Am Sonntag werden sich die deutschen Wähler allen Voraussagen nach einem besorgniserregenden internationalen Trend anschließen und mit der AfD eine rechtspopulistische Partei in den Bundestag wählen. Die Gründe für den derzeitigen Erfolg des Rechtspopulismus in Europa und den USA sind vielfältig. Wirtschaftliche Ängste, Globalisierungsverunsicherung, Demokratiemüdigkeit, Lust auf eine Vereinfachung der Welt, Autoritätssehnsucht und dergleichen mehr werden ins Feld geführt. Und immer wieder auch dies: Dass Rechtspopulisten eine nationalistische Version von "Identitätspolitik" anbieten, für all diejenigen, die im allgemeinen modernen Interesse am Minderheitenstatus mit Anspruch auf besonderen Schutz auf der Strecke geblieben sind. Alte, weiße, heterosexuelle Männer, beispielsweise. Oder schlichtweg Männer. Oder Deutsche ohne Migrationshintergrund. Jene also, die bis vor kurzem als Norm galten und sich seit einiger Zeit im Selbstgefühl untergraben fühlen, weil es Gruppen gibt, die auf rechtliche Gleichstellung und wirtschaftliche Inklusion bestehen, Frauen, Schwulen, Migranten, People of Color und so weiter. 

Die These wäre also, dass der Rechtspopulismus den progressiven, emanzipatorischen Identitätspolitiken eine regressive, nationalistische Identitätspolitik entgegensetzt.

Als Kausalität ist das sicher zu kurz gedacht. Es wird niemand ernsthaft behaupten können, die AfD sei mit ihrem "Traditionell? Uns gefällt‘s" nichts als die direkte Antwort auf den "Aufschrei" gegen Herrenwitze. Aber es ist schwer zu bestreiten, dass das gegenwärtige gesellschaftliche Klima, die überhitzte Debattenlage bei aller Breite und Stabilität der Mitte auch einer Radikalisierung und Verhärtung der ideologischen Fronten Vorschub leistet. Und dass nach dem Aufstieg einer antiliberalen und antimodernen Rechten viele auf der linken, progressiven Seite sich mit ähnlich starker ideologischer Härte verschanzen. So geht mittlerweile, gerade auch unter denen, die sich der Sache der Emanzipation und der Minderheitenrechte verpflichtet fühlen, ein Unbehagen um, das in weiten Teilen vage und schwer auf den Punkt zu bringen ist.   

Antirassismus wird plötzlich bekämpft

Von Erlebnissen, die sich seltsam und irgendwie schräg anfühlen, können mittlerweile viele auch aus dem linken Milieu berichten: Die junge (linke, lesbische) weiße Frau, die in einer Berliner Hinterhofveranstaltung ob ihrer Dreadlocks streng des Lokals verwiesen wird, weil diese nicht mehr als Ausdruck jugendlicher Selbstfindung durchgehen, sondern ihr als unzulässige "cultural appropriation" ausgelegt werden; der schwule Freund, der sich darüber aufregt, dass ihn ein Arbeitskollege zum Thema "Homo-Ehe" befragen wollte — weil er darin nicht mehr harmloses oder zugewandtes Interesse wahrnimmt, sondern eine unzulässige Festlegung von außen auf seine sexuelle Identität; oder die Bekannte, die einen reaktionären Artikel gegen die "Ehe für alle" nicht einfach nur dumm nennen mag, sondern sofort als menschenfeindlich bezeichnet und den Boykott der Zeitung fordert, in der er erschienen ist.

Es mehrt sich der Eindruck, dass heute auf allen Seiten häufiger als noch vor ein paar Jahren mit persönlicher Betroffenheit argumentiert wird. Und ebenso, dass die Selbstthematisierung in Identitätskategorien zugenommen hat – jung, schwarz, lesbisch, migrantisch, Arbeiterkind oder gar alter heterosexueller weißer Mann, auch wenn zunehmend unklar wird, wer eigentlich heutzutage noch ein solcher sein möchte.

In den der vergangenen Jahre vereinigte sich die Opposition gegen solche Tendenzen oft unter dem Stichwort Gender (oder auch dessen polemischer Verzerrung, "Genderismus"). In Talkshows und konservativen Medien war es weitgehend nicht mehr der klassische Feminismus, der als Untergang des Abendlandes heraufbeschworen wurde, sondern die Genderstudies oder das Gender-Mainstreaming – und in einer eigenwilligen und absurden Verkürzung das Problem der Unisex-Toilette. Während es also ganz früher einmal die Frauen waren, die als übertrieben abgetane Forderungen stellten, und später die Homosexuellen, scheint sich der konservative "Es-ist-jetzt-aber-auch-mal-gut"-Gestus nun auf die Transsexuellen eingeschossen zu haben. Sowie, eigenartigerweise, auf Antirassismus. Man erinnere sich an die latent absurde Debatte rund um die Tilgung von rassistischen Begriffen aus den Neuauflagen von Kinderbüchern, in der gerne gleich ein Verlust unseres kulturellen Erbes beschworen wurde.