Die Angriffe gegen die Gender-Studies kommen von ganz unterschiedlichen Seiten. Oft widersprechen sich die Vorwürfe sogar gegenseitig. Rechtspopulisten und Maskulinisten werfen dem Fach vor, eine feministische Agenda zu betreiben, also nicht wissenschaftlich objektiv zu sein, sondern eine Ideologie zu verfolgen. Andere beschuldigen die Gender-Theoretikerinnen, nicht feministisch genug zu sein, sondern sich in akademischen Spitzfindigkeiten zu verheddern und die wirklichen Anliegen von Frauen aus dem Blick zu verlieren. Beide Argumente stehen einander zwar diametral entgegen, können im konkreten Fall aber Hand in Hand gehen.

Antje Schrupp ist Politikwissenschaftlerin, Journalistin und Publizistin. Sie beschäftigt sich vor allem mit der politischen Ideengeschichte von Frauen. Sie ist Gastautorin von "10 nach 8". © Laurent Burst

Manche Einwände gegen die Gender-Studies sind bloße Polemik, wie zum Beispiel der Vorwurf, es würden zu viele unverständliche Fremdworte benutzt. Die Verwendung von Fremdworten ist ja weitgehend Usus an den Universitäten. Warum wird bei den Gender-Studies kritisiert, was sonst als Ausweis von Differenziertheit und Belesenheit gilt? Es ist ganz normal, dass akademische Themen übersetzt und vermittelt werden müssen, wenn sie einem breiten Publikum nahegebracht werden sollen. Das kann man bedauern oder falsch finden, mit den Gender-Studies im Speziellen hat es nichts zu tun.

Für eine solche Vermittlung gibt es üblicherweise wissenschaftliche Fachjournalistinnen und -journalisten. Sie klären uns in Grafiken und verständlicher Sprache darüber auf, welche astronomischen Kräfte bei einer Sonnenfinsternis wirken, welche physikalischen Gesetze dazu geführt haben, dass irgendwo eine Brücke eingestürzt ist, oder sie erläutern uns die Besonderheiten der chinesischen Kultur, wenn die Bundeskanzlerin dort auf Staatsbesuch ist. Nur die Erkenntnisse der Gender-Studies, die erklärt uns niemand. Ein Experte, der neueste Studien zu Männlichkeitsbildern vorstellt, wenn sich irgendwo Vergewaltigungen häufen? Eine Sondersendung über das Zusammenwirken von Sexismus und Rassismus, wenn der niedrige Bildungsgrad bestimmter Bevölkerungsgruppen auffällt? Sucht man vergeblich.

Möglicherweise liegt das sogar ein Stück weit in der Natur der Sache: Gender-Studies betreffen uns viel direkter als andere akademische Fächer. Sie erforschen nämlich nicht Phänomene, die in unserem Alltag kaum eine Rolle spielen – das Weltall, Brückenstatik, China – sondern das, was wir alle ständig tun: Geschlecht darstellen, Geschlechterbilder konstruieren oder untergraben, "doing gender" eben. Die Gender-Studies erforschen uns. Vielleicht meinen wir deshalb, wir hätten dabei ein Wörtchen mitzureden und wüssten sowieso viel besser, was Sache ist, als irgendwelche "Expert*innen".

Zumal wenn die Ergebnisse ihrer Forschung unserem Ego wenig schmeicheln. Da kommt etwa heraus, dass vieles von dem, was wir unserem eigenen freien Willen zuschreiben, in Wirklichkeit das Nachplappern uralter Stereotype ist. Dass all das dumme Gender-Getue von uns selbst gemacht ist, dass wir also selbst die Verantwortung dafür tragen, anstatt es auf den lieben Gott oder die Evolution schieben zu können.

Am Vorwurf der Unwissenschaftlichkeit gegenüber den Gender-Studies wird deutlich, wie stark auch in unserer Kultur, die doch so stolz auf ihren Rationalismus ist, die Widerstände dagegen sind, sich von wissenschaftlicher Forschung von Vorurteilen abbringen zu lassen. Da mögen Myriaden von Studien mehr oder weniger zu dem Ergebnis kommen, dass es in der typischen Unternehmens- und Organisationskultur starke Verzerrungen in der Wahrnehmung von Frauen und Männern gibt und dass deshalb Männer strukturell bevorzugt werden und Frauen weniger Chancen haben: Die meisten Menschen sind trotzdem der felsenfesten Überzeugung, sie behandelten Frauen und Männer objektiv und unparteiisch gleich. Was sind schon wissenschaftliche Beweise gegen einen tiefen Glauben? Nichts. Daran hat sich seit den Zeiten Galileos leider nicht viel geändert.

Etwas anders gelagert ist der Vorwurf, die Gender-Studies seien nicht feministisch genug, sondern theoretisch abgehoben und verlören die Parteilichkeit für die Anliegen von Frauen aus den Augen. Dieser Vorwurf ist verständlich und oft auch zutreffend. Aber er richtet sich an die falsche Adresse: Wissenschaftlerinnen, die von Universitäten bezahlt werden, können ganz zu Recht keine vorab festgelegte politische Agenda verfolgen, auch keine "gute". Sie müssen und sollen unvoreingenommen und ergebnisoffen forschen. Ob ihnen das immer gelingt, ist eine andere Frage, aber man kann ihnen auf keinen Fall vorwerfen, dass sie es tun.

