Deniz wollte immer wissen, was sich außerhalb der hysterisch diskutierten Themen als politischer Zündstoff – gewissermaßen im Hinterland der Öffentlichkeit – noch verbirgt. Er hat in seinen Texten die Konfliktlinien des Landes markiert, die Situation der Minderheiten beschrieben, die Menschenrechtslage eingeordnet, wirtschaftliche Zusammenhänge aufgezeigt.

In diesem Sinne sollten auch wir Autoren, Schriftsteller, Journalisten, Berichterstatter uns nicht von den Themenstellungen der Regierungen treiben lassen.

Wir sollten uns nicht ablenken lassen, sondern unsere Aufmerksamkeit darauf richten, was unterhalb der offiziellen politischen Agenda brodelt.

Wir sollten aufhören, uns über jede Unverschämtheit, die der türkische König im karierten Jackett in einer Tour abfeuert, aufzuregen.

Wir sollten kurz innehalten und aufhören, uns den Kopf darüber zu zerbrechen, ob die EU-Beitrittsverhandlungen mit der Türkei gestoppt oder weitergeführt werden, ob vermeintliche Putschisten und Anhänger der islamischen Gülen-Sekte in Deutschland politisches Asyl bekommen oder nicht, wer wann zu Wahlkampfzwecken wo auftreten darf.

Mit diesen Themensetzungen sollen wir nämlich beschäftigt sein und nicht sehen, was sich innerpolitisch in der Türkei noch abspielt.

Seit dem 24. Juli 2016, also neun Tage nach dem vermeintlichen Putschversuch, haben die türkische Luftwaffe und die Armee bis zum heutigen Tag in wenigstens neun Städten und Stadtteilen im Südosten der Türkei Angriffe durchgeführt. Die betroffenen Städte heißen:

Varto, Surici, Cizre, Silopiya, İdil, Dargeçit, Dêrike, Nusaybin, Yüksekova und Şırnak.

Die Bevölkerung wird zermürbt und vertrieben. Ausgangssperren werden verhängt, sodass das Kleinvieh nicht versorgt werden kann und den Menschen damit die Lebensgrundlage genommen. Wälder werden angezündet. Frauen, Männer und Kinder verschwinden in Haftanstalten, sie werden misshandelt.

Kollegen wie Deniz, Meşale, Peter können nicht mehr mit eigenen Augen sehen, beobachten, schreiben. Ausländische Agenturen und Kollegen sind, wenn überhaupt, nur noch in westtürkischen Städten wie Istanbul oder Ankara.

Selbst Organisationen wie die Unesco, die den Stadtteil Surici, die Altstadt von Diyarbakır, zum Weltkulturerbe erklärten, äußern sich zurückhaltend zu den Zerstörungen. Sämtliche Kultstätten, Kirchen, Synagogen, Karawansereien, die Auskunft gaben über die Geschichte der Kulturen, ihrer Sprachen und Religionsvielfalt von den Assyrern über die Armenier bis hin zu den Kurden, sind in einem Zeitraum von wenigen Wochen vernichtet worden. Die 3.000 Jahre alten Hevsel-Gärten, die die Menschen bis zum Jahr 2015 in Diyarbakır mit Obst und Gemüse aus dem Wasser des Tigris-Tals versorgten, alles ist zerstört.

Auch Deniz lief durch diese damals noch unzerstörten Täler und Gassen und war von der Geschichte Ostanatoliens fasziniert.

Die Türkei nennt die Angriffe "Operationen", tatsächlich handelt es sich um eine Politik der Auslöschung und Ausbeutung. Die Wurmfortsätze der türkischen Regierung, die ein undurchsichtiges Geflecht aus Organisationen und Parteien hier in Deutschland gegründet haben, sind extrem erfolgreich damit, den Diskurs in jeder deutschen Talkshow politisch zu infiltrieren. Sie kommen dafür im Wesentlichen mit zwei Begriffen aus. Putschist oder Terrorist.

Man fragt sich, welche Gefahren gingen von der armenischen Kirche Surp Giragos aus, und welche von der Zitadelle, die 7.000 Jahre sämtlichen Kriegen und Zeitläuften standhielt?

Menschen, Tiere, Steine wurden planiert, zum wiederholten Mal in der Türkei wird neu kartografiert.

An ihrer Stelle sind islamische Moscheen geplant, die Bewohner enteignet, hier soll Zeugenschaft zum Verstummen gebracht, Geschichte und Identitäten gewaltsam negiert werden. Die Landstriche werden unter Firmen aufgeteilt, die, wenn man ihre Spur zurückverfolgt, allzu oft bei Mitgliedern oder Angehörigen der türkischen Regierung enden.

Darauf müssen wir uns konzentrieren. Wer verdient wann woran?

Wir sollten recherchieren, in welcher Form die Bundesrepublik Deutschland zum Beispiel am Krieg gegen die Bevölkerung im Osten der Türkei wirtschaftspolitisch und finanziell direkt beteiligt ist.