Es ist eigentlich ein Kinderspiel: Stehen sich zwei gegenüber. Wer zuerst lacht, hat verloren. Wer ernst bleibt, hat gewonnen. Nun ist es so: Mit Hazel Brugger möchte man dieses Spiel nicht spielen. Weil ihr Gesicht scheinbar einfrieren kann, eine busterkeatonhafte Duldungsstarre im Angesicht des Irrsinns, den die Welt einem so vor die Füße kippt. Die Schweizerin würde vermutlich immer gewinnen.

Mit diesem Gesicht steht Hazel Brugger seit einiger Zeit auf deutschsprachigen Kabarett- und Comedybühnen und erzählt vom Tod, von Hunden, von Schwangeren, während das Publikum kaum an sich halten kann. Seit einem Jahr besucht sie als beängstigend schlagfertige Außenreporterin für die ZDF-heute-show auch Parteitage. Geht zur CDU und fragt Julia Klöckner, wie oft Angela Merkel noch Kanzlerin werden müsse, damit die Frauenquote endlich erfüllt sei in der deutschen Politik. Steht dann da. Ihr Gesicht verrät nichts, vielleicht nur ihr Alter. Brugger ist 23.

Es ist ein Vormittag, und sie sitzt in einem Kölner Café. Viele Pressetermine sage sie inzwischen ab. Zu viele Anfragen, heißt es aus ihrem Management. Seit einem Jahr wohnt Brugger in Köln, weil ihr die Schweiz bald zu klein geworden ist. Immer dieselben Autobahnen. Immer dieselben Bühnen. Immer dieselben Leute, die sagten: "Was, du willst Comedienne sein? Mach doch was Richtiges."

Brugger: geboren in San Diego als Kind einer Lehrerin und eines Neuropsychologen, aufgewachsen im Zürcher Unterland. Das sei ähnlich wie Berlin-Spandau. Bloß haben viele eine Million auf dem Konto. Brugger trägt Jeans und T-Shirt. Man könnte sie für eine der anderen Studentinnen halten, die hier Cappuccino trinken, draußen in der Sonne, gebeugt über den Laptop. Ein paar Semester hat Brugger auch studiert, Philosophie. Dann hat sie gemerkt, dass sie nicht mit anderen darüber reden wolle, ob Tiere Gefühle besitzen.

"Der Wartesaal zwischen Flachbrüstigkeit und Gesieztwerden"

Kürzlich hat sie mit dem CDU-Politiker Jens Spahn Handy-Accessoires gebastelt. Do it yourself mit Hazel Brugger heißt ihre neue Serie in der heute-show. Mit der Grünen Claudia Roth macht sie einen veganen Mettigel, mit Wolfgang Kubicki von der FDP klebt sie aus Chipsdosen und Plastiklöffeln Musikinstrumente zusammen. Sieben-Minuten-Clips, in denen Brugger Politiker dazu bringt, nutzlosen Kram herzustellen.

Es sind grandiose Fernsehmomente. Wenn Claudia Roth mittendrin jammert, wie gern sie jetzt einen Wein hätte oder wenigstens ein Bier. Wenn Kubicki flirtet wie ein Sauna-Gigolo und Brugger ihn nur ausdruckslos anguckt. Oder wenn sie selbst für einen Augenblick flüchtig in die Kamera blickt, als wolle sie sagen: Hilfe.

Manchmal, sagt Brugger, wundert sie sich, wie die Anfragen wohl aussehen, mit denen das ZDF die Politiker einlädt. Und noch mehr wundert sie sich darüber, dass die Politiker dann auch wirklich kommen. Um Schleim anzurühren oder grelle Kindergeburtstagsmilchshakes zu pürieren wie mit der Linken Katja Kipping. Immer wenn Kipping über Politik reden will, schmeißt Brugger den Mixer an.

Als ihr Timing noch nicht so exakt war, aber ihr Humor schon ähnlich traf, trat sie in Poetry Slams auf, den "Paralympics der Literatur". So nennt sie das heute selbst. Mit 15 hat sie begonnen, Texte zu verfassen. Schreiben hieße, sich an Gefühle zu erinnern. Sie habe sich nie wohl gefühlt, auch in der Schule nicht, sie habe zwar ein paar Freunde gehabt, sich aber nie gedacht, "ach, ist das alles toll".

Sie blickt an sich herunter und ruft: "Stell dir mich mal als 13-Jährige vor!"

