Marktplätzen entgegenschlägt – wirklich besser als die konsensuelle Langeweile, die uns die beiden Volksparteien anbieten?

Vor zwei Jahren, als die Ankunft von mehr als einer Million Flüchtlingen das Land überraschte und die Pegida-Proteste an den braunen Urschlamm der deutschen Geschichte erinnerten, da hätte man sich die Zukunft der gesamten Bundesrepublik sehr leicht finsterwäldlerisch, ja geradezu diabolisch ausmalen können. Damals lautete die dystopische Prognose, Deutschland steuere ungebremst auf einen hochexplosiven, hässlichen Wahlkampf zu, auf eine Spaltung der Gesellschaft so wie in den USA, wo der gesellschaftliche Dissens 2016 tatsächlich zu einem der schmutzigsten Wahlkämpfe der amerikanischen Geschichte geführt hat – zur kampfeslustigen, aber eben auch sexistischen und triebgesteuerten Konfrontation zwischen Hillary Clinton und Donald Trump. So langweilig man den deutschen Wahlkampf auch finden mag: Ihn gegen den amerikanischen einzutauschen, das will wohl selbst der sensationslüsternste Journalist nicht.

Was nützt der Streit, wenn man einander nicht zuhört?

Und genau das ist das Paradoxe: Die gleichen Kommentatoren, die sich über die völlige Enthemmtheit der politischen Streitkultur in den USA empören (wie Jan Böhmermann), erregen sich nun über die zivilisierte Langeweile des politischen Diskurses in Deutschland. Den Spitzenkandidaten fehlt vielleicht der Mut zum Streit, doch Streit ist kein Wert an sich. Wenn er im Modus des blinden Furors ausgetragen wird, kann er den politischen Fortschritt für Jahrzehnte lähmen. Das zeigt beispielhaft die Unfähigkeit der amerikanischen Demokratie, den Dauerkonflikt zwischen Republikanern und Demokraten in produktive Bahnen zu lenken. Die Lust an der Verleumdung macht dort eine Kompromissfindung unmöglich.

Auch in Ländern wie Polen, wo der parlamentarische Dissens zum politischen Alltag gehört, hat die ungehemmte Streitlust eben nicht, wie es manche für Deutschland sich erhoffen, zu einer argumentativen Weiterentwicklung oder zumindest zu einem synthetischen Ausgleich der gesellschaftlichen Gegensätze geführt. Nein, der gelebte und offen zelebrierte Disput treibt Familien auseinander und steigert politische Widersprüche ins Extrem. Er erstickt jede demokratische Diskussion im Keim.

Die Gefahr besteht, dass sich auch hierzulande diese Art von destruktiver Debattenführung durchsetzt. Die Angriffslogik der AfD basiert ja insgeheim auf einer Streitkultur, die nicht im Interesse einer "Horizontverschmelzung" der Diskutanten (Hans-Georg Gadamer) betrieben wird, sondern im Interesse der puren Provokation. Alice Weidels inszenierte Flucht aus einer ZDF-Wahlsendung ist der Beweis für ihren Unwillen, die Meinung des politischen Gegners zu überdenken und Widersprüche zu ertragen. Was nützt also der Streit, wenn nicht mehr zugehört und die Position des Widerparts nicht reflektiert wird?