Die Freiheitsstatue mit Totenkopf, Medusenhaupt und einer Rakete in der erhobenen Hand (Pax Americana), Ku-Klux-Klan-Gestalten mit hochgereckten Armen (Orgasmo racial) oder der weit aufgerissene Mund eines Präsidenten, der, mit roter Krawatte, über den Frieden spricht, während er sich auf Panzerketten stützt wie auf Armlehnen (El presidente habla sobre la paz) – ein halbes Jahrhundert nach ihrer Entstehung erhalten manche Fotomontagen aus der Serie The American Way of Life des spanischen Künstlers Josep Renau Berenguer eine unerwartete Aktualität.

Verena Boos ist Historikerin und Schriftstellerin. Sie hat die Romane "Blutorangen" und "Kirchberg" (Aufbau-Verlag) verfasst. Derzeit ist sie Memory-Work-Stipendiatin der Bundesstiftung Aufarbeitung und forscht über Erinnerungskultur und Gedächtnispolitik in Spanien. Sie ist Gastautorin von "10 nach 8". © Joachim Gern

Die antikapitalistischen Collagen, die der Kommunist Renau 1949 im mexikanischen Exil begann und ab 1958 in der DDR fortführte, waren bisweilen ebenso krude wie historisch ungenau. Renau wollte seinem Publikum zu verstehen geben, welch unmenschliche Perversion in den widersprüchlich schillernden und zugleich faszinierenden Signalen des American Way of Life liege, der Millionen Menschen inner- und außerhalb der USA mehr oder weniger versklave. Fünfzig Jahre später, nach den tödlichen Ereignissen in Charlottesville und in einer Zeit, da entfesselter Kapitalismus in Verbindung mit Dummheit, rechtsradikalem Gedankengut und atomarem Kettengerassel seine Fratze zeigt, sind Renaus Blätter womöglich weniger verstaubt als gedacht und regen zumindest zur Reflexion über die globale Wirkmacht Amerikas, dessen gesellschaftliche Zerrissenheit und den zyklischen Verlauf von Geschichte an. 

Mit einem Stipendium der Bundesstiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur arbeite ich derzeit in Spanien zu Erinnerungskultur und Gedächtnispolitik, beschäftige mich mit der Geschichte und den Geschichten von Gewalt und Totalitarismus. Memory-Work-Stipendiaten sollen sich als Erinnerungsarbeiter international vernetzen und den Geschichtsumgang des Gastlandes – in meinem Falle Spaniens mit der Franco-Diktatur – zu Deutschland und anderen Ländern Osteuropas mit kommunistischen Vergangenheiten in Bezug setzen. Bei meinen Recherchen stieß ich auf Renau, dessen Biografie – 1907 in Valencia geboren und 1982 in Ost-Berlin gestorben – einen solchen Brückenschlag zwischen den beiden Ländern geradezu personifiziert. Kunst und Politik, antifaschistisches Engagement und kreatives Schaffen gingen bei ihm Hand in Hand, und so wird Renau heute in Spanien als Verkörperung sozialer Werte angesehen, die über sein Werk und Leben hinausreichen. Erinnert wird sein Name unter anderem deshalb, weil er als Funktionär während des spanischen Bürgerkriegs die wichtigsten Werke des Prado in Sicherheit bringen ließ.

Auftrag für Picassos "Guernica"

Der spanische Bürgerkrieg dürfte eine der spannendsten Phasen in Renaus durchaus nicht ereignisarmen Leben gewesen sein. Vier Monate nach dem Putsch rechter Generäle im Juli 1936 zog die Regierung der Republik aus dem umkämpften Madrid nach Valencia. Als der Prado im Bombenhagel schwer beschädigt wurde, waren die wichtigsten Werke in einer abenteuerlichen Nachtaktion schon in Sicherheit gebracht worden – auf Anordnung des Valencianers Renau in die dortigen Serrano-Türme. Renau saß zu dieser Zeit – noch nicht einmal dreißig Jahre alt – als Direktor für Schöne Künste im Ministerium für Volksbildung und Kunst an einer der wichtigsten Schaltstellen der Kulturpolitik. Er, der als Künstler wie auch als Funktionär anstrebte, Spanien mithilfe von Kunst und Kultur nach außen zu repräsentieren, koordinierte von Amts wegen den spanischen Pavillon auf der Weltausstellung in Paris 1937. Er vergab die entsprechenden künstlerischen Aufträge, und so hat das heutige Spanien diesem Mann sein wichtigstes Gemälde zu verdanken: Guernica.

