Ein Augustsonntag am Atlantik. Die Franzosen haben Ferien, sie rotten sich an ihren Küsten zusammen. Handtuch reiht sich an Handtuch, der Eisverkäufer hat es schwer mit seinem Wagen. Auf der Parzelle neben mir kämpft ein Vater mit dem Wurfzelt, während die Mutter den kleinen Camille zusammenfaltet, der sich nicht von seiner Sandburg trennen will. Dabei erhebt sich ihre Stimme kaum über das allgemeine Dezibelniveau – das Murmeln einer von der Sonne durchwärmten, vom Rauschen des Meeres weichgespülten Freizeitmenge.

Sabine Horst lebt in Frankfurt, hat als Kulturjournalistin unter anderem für die "Frankfurter Rundschau" gearbeitet und ist seit 2002 Redakteurin bei "epd Film". Nebenbei schreibt sie für DIE ZEIT, "chrismon.de" oder den "Tagesspiegel" über Kino, Fernsehen und alltagskulturelle Themen. Sie ist Gastautorin von "10 nach 8". © privat

Die jugendlichen Nerds, die im Morgengrauen auf die Kölner Messe zuströmen, sind dagegen hellwach. Es wird noch Stunden dauern, bis die Computerspielmesse Gamescom öffnet. Macht aber nichts. Die Leute siedeln vor den Eingängen, packen Campingstühle aus, spielen Sitzvolleyball. Wenn einer aus der Schlange ausschert, um ein Brötchen zu holen, halten sie den Platz frei.

Der Satz "hier ist es zu voll" hat mir noch nie eingeleuchtet. In dem Moment, in dem man ihn sagt, steht man schließlich selbst im Stau zwischen Freiburg und Basel oder zwischen Engländern und Chinesen auf der Prager Karlsbrücke. Wir werden immer mehr, und alle wollen dahin, wo es schön ist, wo etwas geboten wird. Sicherlich sind das oft Destinationen und Events, die von Zeitschriften, Feuilletons und Reiseveranstaltern hochgejazzt werden. Andererseits ist es aber auch verständlich, dass man mal in einer Stadt wie Venedig gewesen sein will, in der das Licht und die Geräusche ganz anders sind, weil keine Autos fahren. Dass man die Pyramiden, Monets Seerosen oder Depeche Mode "in echt" erleben will – jeder hat doch so seine Sehnsüchte.

Das Phänomen Freizeitmasse gab es schon bei den Römern – die wussten, wie man Brot und Spiele organisiert, im Colosseum konnten 50.000 Zuschauer über 8o Eingänge direkt zu ihren Plätzen gehen. Heute ist längst immer und überall Circus: Die Gamescom hat zuletzt 350.000 Besucher gemeldet, das Oktoberfest zieht regelmäßig zwischen 5 und 6 Millionen an, in den Louvre, das bestbesuchte Museum der Welt, strömen täglich um die 25.000 Menschen. Die meisten dieser Veranstaltungen gehen reibungslos über die Bühne. Trotzdem hat die Masse einen zweifelhaften Ruf.

Am Anfang die Massen

Und dabei muss man gar nicht an die formierten, militarisierten faschistischen Mobs denken, von denen Massentheorien wie die von Elias Canetti oder Klaus Theweleit abgeleitet sind. Auch das Freizeitverhalten der zivilen Menge in der kapitalistischen Ökonomie war früh unter Verdacht geraten. Schon der Stummfilm fand emblematische Bilder für das Verhältnis von Individuum und Masse, die Verflechtung von Arbeit und Amüsement in der Moderne. King Vidors The Crowd von 1929 etwa passte das Drama eines kleinen Angestelltenlebens in zwei berühmt gewordene Sequenzen ein: am Anfang die Massen, die in die himmelhoch getürmten Büroetagen Manhattans strömen, am Ende, fast surreal, eine Zuschauermenge im Kino, Hunderte, die wie ferngesteuert über denselben Witz lachen – so viel schon damals zur Herrschaft der Kulturindustrie.

15 Jahre später, als Horkheimer und Adorno die "Aufklärung als Massenbetrug" beschrieben, folgte jede Freizeitverrichtung dem Takt der Fließbandfertigung, zeugte jeder Disney-Comic vom Tod des Subjekts. Lücken schien es in diesem System nicht zu geben. Hätte Adorno Feierabendtipps ausgegeben, dann wären sie wohl in die Richtung gegangen: zu Hause bleiben, Kafka lesen und Schönberg hören. Wenn wir uns heute aufs Sofa zurückziehen, wartet da aber schon Netflix, und die Stimmen der Vielen twittern um uns – die neuen Medien machen es dem Einzelnen noch schwerer, dem Massenschicksal zu entrinnen.

Also doch lieber rausgehen? Die Entfremdung für sich selbst auf die Spitze treiben, das Ego an der Garderobe abgeben und sich unter die Marionetten der Vergnügungskonzerne, die Konsumopfer, Pauschaltouristen und enthemmten Oktoberfesttrinker reihen? Auf der Wiesn bin ich nie gewesen, hat sich nicht ergeben; Rummelplätze, Freizeitparks, Conventions, Mega-Ausstellungen und "bestbesuchte" Sightseeing-Attraktionen jedoch ziehen mich magisch an. Wenn ich irgendwo neu bin, folge ich den Ausflugsbussen, wenn es Popcorn gibt, muss ich es haben, und wenn ich in einen Massenstau gerate, überkommt mich ein wunderbares Gefühl der Entschleunigung – danke, dass ihr mich ausbremst.