Ist auch schon ein bissl her, aber die Erinnerung ist taufrisch. Am 30. Juni war das. Ich saß mit einer Bekannten beim Feierabendgetränk in Berlins frühsommerlich gestimmter Mitte. Am Vormittag hatte der Bundestag die Ehe für alle beschlossen, im Parlament war Konfetti geflogen. Jetzt, am Abend, tranken wir Wein.

Über dem Regierungsviertel, das ja im Allgemeinen den Charme eines Leitz-Ordners versprüht, lag ein klitzekleines Sirren: Die sogenannte Homo-Ehe würde ein Recht werden. Dinge konnten sich also tatsächlich ändern. Ich fühlte mich, das weiß ich noch genau, beschwingt. Und in jenem Maße glücklich, wie Politik einen Menschen ganz, ganz selten glücklich machen kann.

Meine Bekannte lauschte geduldig meinem euphorischen Gequatsche. Sie selbst, mit einer Frau zusammen, freute sich auch, das schon. Was sie jedoch gerade nicht ganz raffte, war, wieso eine mittelalte Hetera, verheiratet seit quasi immer und also ausgestattet mit sämtlichen Steuerprivilegien, die Ehe für andere so dermaßen feierte. "Was geht dich das eigentlich an", unterbrach sie mich also, "könnte dir doch egal sein."

Anja Maier, Jahrgang 1965, ist "taz"-Journalistin, hat mehrere Bücher veröffentlicht und ist Gastautorin von "10 nach 8". © privat

Ihrer Frage, das spürte ich, wohnte ein gewisses Misstrauen inne. Hübschte da eine ihre Gefühlslage auf, indem sie das von anderen erkämpfte Recht pünktlich am Tag des Gelingens zu ihrem eigenen Anliegen machte? Ich dachte kurz über eine Antwort nach, sah sie an und sagte dann: "Na ja, equality?!" Und damit war im Grunde alles geklärt zwischen uns.

Equality, Gleichheit war es doch, um die es bei der Ehe für alle gegangen war. Mit dem 30. Juni war das drückende Wissen um die Ungleichheit von Männern, die Männer, und Frauen, die Frauen heiraten wollen, verschwunden. Einfach weg. Dass jemand anderes nicht dieselben Rechte und Möglichkeiten hat, die man qua sexueller Orientierung oder Prägung ganz selbstverständlich eingeräumt bekommen hat – das ist ja grundsätzlich ein ungutes, ein drückendes Gefühl. Es ist wie in einer Beziehung: Wenn von zweien einer ein Problem hat, haben doch beide das Problem. Da hilft nur: gemeinsam was verändern.

Warum ist das überhaupt noch ein Thema?

Daran, an die Sache mit dem Problem des einen und dem Gefühl des anderen, musste ich denken, als ich im aktuellen Spiegel den Text Lücke im Gesetz las. Sieben Journalistinnen, ausschließlich Frauen, gehen darin der Frage nach, warum das Thema Lohnungleichheit zwischen Männern und Frauen nicht längst abgeräumt ist. Warum der Gender-Pay-Gap im Wahljahr 2017 ein Thema ist, über das überhaupt noch geredet werden muss. Müsste es sich da nicht verhalten wie bei der Ehe für alle? Equality?!

Laut Statistischem Bundesamt bekommen Frauen in diesem Land für dieselben Tätigkeiten durchschnittlich sechs Prozent weniger Gehalt als ihre männlichen Kollegen. Auf absurde 21 Prozent kommen die StatistikerInnen gar, wenn sie hinzurechnen, dass mehr Frauen die wichtigen – aber eben leider, leider schlechter bezahlten – Jobs machen. Also Bildung und Pflege, was ja im Klartext heißt: allein acht Stunden lang sechs Kleinkinder betreuen. Oder im Akkord PatientInnen die Windeln wechseln und dabei ein mitfühlender Mensch sein. Steht, etwas netter ausgedrückt, im aktuellen Gleichstellungsbe

… äh, hallo! Kleinen Moment bitte noch! Bevor Sie sich aus diesem Text verabschieden: Macht keinen Spaß, von diesem Gender-Pay-Quatsch zu lesen, oder? Fühlt sich einfach nicht so gut an. Für Frauen, weil sie in dieser Geschichte Opfer sind. Für Männer, weil sie persönlich dafür jetzt auch nix können.

Stimmt. Aber für die Ehe für alle zu sein, sich also auch öffentlich oder am Tisch der CSU wählenden Schwiegereltern dafür einzusetzen, gehörte in den vergangenen Jahren schlicht zum guten Ton. "Homo-Ehe? Aber so was von fällig!" Meine Frage: Wann genau wäre jetzt mal diese Lohnungleichheit fällig? Rechnen wir da in Legislaturen? In Jahrzehnten? Generationen? Zur Einordnung: Weniger Geld auf dem Konto haben Frauen Monat für Monat. Da käme die Solidarität der Männer spätestens ab jetzt gerade recht.