Beim Überfliegen des Pyramid Lake in Nevada zuckt ein einzelner Blitz durch die Wolkenmasse am Horizont. Das beryll-farbene Gewässer leuchtet für den Bruchteil einer Sekunde auf. Bei mir prägt sich ein Landschaftsbild ein, das wie mit einem Surrealismusfilter bearbeitet alle Farben und Formen in eine Spirale der Verschmelzung drapiert. Ich muss an das Gemälde Pyramid Lake von Max Ernst denken, das an den Ufern des Gewässers entstand. 

Wenig überrascht es mich jetzt, dass der Maler 1946 seine Vagabundreisen durch die USA in der Wüste von Nevada auf Stand-by gesetzt hatte. Damals legte er die Landschaft in surrealistischer Manier als eine Mirage des Unterbewussten aus, die zwischen den Felsenformationen und feenartigen Wasserspiegelungen eingefangen war. Heute ist sie eine instagramtaugliche Inszenierung. Eine gefälligere Einstimmung meiner Sinne auf das, was um die Ecke vom Pyramid Lake liegt, war nach diesem Moment jedenfalls schwer vorstellbar. Denn sensorisch verzerrend – so versprachen es die Bildermassen, die ich im Netz unter dem Stichwort Burning Man fand – soll es ohnehin sein. 

Enthusiastischer Wille

Der Pyramid Lake liegt etwa 60 Meilen nördlich von der Stadt Reno und somit auf halber Flugroute nach Black Rock City. Trotz ihres Namens ist Black Rock City nur bedingt eine Stadt. So wie auch Burning Man, seit 1990 die Daseinsform der temporäreren Gemeinde, wenig mit einem Festival zu tun hat. Jedes Jahr lassen sich nahezu 70.000 Besucher auf dem Gelände für eine Woche nieder. Die Besucherzahl mag niedriger als die vom Glastonbury Festival sein. Das Ausmaß an enthusiastischem Willen, der Burning Man entgegengebracht wird, erinnert jedoch vielmehr an Wallfahrtsorte wie Lourdes. Die Besucher bauen nicht nur selbst Camps mit Wohnmobilen und Zelten auf. Sie erproben alternative Lebensmodelle wie Gaben anstatt Geldhandel, halten Workshops zur Bewältigung von Septum-Piercing-Traumata ab oder veranstalten schlicht die Party ihres Lebens. Jede Nacht.

Ana Ofak ist freie Autorin. Seit ihrer Promotion in Kultur- und Medienwissenschaft an der Bauhaus-Universität in Weimar wechselt sie zwischen akademischen und journalistischen Institutionen. Ihre Texte erschienen bei "e-flux", "Art Agenda", "Witte de With" und "Zeitschrift für Medienwissenschaft". Sie ist Gastautorin von "10 nach 8". © M. Ofak

Auf dem Gelände gibt es kein Wasser, keinen Empfang, keinen Strom und keine Kanalisation, so dass die gesamte Versorgungsarchitektur von den Besuchern mitgebracht werden muss. Die Vorbereitungen dauern Monate. Wenn man sich entscheidet, eine Veranstaltung anzumelden oder an der Kunsterzeugungsschlacht von Burning Man mit seiner Art teilzunehmen, noch viel länger. Art, das sind gigantische Holzskulpturen und selbstgebastelte Fuhrwerke, deren Herstellung schnell zum Jahresinhalt werden kann. Eine Annäherung an Art sei hier über einen geschmackssicheren Umweg empfohlen, nämlich Henning Fehrs und Philipp Rührs Festival Sculptures von 2016. Mein Pilgern zum Black Rock City blieb jedenfalls ein einziger Antizipationsfluss, der in ein Wunder zu münden versprach.

Systemische Skurrilitäten

Aber auch Wunder müssen verwaltet werden. So unterhält die Black Rock City LLC, die gewinnorientierte Körperschaft hinter Burning Man, eine ausgefeilte Bürokratie: ein Genehmigungssystem für Camps, eine Personenmeldestelle, einen Notdienst und jene Black Rock Rangers, die für öffentliche Sicherheit und die Kanalisierung von unbehaglichem Benehmen unter Extrembedingungen zuständig sind. Als Polizei ohne Polizeibefugnisse spiegeln die Ranger die systemischen Skurrilitäten von Burning Man optimal wider. Sie können das Urinieren in freier Natur mit 175 Dollar ahnden, aber niemanden verhaften. Zugleich müssen sie zusehen, dass Teilnehmer piss clear bleiben: ein Ausdruck, der sich auf das Aushebeln der Balance zwischen Flüssigkeitszufuhr und Stoffwechselproduktabgabe in der Wüste bezieht. Dass dies alles die Besucher nichts kosten soll, wird ganz organisch beim Bezahlen der Tickets widerlegt. Diese sind innerhalb von Sekunden nach Verkaufsstart vergriffen. Es ist nicht unüblich, mehr als das Doppelte auf dem Schwarzmarkt zu zahlen, also etwa 1.000 Dollar pro Person. Und das nur für den Zutritt zum Gelände.

Im Grunde basiert die Idee von Burning Man auf einer Ausweitung sozialbekömmlicher Grenzen der Fürsorge. Und der Sorge um das Dabeisein. Alle sind für alle da, während jeder zuguckt, dass er allein zurechtkommt. Ich bin schnell geneigt, die Burnerphilosophie für eine paradoxe Form von Altruismus zu halten, die nur gepaart mit Egoismus funktionstüchtig bleibt. Fragt sich, worin da die Fürsorge verankert ist? Die paraökonomischen Grundpfeiler von Burning Man schlagen vor: in der Freiwilligenarbeit, Selbstversorgung, radikalen Outdoor-Ethik und geldlosen Ökonomie. Mit anderen Worten steuern Burner Mehrwerte zugunsten der Erlangung andere Mehrwerte bei. Geld geht in der Gabe auf, Lebensstandards in Überlebenstaktiken, Naturschutz in extremen Naturabenteuern und Zeit im Zeitvertreib. Statt des Lebens versucht man sich im übertragenen Sinne im Überleben.

Aber wer kann sich diesen Mehrwerte-für-Mehrwerte-Betrieb leisten? Klar gibt es die realexistierende Masse an Gegenkulturenthusiasten, die bei Minimalkomfort für eine Woche waschechte Nächstenliebe praktiziert. Doch scheint sich Burning Man immer mehr um die ein Prozent zu drehen. Letztes Jahr landete ein Privatjet auf dem Flugplatz von Black Rock City. Ein solches Display an Reichtum ist schwer zu ignorieren. Spätestens ab diesem Zeitpunkt verschoben sich die Standards dessen, was ich gerade Überleben genannt habe: Sie wurden schneller, höher und um die Komponente der totalen Ausdehnung von Machbarkeit erweitert. Ein Beispiel ist der Stromverbrauch. Wo früher eine Klimaanlage für Hochverrat gehalten wurde, zuckt heute keiner mit der Wimper beim Anblick von 500-Liter-Kühlschränken und klimatisierten Kostümschleppern.