Während andere Poetryslammer ihres Alters damals über Studentenpartys juxten oder wie Julia Engelmann lila Wolken über Hausdächern aufgehen ließen, der schnell verwelkenden Jugend wehmütig hinterhersahen und zur Eintagsberühmtheit wurden, da las Hazel Brugger: "Die Jugend ist der beschissene, unvermeidliche Wartesaal zwischen Flachbrüstigkeit und Gesieztwerden", in dem ein Badezimmerspiegel aussehe, wie ein "Jackson-Pollock-Gemälde aus suppig gelbem Talg und blutigen Schlieren".

Ihren Job nennt sie tatsächlich Comedy

Jungsein als Horror, auf die Bühne kam sie als eine Überlebende, die nun in outrierten Bildern davon erzählt, wie das ist. Wie es ist, Hazel zu heißen zum Beispiel. Wie es ist, wenn man so aussieht, "wie ein Nutztier, das zum ersten Mal Wick MediNait getrunken hat". Und wenn das Publikum während ihrer Auftritte oft sehr laut und oft auch sehr fassungslos lachte, sagte sie: "Ich könnte die Bühnenzeit auch dafür nutzen, mich attraktiv zu gestalten. Aber was soll’s, dann werde ich wenigstens nicht schwanger."

Damals las sie vieles noch vom Zettel. Als sie den Zettel weglegte, ging es erst richtig los.

In der Schweiz wurde sie, Anfang 20, mit ihrem unzweifelhaften Talent rasch zum Star. Sie sitzt in Fernsehshows, ihr wurden Werbeverträge angeboten, die sie alle ausgeschlagen hat. Weil sie nicht wie der Tennisspieler Roger Federer enden wolle, das unumstößliche Nationalheiligtum der Schweizer oder der "Hoden der Nation", wie Brugger ihn in ihrem ersten Buch nennt, einer Sammlung ihrer Kolumnen für den Schweizer Tages-Anzeiger.

Es handelt von Hunden, von Schlaflosigkeit, Pralinen in der Schützengraben-Edition, von Rentnern, die auf den Mars ziehen und vom Sterben. Auf dem Cover trägt sie eine Papiertüte auf dem Kopf. Das Buch heißt Ich bin so hübsch.

Hazel Brugger hat in ihrer kurzen Karriere bislang fast alles gewonnen, was man in ihrer Branche so gewinnen kann, den Bayerischen Kabarettpreis, den Salzburger Stier. Als sie jüngst den Deutschen Kleinkunstpreis in Mainz erhielt, bedankte sie sich mit den Worten: 5.000 Euro seien gerade so viel, dass Deutsche applaudieren und Schweizer nicht lachen. Wegen der heute-show ist ihre Berühmtheit in Deutschland rasant gestiegen. Auf dem YouTube-Kanal der Sendung werden ihre Videos am häufigsten angesehen. Ihr erstes Solo-Programm "Hazel Brugger passiert", das sie seit einer Weile auf Kleinkunstbühnen zeigt, ist fast immer ausverkauft.

Lärmende, deutsche Humorerschöpfung

Ihren Job nennt sie tatsächlich: Comedy. Auch weil das englische Wort "Entertainment" auf Deutsch nicht übersetzbar sei. Unterhaltung, das sei ja etwas anderes. Unterhaltung klänge nach etwas Anstrengendem.

Aber ist Comedy ein besseres Wort? Im Deutschland der Atze Schröders, der Pochers, der Bülent Ceylans und Cindys aus Marzahn klingt Comedy nach Witzerzählen, nach den Lachhöllen der Privatsender, in denen Leute "so’n Hals kriegen" und andauernd "Frau Merkel" sagen. Das ganze Jahalloerstmal. Lärmende, deutsche Humorerschöpfung.

Vielleicht erklärt gerade das Hazel Bruggers Erfolg. Dass sie die auftrumpfende Lustigkeit den prustenden Alltagsberichterstattern überlässt. Sie lacht nicht mit im Höhö der Zufriedenheit, das es sich im Unerträglichen bequem gemacht hat. Kommt auf die Bühne und knallt ihren Zuschauern ein paar selbstdemontierende, schmerzhafte Sätze hin, und ist dann die einzige, die im Saal die Fassung behält. Nach einer Pointe fragt sie dann hinein ins Johlen der anderen:

"Jetzt haben Sie gerade nicht dran gedacht, dass Sie sterben, oder?"

 Pause.

"Naja, ich hab mir Sie gerade tot vorgestellt."

Sie steckt die Hände in die Taschen. Trainingsjackenexistenzialismus.

Hazel Bruggers Komik kann man vielleicht als Kampftechnik verstehen. Als könne man das eigene Unbehagen an der Welt selbst zurichten, wenn man es nur brachial genug auf die Spitze treibt.

