Das utopische Denken hat gerade keine Hochkonjunktur. Eine der wenigen noch verbreiteten Utopien ist jedoch der Glaube an den technischen Fortschritt. Und wie das Silicon Valley eindrucksvoll zeigt, bringt der nicht nur die Fantasie in Wallung, sondern ist zugleich hoch lukrativ. So bot die Digitalisierung beste Voraussetzungen, eine angeschlagene liberale Partei mit einem neuen Narrativ zu versorgen. Die FDP nutzt offensiv diesen exotisch anmutenden Vibe der amerikanischen Westküste, um ihren traditionellen Wirtschaftsliberalismus in neuem Glanz erstrahlen zu lassen.

Die Plakate der FDP sind im Gegensatz zur farblosen Konkurrenz markant. Die leuchtenden Farben und die breiten Textbalken wirken modern und selbstbewusst, sind durch und durch Pop. Zusammengehalten wird das Ganze von schwarz-weißen Porträtfotos des Testimonials Christian Lindner. Die Ästhetik der Modefotografie konsequent ausspielend, ist seine Inszenierung mit Versatzstücken von Emmanuel Macron (jung, liberal, alternativ, fortschrittlich) so perfekt durchkomponiert wie durchschaubar. Der Auftritt wirkt bereits zwei Jahre nach dem Relaunch der Partei trotz seiner Schrillheit geradezu vertraut, neue Inhalte gibt es schließlich kaum.

Auf einem Wahlplakat sieht man den Spitzenkandidaten in sein Smartphone versunken, die weißen Kopfhörerkabel umspielen sein Haupt, und in Magenta auf Gelb brüllt es einem entgegen: "Digital First. Bedenken Second." Wer im Jahr 2017 glaubt, dass blinde Digitalisierung einem Selbstzweck gleich erstrebenswert sei, hat das Bedenken tatsächlich hintangestellt. Irgendetwas oder irgendwen unhinterfragt an erste Stelle ("… first") zu setzen, ist ja nicht gerade ein Beweis für reflektiertes Denken, wie die Nachrichten aus der neuen Welt einem beinahe täglich vor Augen führen. Und Bedenken haben ja noch immer einen recht guten Ruf, warum sollen sie sich nun hintanstellen? Das Motto der Kampagne, etwas kleiner darunter gesetzt, gibt hier genauer Auskunft und erinnert an einen früheren Claim von Apple: "Denken wir neu." Um in die segensreiche Zukunft zu segeln, bedarf es demnach eines neuen Denkens, dass sich voller Begeisterung in die technische Entwicklung und wirtschaftliche Liberalisierung stürzt. Vom bräsigen Abwägen, einer Eigenheit der ungeupdateten Konkurrenten, gelte es durch ungebremsten Fortschrittsoptimismus Abstand zu nehmen.

Eine Parole des Status quo

Wird die Politik nicht von den technologischen Neuerungen stetig überfordert? Erleben wir nicht seit Jahren eine Digitalisierung nahezu aller Lebensbereiche, ohne dass Regierungen regulieren und Nutzer ihre neuen Gadgets, Accounts und Softwareanwendungen überlegt nutzen? In dieser Hinsicht wird das "Digital first" zu einer Parole des Status quo und unterläuft die eigene revolutionäre Aufführung.

Unbestritten gehört die Digitalisierung zu einer der größten gesellschaftlichen Herausforderungen dieses Jahrhunderts. Die Frage ist jedoch: Unter welchen Prämissen wird versucht, sie zu gestalten? Christian Lindner optiert für eine wirtschaftsliberale Gesellschaft, in der beschleunigte Digitalisierung weitere ökonomische Kräfte freisetzt, was letztlich allen, die sich anstrengen, auch zugute käme. Die leidenschaftliche Beschwörung einer liberalen Digitalisierung spielt mit dem derzeitigen Sehnsuchtsort einer nicht verwalteten, sondern gestalteten Zukunft: das technisch-kreative und gesunde Silicon Valley statt des sich selbst verbrauchenden Hollywoods.

Der Preis für Lindners Angebot der Gestaltung nach Jahren der politischen Fahrt auf Sicht liegt im "Bedenken Second". Dazu passt auch der großflächig plakatierte Sinnspruch "Ungeduld ist auch eine Tugend", der die Macherqualitäten Lindners unterstreichen soll. Dieser wünscht sich das deutsche Silicon Valley, am besten gleich viele davon, und verkennt dabei die dort einzigartige Situation. Die Westküste Amerikas ist nicht das Sauerland. Zugleich werden  die sozialen Verwerfungen unterschlagen, die eine ungehemmte Digitalwirtschaft produziert.

Hier wird der jugendlich-kreative Fortschrittsglaube aus dem Silicon Valley in griffige Slogans übersetzt, ohne die nicht nur schlechten Erfahrungen mit der sozialen Marktwirtschaft mitzudenken. In diesem Vertrauen auf die ökonomische Vernunft ähnelt die FDP 2.0 ihrer Vorgängerin. Die Digitalisierung wird zur mythisch aufgeladenen Worthülse, um eine kaum veränderte Agenda in neuem Glanze zu präsentieren. In den Worten der Experten: Rebranding.

Das Spiel mit Elementen der modernen Traumfabrik wird letztlich Makulatur, wenn es auf die bundesrepublikanische Realität und etwaige Koalitionsverhandlungen trifft. Die FDP bildet mit ihrer Ansprache an urbane, jugendlich-sportive Akademiker mit Technikaffinität das perfekte Gegenstück zur Kanzlerpartei mit ihrer patriotischen Kampagne für Saturierte und Halbentschlossene und verkennt ganz bewusst, dass Regieren sich signifikant vom Management eines Start-ups unterscheidet.