Parallel zu seiner politischen Tätigkeit arbeitete Renau als Plakatmaler und Collagist. Er führte die politische Fotomontage in Spanien ein und war ab 1938 oberster Kriegspropagandist im Generalstab des Heeres. Diese Militanz übersetzte sich zweifellos in die Radikalität der Farbmontagen des Way of Life, den er ein Jahrzehnt später im Exil in Mexiko begann und an dem er fast für den Rest seines Lebens weiterarbeiten sollte. In der DDR, wohin er auf Einladung des Deutschen Fernsehfunks übersiedelte, erweiterte er seinen Collagenzyklus um visuelle Pamphlete gegen den Spiegel, gegen Strauß und Adenauer, den er als Bundesadler aus dem Ei eines Reichsadlers mit Hitlers Konterfei schlüpfen lässt. Historische und politische Genauigkeit opferte Renau der Schärfe seiner Kritik und blendete die Verantwortung der DDR im Kalten Krieg weitgehend aus. Für die Biennale von Venedig 1976 beendete er schließlich sein Werk und öffnete sich damit sechs Jahre vor seinem Tod der westlichen Kunstwelt.

Tragische Gegenwart

Als "DDR-Künstler" und Vertreter des ostdeutschen Regimes ist Josep Renau so gut wie vergessen. Er arbeitete fürs Fernsehen und schuf nach dem Vorbild des mexikanischen Muralismo große farbenprächtige Wandbilder in Halle-Neustadt, Erfurt und Berlin. Renaus Freiluftkunst war wieder bewegt von einer propagandistischen Motivation: "Ich male nicht für das Zentralkomitee. Ich male für die Leute, die sich nicht für Malerei interessieren. Die Kunst muss zum Menschen kommen, in jedes Haus, ohne zu fragen!" Die jüngst abgeschlossene Restaurierung des Erfurter Fassadenmosaiks durch die Wüstenrot Stiftung ist ein rares Beispiel für den Erhalt seines künstlerischen Erbes in Deutschland. Im kommenden Jahr soll es – auf einer Unterkonstruktion, da das ursprüngliche Gebäude nicht mehr steht – an seinen alten Standort am Moskauer Platz zurückkehren.

Valencia dagegen hält die Erinnerung an Renau hoch, was auch daran liegt, dass die Stadt unter ihrem neuen linken Bürgermeister Joan Ribó ihr historisches Erbe als Regierungssitz während des Bürgerkrieges wiederentdeckt. Ein neu markierter Rundgang führt an die Orte republikanischer Kriegsgeschichte, auch zu den Serrano-Türmen, wo die Einlagerung der Prado-Werke im November 1936 als nicht weniger denn die Rettung des spanischen Kulturschatzes erinnert wird.

In Valencia brachte mich mein valencianischer Lektor auf Renaus Spur, hier besuchte ich eine Ausstellung seiner Buchgrafiken und Fotoarbeiten aus dem spanischen Pavillon. Eine Stiftung pflegt den Nachlass, und das Institut Valencià d'Art Modern, das 1989 die eigene Eröffnung mit einer Gesamtedition des Way of Life begangen und zu Renaus Hundertstem eine große Retrospektive gebracht hatte, preist seine Innovationskraft ebenso wie die antifaschistische Militanz seiner Arbeiten. Hier gilt er als treibende Kraft der ästhetischen Erneuerung der dreißiger Jahre, gleichauf mit dem Schriftsteller Max Aub. Teil dieses Erinnerungspakets ist eine Neubewertung der damaligen Kulturszene als Teil der europäischen Avantgarde, als eine Epoche, zu der man in Valencia an den großen europäischen Themen mitschrieb – und einen Künstler hervorbrachte, dessen Werk und Militanz schon von Vorgestern schienen und doch heute wieder grelles Licht auf eine tragische Gegenwart zu werfen vermögen.