Und ihre Comedy würde auch als Text funktionieren. Statt atemlosem Pointengeprassel langsam sich entwickelnde Motive, Sprachspiele, die mit Wörtern wie "Hinterfotzigkeit" ihren Anfang nehmen und bei Bonmots enden wie: "Eigentlich bin ich transsympathisch". Das sind so Hazel-Brugger-Sätze. Dass nicht jeder über sie lachen mag, kann sie verstehen. So, wie sie auch versteht, dass eine 23-Jährige, die klügere und lustigere Sachen sagt als viele ihrer Kollegen, auf manche Zuschauer selbst schon wie eine Provokation wirkt.

Misanthropie, das ist ein großes, finsteres Wort

Hazel Brugger hat in ihrer kurzen Karriere fast alles gewonnen, was man in ihrer Branche so gewinnen kann. © Julia Sellmann für DIE ZEIT

Das meiste von dem, was sie auf der Bühne sage, sei ja ernst gemeint. Die Leute lachen trotzdem. Warum sollten sie auch weinen, fragt sie. Sie haben ja Eintritt bezahlt, das wäre doch dumm. Vor Kurzem, sagt sie, habe sie eine Dokumentation gesehen, in der eine Frau gesagt habe: Laughter is what you do when you’ve cried enough. Das habe ihr gefallen. Jeder gute Humor, sagt sie, habe seinen Kern im Schmerz. Und in ihrem Fall: einen Überschuss an absurder Fantasie und einer Assoziationsgabe, an die sich ein Publikum zuweilen noch gewöhnen muss.

Gelegentlich, nach Auftritten, passiert es, dass Leute sie ansprechen. Weil ihnen manches zu heftig gewesen sei. Oder sie öffnet später zu Hause E-Mails, in denen steht: Du sagst genau das, was ich denke. Ein Shitstorm kam noch nie. Obwohl in Bruggers Pointen Schwangere vorkommen, Menstruationsblut und Geburtsqualen, die sie mit einem rasierten Bernhardinerrüden vergleicht, den man durch eine Katzentür in den Garten drückt.

Manche Journalisten, die Bruggers Auftritte besuchten, haben sie als Misanthropin bezeichnet. Misanthropie, das ist ein großes, finsteres Wort. Sie würde sich eher Melancholikerin nennen. Eine, die daran verzweifelt, dass Menschen sich komplizierte Welten schaffen, sobald sie erwachsen sind. Der Labrador ihrer Mutter tue das übrigens nicht. "Der chillt den ganzen Tag."

Scham ist eine Schweizer Volkssportart

Eine Episode in ihrem Bühnenprogramm erzählt davon, dass jährlich zehn Menschen an einem Snackautomaten sterben. Und während Brugger daraus eine kleine Menschheitsparabel entwirft, über Idiotie, Natur und Kultur und den Klang des Wortes Pforzheim ("Wie eine Lymphkrankheit"), da öffnet sie pantomimisch die Klappe des Automaten und sagt kalt: "Moment, da liegt noch ein Baby. Geh zur Seite." Das ist eher Beckett als Barth.

Die Irritationen, die solche Szenen erzeugen, müssten für alle im Saal Arbeit sein, sagt Brugger, nicht nur Arbeit für sie selbst. Scham ist eines ihrer Lieblingsthemen, Scham und Höflichkeit. Schweizer Volkssportarten der Erwachsenen.

Wenn man nicht mehr fünf Jahre alt sei, sagt Brugger, bestehe das Leben darin, immer weiter beschädigt zu werden. Irgendwann ist man tot. Und die Leere, die Angst, die Zeit möblieren wir mit Dingen, mit Zeug, mit Liebe vielleicht. "Ich liebe dich" bedeute, sagt Brugger, man sei bereit, mit jemandem an den "furchtbaren Ort der Inkontinenz" zu gehen. Das klingt kurz wie ein schauriger Witz. Aber eigentlich klingt es ganz schön.

Brugger schaut kurz aus dem Fenster des Cafés, draußen westdeutsche Standardhauptstraße. Früher Nachmittag. Sie müsse nun los. Später tritt sie noch auf der anderen Rheinseite auf, im Tanzbrunnen, Open Air vor knapp 2.000 Leuten. "Ladies Night" heißt dieser Abend, eine Institution in Köln, aber man solle lieber nicht weiterfragen. Nicht nach Humor von Frauen und Humor von Männern. Und wer weiß, vielleicht habe sie sowieso irgendwann genug von Comedy und werde lieber Zahnärztin, weil man ja alles werden könne, wenn man nur berühmt genug ist. Bruggers Gesicht ist dabei sehr ernst, sehr ungerührt. Dann fängt sie laut an zu lachen.

Eine leicht veränderte Version ist auch in der Schweiz-Ausgabe der ZEIT Nr. 38 erschienen, im sechsseitigen Sonderheft "Mehr Schweiz für Deutschland".