"Gender" hat niemandem geholfen

Wer hier Selbstkritik üben müsste, das ist die Frauenbewegung. Es war in den 1990er Jahren eine Strategie vieler (nicht aller) Feministinnen, den Bezug auf "Frauen" aufzugeben und stattdessen mehr und mehr von "Gender" zu sprechen. Nicht mehr Frauenforschung zu betreiben, sondern "Gender-Forschung". Nicht mehr weibliche Politik machen zu wollen, sondern "geschlechtergerechte" Politik. Sie verbanden damit die Hoffnung, den Feminismus aus seiner Nische zu holen und in den Mainstream zu bringen. Sie hofften, so mehr Männer anzusprechen und zu gewinnen, denn die wollten sich partout nicht für das interessieren, was Feministinnen sagten und dachten. Vielleicht würde sich das ändern, wenn nicht mehr "Frau", sondern "Gender" das Thema wäre? Würden sie sich dann vielleicht "mitgemeint" fühlen?

Nette Idee, aber der Versuch ist im Großen und Ganzen gescheitert. Der Fokus auf "Gender" hat die Akzeptanzprobleme des Feminismus keineswegs gelöst. Die allermeisten Männer interessieren sich für "Gender-Kram" ganz genauso wenig wie für "Frauenkram" – auch wenn es natürlich Ausnahmen gibt (und gar nicht mal so wenige), gerade unter jüngeren Männern.

Ein kleiner Erfolg mag also zu verbuchen sein, aber der Feminismus hat einen viel zu hohen Preis für die vermeintliche Einbeziehung aller Geschlechter in seine politische Agenda bezahlen müssen. Im Zuge dieses Paradigmenwechsels wurden Frauen nämlich von Subjekten des Handelns zu Objekten des Erforschtwerdens. "Frauenforschung" hatte sich noch dafür interessiert, was Frauen taten und sagten. "Gender-Forschung" hingegen erforscht, was über Geschlecht gesagt wird. "Frauenbeauftragte" versuchten, der weiblichen Perspektive und den Wünschen von Frauen in traditionell männlich dominierten Institutionen Gehör zu verschaffen. "Gleichstellungsbeauftragte" messen Frauen wieder am Maßstab von Männern oder zumindest an dem von Geschlechtlichkeit. Der Fokus auf "Gender" hat dazu geführt, dass der Aspekt des Gender-Seins überdimensional aufgeblasen wurde, während die Originalität einzelner Frauen in den Hintergrund gedrängt wurde. In krassen Fällen hatte er sogar zur Folge, dass Gleichstellungsbeauftragte (m/w) die Interessen von Männern gegen den Willen und die Interessen von Frauen durchsetzen. Wenn Männerrechtler die Logik der Gleichstellung für ihre Interessen kapern, ist das nur folgerichtig.

Wenn das Wort "Frauen" durch " Gender" oder "Geschlecht" ersetzt wird, geht es eben nicht mehr um Frauen als solche, sondern um Frauen in Beziehung zu den anderen Geschlechtern. Der Feminismus hatte aber eigentlich das Projekt verfolgt, Frauen gerade vom männlichen Maßstab zu befreien. Das geht mit "Gender" nicht, schon rein logisch nicht. Das ist auch nicht schlimm, man muss es aber wissen. Gender-Studies können zum Beispiel erforschen, wie der Zusammenhang von Gleichstellungsrhetorik und Männerlobbyismus funktioniert. Es ist auch für Feministinnen nützlich, kompetente und wissenschaftlich abgesicherte Erkenntnisse darüber zu haben, wie Geschlechterkonzepte entstehen, welche Einzelaspekte es dabei zu beachten gilt, wie Natur und Kultur und Technik dabei zusammenspielen et cetera et cetera.

Nur: Eine solche Forschung hat mit Feminismus nichts zu tun. Gender-Forscherinnen können feministisch sein oder auch nicht, genauso wie Physikerinnen oder Sinologinnen feministisch sein können oder nicht. Sie sind es aber nicht qua Fach.

Gender-Studies denken über die Bedeutung von Sex und Gender nach und erforschen alles, was damit zusammenhängt. Feministinnen tun das nicht, oder jedenfalls nicht mehr, als sie auch über alles andere auf dieser Welt nachdenken und es erforschen, von Geschichte über Atomphysik bis zum Wohnungsbau. Für Feministinnen ist das Frausein nämlich keine Problemstellung, kein "Thema", sondern eine Tatsache, ein Ausgangspunkt. Frauen müssen niemandem erklären oder beweisen, dass es Frauen gibt oder was das sein soll, sie sind es einfach. Sie müssen das Frausein nicht definieren, sie können es einfach "machen", und zwar immer wieder neu. Was den Gender-Forscherinnen dann wiederum immer wieder neue Phänomene zum Erforschen gibt.

Feministinsein heißt nicht, über Gender nachzudenken, sondern sich dafür zu engagieren, dass Frauen mit ihren eigenen Wünschen in der Welt und in der Politik präsent sind. Dafür zu sorgen, dass Frauen sich in die Gesellschaft nach ihren eigenen Maßstäben einbringen können, ohne sich an den Vorgaben von Männern (oder anderer Geschlechter) messen lassen zu müssen. Feminismus bedeutet, dass Frauen sich und ihren Anliegen Gehör verschaffen.

Gender-Studies können bei solchem feministischen Engagement helfen, und sie tun das auch oft. Aber weder können sie den Feminismus ersetzen, noch sind sie ihm verpflichtet. Feminismus ist keine Wissenschaft. Es ist eine politische Bewegung.